Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Nein; ich liebe ihn einfach, ohne bestimmten Grund.«
»Mir geht es ebenso. Er tut mir immer gewissermaßen leid.«
»Mir ebenfalls«, erwiderte Natascha.
»Was sollen wir jetzt mit ihm machen? Und wie er Sie um meinetwillen hat verlassen können, das begreife ich nicht!« rief Katja. »Gerade jetzt, nachdem ich Sie gesehen habe, begreife ich es nicht!«
Natascha antwortete nichts und blickte zur Erde. Katja schwieg ein Weilchen; dann stand sie plötzlich von ihrem Stuhl auf und umarmte sie. Beide begannen, sich umschlungen haltend, zu weinen. Katja setzte sich auf die Armlehne von Nataschas Lehnstuhl, ohne sie aus ihren Armen zu lassen, und begann, ihr die Hände zu küssen.
»Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!« sagte sie weinend. »Wir wollen Schwestern sein; wir wollen immer aneinander schreiben... und ich werde Sie mein Leben lang lieben; ich werde Sie so lieben, so lieben...«
»Hat er Ihnen gesagt, daß im Juni unsere Hochzeit sein soll?« fragte Natascha.
»Ja. Er sagte, auch Sie seien damit einverstanden. Aber das haben Sie doch alles nur so gesagt, um ihn zu trösten, nicht wahr?«
»Gewiß.«
»Das habe ich mir gleich gedacht. Ich werde ihn sehr lieben, Natascha, und Ihnen alles schreiben. Ich glaube, er wird jetzt bald mein Mann werden; es sieht ganz so aus. Und sie reden alle in diesem Sinn. Nataschenka, Sie werden dann wohl wieder... in das Haus Ihrer Eltern zurückkehren?«
Natascha antwortete nichts, sondern gab ihr schweigend einen herzlichen Kuß.
»Werden Sie glücklich!« sagte sie.
»Und Sie... Sie... ebenfalls!« versetzte Katja.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Aljoscha trat ein. Es war über seine Kraft gegangen, diese halbe Stunde zu warten, und als er nun sah, wie die beiden einander in den Armen lagen und weinten, sank er ganz kraftlos, mit einer Miene tiefsten Leides vor Natascha und Katja auf die Knie.
»Warum weinst du denn?« sagte Natascha zu ihm.
»Wegen der Trennung von mir? Aber es ist ja nicht auf lange; im Juni kommst du ja doch wieder?«
»Und dann wird eure Hochzeit sein«, fügte, ebenfalls um Aljoscha zu trösten, Katja eilig mitten zwischen ihren Tränen hinzu.
»Aber ich bin nicht imstande, nicht imstande, dich auch nur für einen Tag zu verlassen, Natascha. Ich sterbe, wenn ich von dir fern bin... du weißt gar nicht, wie teuer du mir jetzt bist! Gerade jetzt!...«
»Nun, weißt du, wie du es dann machen kannst?« sagte Natascha, die auf einmal lebhafter wurde. »Die Gräfin bleibt ja wohl eine Zeitlang in Moskau?«
»Ja, fast eine Woche«, fiel Katja ein.
»Eine Woche! Dann wäre doch das beste, du begleitest die beiden Damen morgen nach Moskau (das dauert nur einen Tag) und fährst gleich wieder hierher zurück. Und sobald sie von Moskau abreisen müssen, dann nehmen wir voneinander vollständig, auf einen Monat, Abschied, und du kehrst nach Moskau zurück, um sie aufs Land zu begleiten.«
»So ist's richtig, so ist's richtig...«. Ihr könnt dann noch vier Tage zusammen verleben!« rief Katja entzückt und wechselte mit Natascha einen vielsagenden Blick.
Ich kann Aljoschas Entzücken über diesen neuen Plan gar nicht schildern. Er fühlte sich auf einmal völlig getröstet; sein Gesicht strahlte vor Freude; er umarmte Natascha, küßte Katja die Hände und umarmte mich. Natascha blickte ihn mit einem traurigen Lächeln an; aber Katja konnte es nicht ertragen. Sie wechselte mit mir einen Blick, bei dem ihre Augen in heißem Zorn funkelten, umarmte Natascha und erhob sich, um aufzubrechen. Gerade in diesem Augenblick schickte die Französin den Diener mit der Bitte, das Zusammensein schleunigst zu beenden, da die verabredete halbe Stunde schon verflossen sei.
Natascha stand auf. Beide standen einander gegenüber, hielten sich an den Händen gefaßt, und es schien, als suchten sie mit ihren Blicken all das auszudrücken, was ihre Seelen erfüllte.
»Wir werden uns wohl niemals wiedersehen«, sagte Katja.
»Niemals, Katja«, antwortete Natascha.
»Nun, dann wollen wir voneinander Abschied nehmen!«
Beide umarmten sich.
»Fluchen Sie mir nicht!« flüsterte Katja hastig; »ich aber... ich werde immer... seien Sie überzeugt... er wird glücklich werden... Komm, Aljoscha, begleite mich!« sagte sie schnell und ergriff seine Hand.
»Wanja!« sagte Natascha aufgeregt und erschöpft zu mir, als sie hinausgegangen waren; »begleite auch du sie und... komm nicht zurück; Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis acht Uhr; den Abend über kann er nicht bleiben, er muß fortgehen. Ich werde dann allein sein... Komm um neun Uhr her! Ich bitte dich darum!«
Als ich um neun Uhr Nelly nach der Geschichte mit der zerbrochenen Tasse in Alexandra Semjonownas Obhut verlassen hatte und zu Natascha kam, war sie schon allein und erwartete mich mit Ungeduld. Mawra brachte uns den Samowar; Natascha goß mir Tee ein, setzte sich auf das Sofa und forderte mich auf, nahe bei ihr Platz zu nehmen.
»Nun ist alles zu Ende«, sagte sie, mich starr anblickend. Niemals werde ich diesen Blick vergessen.
»Nun ist unsere Liebe zu Ende. Ein halbes Jahr hat es gedauert, und nun ist's fürs ganze Leben vorbei«, fügte sie hinzu und drückte mir die Hand.
Ihre Hand war heiß. Ich redete ihr zu, sich etwas Warmes anzuziehen und sich ins Bett zu legen.
»Gleich, Wanja, gleich, mein lieber Freund! Laß mich nur noch ein bißchen reden und der Vergangenheit gedenken!... Ich bin jetzt wie zerschlagen... Morgen werde ich ihn zum letztenmal sehen, um zehn Uhr... zum letztenmal!«
»Natascha, du fieberst; gleich wird der Schüttelfrost kommen; schone dich!...«
»Was tut's? Ich habe jetzt diese halbe Stunde seit seinem Fortgehen auf dich gewartet, Wanja, und was meinst du, woran ich gedacht habe, welche Frage ich mir vorgelegt habe? Ich habe mich gefragt: habe ich ihn geliebt oder nicht, und von welcher Art ist unsere Liebe gewesen? Es kommt dir wohl lächerlich vor, Wanja, daß ich mir diese Frage erst jetzt vorlege?«
»Rege dich nicht auf, Natascha...«
»Siehst du, Wanja, ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß ich ihn nicht wie einen mir Gleichstehenden geliebt habe, so wie gewöhnlich eine Frau einen Mann liebt. Ich habe ihn geliebt wie... beinahe wie eine Mutter. Ich meine sogar, daß es überhaupt auf der Welt keine solche Liebe gibt, bei der beide einander wie Gleichgestellte lieben. Wie denkst du darüber?«
Ich betrachtete sie beunruhigt und fürchtete, daß bei ihr ein Nervenfieber im Anzug sei. Es war, als treibe sie ein unwiderstehlicher innerer Drang, als fühle sie ein besonderes Bedürfnis zu reden; manches, was sie sagte, hatte gar keinen Zusammenhang, und sie sprach die Worte manchmal sogar mangelhaft aus. Ich war in großer Besorgnis.
»Er war mein«, fuhr sie fort. »Fast seit der ersten Begegnung mit ihm wurde damals in mir der unwiderstehliche Wunsch rege, daß er mein werden möchte, recht bald mein, und daß er keine andere Frau ansehen, keine andere Frau kennen möchte als mich, mich allein... Katja hat vorhin etwas ganz Richtiges gesagt: ich habe ihn wirklich so geliebt, als ob er mir die ganze Zeit über aus irgendwelchem Grund leid täte... Ich hatte, wenn ich allein geblieben war, immer den heißen, ja qualvollen Wunsch, daß er im höchsten Grad und lebenslänglich glücklich sein möchte. Ich konnte sein Gesicht (du kennst ja den Ausdruck seines Gesichtes, Wanja), ich konnte sein Gesicht nicht ruhig ansehen: ein solcher Ausdruck ist bei keinem anderen Menschen zu finden, und wenn er lachte, so lief mir ein kaltes Zittern über den Leib... Wahrhaftig!...«
»Natascha, höre...«
»Da sagten die Leute nun«, unterbrach sie mich, »und auch du hast es gesagt, daß er charakterlos sei und... und nicht viel mehr Verstand habe als ein Kind. Nun, gerade das habe ich an ihm am allermeisten geliebt... solltest du es glauben? Ich weiß übrigens nicht, ob ich eigentlich dies allein an ihm geliebt habe; ich liebte ihn einfach ganz so, wie er war, und wäre er in irgendeiner Hinsicht ein anderer gewesen, charakterfest oder verständiger, so hätte ich ihn vielleicht nicht so stark geliebt. Weißt du, Wanja, ich will dir noch ein Bekenntnis ablegen; erinnerst du dich, ich hatte mit ihm vor drei Monaten einen Streit, als er bei jener... wie hieß sie doch?... bei dieser Minna gewesen war... Ich erfuhr es und verhörte ihn, und solltest du es glauben: es war mir sehr schmerzlich, gleichzeitig aber auch gewissermaßen angenehm... ich weiß nicht, warum... schon der Gedanke, daß er sich amüsierte... oder nein, das war es nicht: daß auch er wie ein Erwachsener mit anderen Erwachsenen zu schönen Frauen fuhr, daß auch er diese Minna besuchte! Ich... Welch einen Genuß empfand ich damals bei diesem Streit; und dann ihm zu verzeihen... o lieber Freund!«