Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Was ist mit ihr, Doktor?« fragte ich, halbtot vor Angst. »Geduld!« antwortete er; »wir müssen uns die Krankheit erst näher ansehen; dann erst können wir uns eine Meinung darüber bilden... aber im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Sache recht übel aussieht. Es kann sich sogar ein Nervenfieber daraus entwickeln... Übrigens werden wir unsere Maßnahmen ergreifen...«
Aber in meinem Kopf war bereits ein anderer Gedanke aufgeblitzt. Ich bat den Arzt, noch zwei oder drei Stunden bei Natascha zu bleiben, und ließ mir von ihm versprechen, daß er sich auch nicht für eine Minute von ihr entfernen werde. Er gab mir sein Wort, und ich lief nach Hause.
Nelly saß finster und aufgeregt in einer Ecke und sah mich seltsam an. Gewiß bot ich selbst einen seltsamen Anblick.
Ich faßte sie bei den Händen, setzte mich auf das Sofa, nahm sie auf meinen Schoß und küßte sie herzlich. Sie wurde dunkelrot.
»Nelly, mein Engel!« sagte ich; »willst du unsere Retterin sein? Willst du uns alle retten?« Sie sah mich erstaunt an. »Nelly, unsere ganze Hoffnung beruht jetzt auf dir! Da ist ein Vater: du hast ihn gesehen und kennst ihn; er hat seine Tochter verflucht und ist gestern hergekommen mit der Bitte, du möchtest anstelle der Tochter zu ihm ziehen. Jetzt ist Natascha (und du hast gesagt, daß du sie liebst) von demjenigen verlassen worden, den sie liebte und um dessentwillen sie von ihrem Vater weggegangen war. Er ist der Sohn jenes Fürsten, der, wie du dich erinnern wirst, eines Abends zu mir kam und zunächst dich allein vorfand; und du liefst von ihm weg und wurdest nachher krank... Du kennst ihn doch? Er ist ein schlechter Mensch!«
»Ja, ich kenne ihn«, antwortete Nelly, die zusammengezuckt und blaß geworden war.
»Ja, er ist ein schlechter Mensch. Er haßt Natascha dafür, daß sein Sohn Aljoscha sie heiraten wollte. Heute ist Aljoscha abgereist, und eine Stunde darauf war sein Vater schon bei ihr und beleidigte sie und drohte ihr, sie ins Arbeitshaus bringen zu lassen, und verhöhnte sie. Verstehst du mich, Nelly?«
Ihre schwarzen Augen funkelten; aber sie schlug sie sofort zu Boden.
»Ja«, flüsterte sie kaum hörbar.
»Jetzt ist Natascha allein und krank; ich habe unseren Arzt bei ihr gelassen und bin selbst zu dir gelaufen. Höre, Nelly: wir wollen zu Nataschas Vater gehen; du kannst ihn nicht leiden, du wolltest nicht zu ihm ziehen; aber jetzt wollen wir beide zusammen zu ihm hingehen. Wenn wir eintreten, werde ich sagen, daß du jetzt bereit seist, anstelle der Tochter, anstelle Nataschas, bei ihnen zu leben. Der alte Mann ist jetzt krank, weil er Natascha verflucht hat und weil er von Aljoschas Vater erneut tödlich beleidigt worden ist. Er will jetzt von seiner Tochter überhaupt nichts hören; aber er liebt sie, er liebt sie, Nelly, und möchte sich mit ihr versöhnen; ich weiß das, ich weiß das alles! Es ist so!... Hörst du auch, Nelly?«
»Ich höre«, antwortete sie, wieder nur flüsternd. Während ich zu ihr sprach, strömten mir die Tränen aus den Augen. Sie sah mich schüchtern an.
»Glaubst du es auch?« fragte ich. »Ja, ich glaube es.«
»Nun, dann werde ich mit dir hinfahren. Sie werden dich freundlich aufnehmen und nach allem befragen. Dann werde ich selbst das Gespräch so lenken, daß sie dich nach deinem früheren Leben fragen: nach deiner Mutter und nach deinem Großvater. Erzähle ihnen alles so, wie du es mir erzählt hast, Nelly! Erzähle ihnen alles, alles, ganz schlicht und ohne etwas zu verbergen! Erzähle ihnen, wie der böse Mensch deine Mutter verlassen hat, wie sie im Kellergeschoß bei der Bubnowa dahingesiecht ist; wie ihr, deine Mutter und du, auf den Straßen umhergegangen seid und gebettelt habt; was sie dir auf ihrem Sterbebett gesagt und um was sie dich gebeten hat. Erzähle dabei auch von deinem Großvater! Erzähle, wie er deiner Mutter nicht verzeihen wollte und wie sie dich in ihrer Todesstunde zu ihm schickte, damit er zu ihr käme und ihr verziehe, und wie er es nicht wollte und wie sie starb. Erzähle alles, alles! Und wenn du das alles erzählst, dann wird der alte Mann das im tiefsten Herzen empfinden. Er weiß ja, daß Aljoscha die arme Natascha heute im Stich gelassen hat und daß sie erniedrigt und beschimpft zurückgeblieben ist, einsam, ohne Schutz und Hilfe, den Schmähungen ihres Feindes preisgegeben. Er weiß das alles... Nelly! Rette Natascha! Willst du mit mir hinfahren?«
»Ja«, antwortete sie; sie atmete schwer und sah mich mit einem seltsamen Blick starr und lange an; es lag in diesem Blick eine Art von Vorwurf, und ich fühlte das in meinem Herzen.
Aber ich konnte von meinem Gedanken nicht ablassen. Ich glaubte zu fest an seinen Erfolg. Ich nahm Nelly bei der Hand, und wir gingen hinaus. Es war schon bald drei Uhr nachmittags. Eine dunkle Wolke rückte heran. In der ganzen letzten Zeit war das Wetter heiß und stickig gewesen; aber jetzt ließ sich irgendwo in der Ferne der Donner des ersten Frühlingsgewitters vernehmen. Der Wind fuhr durch die staubigen Straßen.
Wir setzten uns in eine Droschke. Während der ganzen Fahrt schwieg Nelly und sah mich nur von Zeit zu Zeit mit demselben seltsamen, rätselhaften Blick an. Ihre Brust ging heftig auf und nieder, und da ich sie in der Droschke um den Leib faßte, um sie festzuhalten, so fühlte ich, wie ihr kleines Herzchen unter meiner Hand so stark schlug, als ob es hinausspringen wollte.
Siebentes Kapitel
Der Weg erschien mir endlos. Schließlich aber kamen wir doch ans Ziel, und ich trat bei den alten Leuten mit bangem Herzen ein. Ich wußte nicht, wie ich aus ihrem Haus herauskommen würde; aber ich wußte, daß ich alles, was nur irgend in meinen Kräften stand, tun mußte, um Verzeihung und Versöhnung herbeizuführen.
Es war schon drei Uhr durch. Die alten Leute saßen wie gewöhnlich allein. Nikolai Sergejewitsch war sehr niedergeschlagen und krank; er saß, in halb liegender Stellung ausgestreckt, in seinem bequemen Lehnstuhl, blaß und kraftlos, den Kopf mit einem Tuch umbunden. Anna Andrejewna saß neben ihm, befeuchtete ihm von Zeit zu Zeit die Schläfen mit Essig und sah ihm fortwährend mit einem forschenden, schmerzlichen Blick ins Gesicht, was den Alten anscheinend sehr beunruhigte und sogar ärgerte. Er schwieg hartnäckig, und sie wagte nicht, ihn anzureden. Unser plötzliches Kommen überraschte sie beide. Anna Andrejewna bekam einen ordentlichen Schreck, als sie mich und Nelly erblickte, und sah uns im ersten Augenblick so an, als ob sie sich plötzlich irgendwelcher Schuld bewußt würde.
»Da bringe ich Ihnen meine Nelly«, sagte ich beim Eintritt. »Sie hat es sich überlegt und wünscht jetzt selbst, zu Ihnen zu ziehen. Nehmen Sie sie freundlich auf und haben Sie sie lieb!...« Der Alte sah mich mißtrauisch an, und schon seinem Blick konnte ich entnehmen, daß ihm alles bekannt war, nämlich daß Natascha jetzt bereits allein, einsam und verlassen und vielleicht sogar schon Beleidigungen ausgesetzt sei. Es lag ihm sehr daran, den wahren Grund unseres Kommens zu durchschauen, und er sah mich und Nelly fragend an. Nelly zitterte und drückte meine Hand fest mit der ihrigen, schaute zur Erde und warf nur ab und zu wie ein gefangenes Tier einen ängstlichen Blick um sich. Aber Anna Andrejewna sammelte sich bald und erriet den Zusammenhang: sie eilte lebhaft auf Nelly zu, küßte und liebkoste sie, begann sogar zu weinen, wies ihr mit großer Zärtlichkeit einen Platz neben sich an und ließ Nellys Hand nicht aus der ihrigen. Nelly sah sie neugierig und mit einer gewissen Verwunderung von der Seite an.