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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Der Gerechtigkeit halber musste Davos eingestehen, dass es Gründe für Ser Imrys Eile gab. Die Winde auf der Reise von Sturmkap hierher waren ihnen nicht günstig gewesen. Sie hatten zwei Koggen an die Felsen der Sturmbucht verloren, gleich an dem Tag, an dem sie in See stachen, ein schlechter Start also. Eine der Galeeren aus Myr war in der Straße von Tarth untergegangen, und als sie in die Gurgel einfuhren, hatte sie ein Sturm überrascht und die Flotte über die gesamte Meerenge verstreut. Außer zwölf Schiffen hatten sich schließlich alle hinter der schützenden Halbinsel von Massies Haken in den ruhigeren Gewässern der Schwarzwasser-Bucht neu formiert, trotzdem hatten sie wertvolle Zeit verloren.

Stannis musste den Fluss bereits vor Tagen erreicht haben. Der Königsweg führte von Sturmkap geradewegs nach Königsmund und war wesentlich kürzer als die Route übers Meer, und das Heer war zum größten Teil beritten: fast zwanzigtausend Ritter, leichte Reiterei und freie Ritter, die Armee, die Renly seinem Bruder unfreiwillig hinterlassen hatte. Sie würden den Weg rasch hinter sich gebracht haben, doch Lanzen und gepanzerte Pferde würden ihnen wenig nützen, wenn sie das tiefe Wasser des Schwarzwassers und im Anschluss daran die hohen Steinmauern der Stadt überwinden mussten. Stannis würde mit seinen Lords am Südufer des Flusses lagern und zweifelsohne ungeduldig warten und sich fragen, was Ser Imry mit seiner Flotte gemacht hatte.

Vor zwei Tagen hatten sie vor dem Meerjungfrauenfelsen ein halbes Dutzend Fischerboote gesichtet. Die Fischer waren vor ihnen geflohen, doch einen nach dem anderen hatten sie sie eingeholt und geentert. »Ein winziger Sieg ist genau das Richtige, um den Bauch vor der Schlacht zu beruhigen«, hatte Ser Imry fröhlich erklärt. »Das macht den Männern Appetit auf den Hauptgang.« Davos interessierte sich hingegen mehr dafür, was die Gefangenen über die Verteidigungsanlagen von Königsmund zu berichten hatten. Der Zwerg hatte eifrig an einer Art Schlagbaum gebaut, mit der er die Mündung des Flusses versperren wollte, allerdings waren die Fischer sich nicht einig, ob die Arbeit beendet worden war oder nicht. Seltsamerweise wünschte sich Davos, sie sei zu Ende gebracht worden. Denn wenn der Fluss versperrt war, bliebe Ser Imry nichts anderes übrig, als Anker zu werfen und abzuwarten.

Die See war voller Lärm: Rufe und Schreie, Schlachthörner und Trommeln und schrille Flöten, das Klatschen von Holz auf Wasser, als sich Tausende von Rudern hoben und senkten. »Kurs halten«, rief Davos. Eine Bö zerrte an seinem alten grünen Mantel. Ein Wams aus gehärtetem Leder und ein Helm, der im Moment zu seinen Füßen lag, waren alles, was er an Rüstung trug. Auf dem Meer konnte schwerer Stahl einen Mann eher das Leben kosten, als es bewahren, glaubte er. Ser Imry und die anderen hochgeborenen Kapitäne teilten seine Ansicht nicht; glitzernd schritten sie auf ihren Decks hin und her.

Die Schreckschraube und die Seepferdchen hatten ihre Plätze eingenommen, und Lord Celtigars Rote Kralle näherte sich hinter ihnen. Steuerbord von Allards Lady Marya befanden sich die drei Galeeren, die Stannis dem unglücklichen Lord Sonnglas abgenommen hatte, die Fromme, die Betende und die Geweihte, auf deren Decks es nur so von Bogenschützen wimmelte. Sogar die Schwertfisch näherte sich und schwankte und rollte unter Rudern und Segeln durch die raue See. Ein Schiff mit so vielen Rudern sollte schneller sein, dachte Davos missbilligend. Die Ramme ist einfach zu schwer, deshalb liegt sie so schlecht im Wasser.

Der Wind wehte von Süden, doch beim Rudern machte das keinen Unterschied. Sie würden mit der Flut fahren, die Lennisters hatten dafür die Strömung des Flusses auf ihrer Seite, und die war in der Mündung des Schwarzwassers kräftig und schnell. Der erste Angriff würde vermutlich zu Gunsten des Feindes ausgehen. Wir sind Narren, auf dem Schwarzwasser gegen sie zu kämpfen, dachte Davos. In jedem Gefecht auf offener See würden ihre Schlachtreihen die feindliche Flotte auf beiden Flanken umzingeln und zerstören. Auf dem Fluss jedoch zählte die Zahl und die Größe von Ser Imrys Schiffen weniger. Sie konnten nicht mehr als zwanzig nebeneinander fahren lassen, sonst gerieten die Ruder ineinander und sie würden miteinander kollidieren.

Über die Kriegsschiffe hinweg sah Davos den Roten Bergfried auf Aegons Hohem Hügel, der sich dunkel vor einem gelblichen Himmel erhob. Die Mündung des Schwarzwasser breitete sich darunter aus. Das Südufer des Flusses war schwarz von Männern und Pferden, die umherwimmelten wie ein Ameisenhaufen, als sie die herannahenden Schiffe entdeckten. Stannis hatte sie gewiss damit beschäftigt, Flöße zu bauen und Pfeile zu machen, trotzdem musste das Warten für sie nur schwer zu ertragen gewesen sein. Trompeten wurden geblasen, deren blecherner Schall bald vom Brüllen Tausender Stimmen verschluckt wurde. Davos schloss seine verstümmelte Hand um den Beutel, in dem er seine Knochen aufbewahrte, und bat mit einem stillen Gebet um Glück.

Die Zorn selbst würde die Mitte der ersten Schlachtreihe bilden, zwischen der Lord Steffon und der Seehirsch, beide jeweils mit zweihundert Rudern. An Steuerbord und Backbord kamen die Hunderter: Lady Harra, Leuchtfisch, Lachender Lord, Seedämon, Gehörnte Ehre, Zerlumpte Jenna, Trident Drei, Schnelles Schwert, Prinzessin Rhaenys, Hundenase, Zepter, Treue, Roter Rabe, Königin Alysanne, Katze, Mut und die Drachentod. An jedem Heck flatterte das flammende Herz des Herrn des Lichts in Rot, Gelb und Orange. Hinter Davos und seinen Söhnen folgte eine weitere Reihe Hunderter, die von Rittern und adeligen Kapitänen kommandiert wurden, und dann das kleinere Kontingent aus Myr, von denen kein Schiff mehr als achtzig Ruder hatte. Weiter hinten kamen die Segelschiffe, die Galleonen und die breiten Koggen, zuletzt Salladhor Saan in seiner stolzen Valyria, einer hochbordigen Dreihunderter, die vom Rest seiner Galeeren mit dem ihnen eigenen gestreiften Rumpf begleitet wurde. Dem großspurigen Fürsten aus Lys gefiel es nicht, die Nachhut zu bilden, doch natürlich trauten ihm weder Ser Imry noch Stannis wirklich. Zu viele Beschwerden und zu viel Gerede über das Gold, das man ihm schuldet. Trotzdem tat er Davos leid. Salladhor Saan war ein listiger alter Pirat, und seine Mannschaft bestand aus geborenen Seeleuten, die sich vor keinem Kampf fürchteten. Jetzt wurden sie auf einer nutzlosen Position eingesetzt.

Ahuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu. Das Signal hallte über die Schaumkronen und die Ruder hinweg. Es kam von der Zorn: Ser Imry gab das Zeichen zum Angriff. Ahuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu, ahuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu.

Die Schwertfisch hatte die Reihe endlich auch erreicht, hatte allerdings noch immer die Segel gesetzt. »Doppelte Geschwindigkeit«, brüllte Davos. Der Trommelschlag beschleunigte sich, und die Ruder schnitten rascher durchs Wasser. Auf Deck schlugen die Soldaten mit den Schwertern gegen die Schilde, während Bogenschützen in aller Ruhe die Sehnen ihrer Bogen spannten und die ersten Pfeile aus den Köchern an ihren Gürteln zogen. Die Galeeren der ersten Schlachtreihe versperrten Davos den Blick, daher schritt er hin und her, um eine Lücke zu finden. Von einer Sperre über den Fluss war nichts zu sehen; die Mündung war offen, als wollte sie sie alle verschlucken. Außer …

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