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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Zurück«, befahl er. Nachdem die Schwarze Betha ein Stück zurückgesetzt hatte, strömte Wasser in das zersplitterte Loch, das sie hinterlassen hatte, und die Lady Schande zerfiel vor seinen Augen in ihre Einzelteile und riss Dutzende von Männern mit in den Fluss. Manche der Überlebenden schwammen; manche der Toten trieben auf dem Wasser; nur die in schwerer Rüstung sanken auf den Grund, Tote und Lebende ohne Unterschied. Das Flehen der Ertrinkenden hallte in seinen Ohren wider.

Aus den Augenwinkeln sah er etwas Grünes aufblitzen, Backbord voraus, und ein Nest sich windender smaragdgrüner Schlangen erhob sich brennend und zischend vom Heck der Königin Alysanne. Kurz darauf hörte Davos einen entsetzten Schrei: »Seefeuer!«

Er schnitt eine Grimasse. Brennendes Pech war eine Sache, Seefeuer eine ganz andere. Das war ein übles Zeug und nahezu unlöschbar. Versuchte man es mit einem Mantel zu ersticken, fing der Mantel Feuer; schlug man einen kleinen Brandherd mit der Hand aus, stand die Hand in Flammen. »Piss auf Seefeuer, und dir brennt der Schwanz ab«, sagten alte Seeleute gern. Immerhin hatte Ser Imry sie davor gewarnt, dass sie mit der verwerflichen Substanz der Alchimisten zu rechnen hatten. Glücklicherweise gab es nur noch wenige echte Pyromantiker. Aber es wird ihnen rasch ausgehen, hatte der Lord Hoch-Kapitän versichert.

Davos stieß Befehle hervor; eine Ruderseite ruderte vorwärts, während die andere nach achtern eintauchte, und die Galeere wendete. Auch die Lady Marya hatte sich glücklicherweise befreit, denn das Seefeuer breitete sich schneller auf der Königin Alysanne und ihren Gegnern aus, als man für möglich gehalten hätte. Männer waren in grüne Flammen gehüllt und sprangen über Bord, wobei sie Schreie ausstießen, die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Auf den Mauern von Königsmund versprühten Feuerspucker ihren schrecklichen Tod, und die großen Katapulte hinter dem Schlammtor schleuderten Felssteine über die Mauern. Einer von der Größe eines Ochsen ging zwischen der Schwarzen Betha und der Gespenst nieder, ließ beide Schiffe heftig schaukeln und durchnässte alle an Bord. Ein anderer, der nicht viel kleiner war, traf die Lautes Lachen. Die Galeere von Lord Velaryon zersprang wie das Spielzeug eines Kindes, das von einem hohen Turm fällt, und armgroße Splitter flogen durch die Luft.

Durch schwarzen Rauch und grüne Flammen erhaschte Davos einen Blick auf eine Flotte kleinerer Boote, die flussabwärts fuhren, ein Gewirr von Fähren und Lastkähnen, Barken und Ruderbooten, Wracks, von denen manche so verrottet aussahen, als würden sie jeden Augenblick sinken. Das roch nach Verzweiflung, denn solches Treibholz konnte das Blatt in einer Schlacht nicht wenden, sondern nur im Weg sein. Die verfeindeten Schiffsreihen hatten sich jetzt hoffnungslos ineinander verkeilt. Drüben an Backbord waren die Lord Steffon, die Zerlumpte Jenna und die Schnelles Schwert durchgebrochen und zogen weiter flussaufwärts. An Steuerbord wurde noch heftig gekämpft, und das Zentrum war unter dem Beschuss der Katapulte auseinandergetrieben worden. Manche der Kapitäne wandten sich flussabwärts, andere nach Backbord, um dem tödlichen Hagel zu entgehen. Die Zorn hatte ihr Heckkatapult herumgeschwenkt und schoss auf die Stadt, allerdings hatte sie nicht genug Reichweite; ihre Fässer mit Pech zerbarsten unterhalb der Mauern. Die Zepter hatte die meisten ihrer Ruder eingebüßt, und die Treue war gerammt worden und bekam Schlagseite. Davos steuerte die Schwarze Betha zwischen sie und rammte Königin Cerseis mit Schnitzereien und Gold verzierte Lustbarke, die jetzt statt mit Adligen mit Soldaten vollgestopft war. Bei dem Zusammenprall wurde ein Dutzend von ihnen über Bord geworfen, und die Bogenschützen auf der Betha erledigten die Übrigen einen nach dem anderen.

Matthos’ Ruf warnte ihn vor einer Gefahr von Backbord; eine der Lennister-Galeeren kam geradewegs auf ihn zu. »Hart steuerbord«, brüllte Davos. Seine Männer benutzten die Ruder, um sich von der Barke abzustoßen, während andere die Galeere wendeten, bis ihr Bug in Richtung der Weißer Hirsch stand. Einen Augenblick lang fürchtete er, die Geschwindigkeit könne nicht reichen und er würde versenkt werden, doch die Strömung kam der Schwarze Betha zu Hilfe, und beim Zusammenprall streiften sich die Schiffe nur, die beiden Rümpfe scharrten aneinander vorbei, und beiden Schiffen wurden die Ruder abgerissen. Ein Holzstück, spitz wie ein Speer, flog an seinem Kopf vorbei. Davos duckte sich. »Entern!«, rief er. Die Leinen wurden hinübergeworfen. Er zog das Schwert und führte selbst den Angriff über die Reling an.

Die Mannschaft der Weißer Hirsch warf sich ihnen entgegen, doch die Soldaten der Schwarze Betha fielen wie eine kreischende Flut aus Stahl über sie her. Davos kämpfte sich durch das Gewühl und hielt nach dem anderen Kapitän Ausschau, doch der Mann war bereits tot, als er ihn erreichte. Während er vor der Leiche stand, traf ihn von hinten ein Axthieb, der jedoch von seinem Helm abprallte, sodass sein Kopf lediglich dröhnte, statt gespalten zu werden. Benommen konnte er sich nur noch zur Seite rollen. Sein Gegner griff schreiend erneut an. Davos packte sein Schwert mit beiden Händen und trieb dem Kerl die Spitze in den Bauch.

Einer seiner Leute zog ihn auf die Beine. »Kapitän Ser, die Hirsch gehört uns.« Das stimmte, wie Davos nun selbst sah. Die meisten Gegner waren tot, lagen im Sterben oder hatten sich ergeben. Er nahm den Helm ab, wischte sich das Blut vom Gesicht und machte sich auf den Weg zu seinem eigenen Schiff, wobei er sorgsam darauf achtete, auf den von menschlichen Eingeweiden glitschigen Planken nicht auszurutschen. Matthos reichte ihm die Hand und half ihm über die Reling.

Für kurze Zeit waren die Schwarze Betha und die Weißer Hirsch das ruhende Auge inmitten des Wirbelsturms. Die Königin Alysanne und die Lady Seide, die noch immer aneinanderhingen, trieben in einem Inferno aus grünen Flammen flussabwärts und zogen Teile der Lady Schande hinter sich her. Eine der Galeeren aus Myr war in sie hineingefahren und hatte ebenfalls Feuer gefangen. Die Katze nahm Männer von der rasch sinkenden Mut an Bord. Der Kapitän der Drachentod hatte sein Schiff zwischen zwei Kais gesteuert und ihm dabei den Rumpf aufgerissen; die Mannschaft strömte mit den Bogenschützen und Soldaten ans Ufer und beteiligte sich am Angriff auf die Mauer. Die Roter Rabe war gerammt worden und bekam langsam Schlagseite. Die Seehirsch kämpfte gleichzeitig gegen Feuer und Enterer an, doch über Joffreys Treuer Mann wehte bereits das flammende Herz. Die Zorn, deren Bug von einem Felsen zermalmt worden war, hatte die Göttergnade angegriffen. Lord Velaryons Stolz von Driftmark krachte zwischen zwei Lennister-Schiffe, die durchgebrochen waren, brachte eins zum Kentern und setzte das andere mit flammenden Pfeilen in Brand. Am Südufer führten Ritter ihre Pferde an Bord der Koggen, und einige der kleineren Galeeren waren bereits mit Soldaten beladen und überquerten den Fluss. Zwischen den sinkenden Schiffen und den schwimmenden Inseln aus Seefeuer mussten sie vorsichtig manövrieren. Nun war König Stannis’ gesamte Flotte auf dem Fluss, außer Salladhor Saans Lyseni. Bald würden sie den Schwarzwasser beherrschen. Ser Imry wird seinen Sieg bekommen, dachte Davos, und Stannis wird sein Heer hinüberbringen, aber bei den guten Göttern, um welchen Preis …

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