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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Edle Mutter, Quell der Gnade Rett’ unsre Söhne vor dem Krieg. Senk ihre Schwerter, ihre Pfeile, Zeig’ ihnen einen besseren Weg. Edle Mutter, Stärkste der Frauen, Hilf unsren Töchtern durch diesen Streit. Lindere Zorn, bezähm die Wut, Zeig uns den Weg in die bessere Zeit.

Auf der anderen Seite der Stadt waren Tausende in die Große Septe von Baelor auf Visenyas Hügel geströmt und sangen dort ebenfalls. Die Stimmen würden über die Stadt schweben, über den Fluss und in den Himmel hinaufsteigen. Gewiss werden die Götter uns hören, dachte sie.

Sansa kannte die meisten Lieder und versuchte bei den anderen mitzukommen so gut es ging. Sie sang mit grauhaarigen alten Dienstboten und bangen jungen Ehefrauen, mit Mägden und Soldaten, Köchen und Falknern, Rittern und Schurken, Knappen und Knaben und stillenden Müttern. Sie sang mit jenen innerhalb der Burgmauern und jenen davor, sang mit der ganzen Stadt. Sie sang um Gnade für die Lebenden und die Toten, für Bran und Rickon und Robb, für ihre Schwester Arya und ihren Bastardbruder Jon Schnee auf der Mauer. Sie sang für ihre Mutter und ihren Vater, für ihren Großvater Lord Hoster und ihren Onkel Edmure Tully, für ihre Freundin Jeyne Pool, für den alten betrunkenen König Robert, für Septa Mordane und Ser Dontos und Jory Cassel und Maester Luwin, für all die tapferen Ritter und Soldaten, die heute sterben würden, und für die Kinder und Frauen, die um sie trauern würden, und schließlich sang sie am Ende sogar für Tyrion den Gnom und den Bluthund. Er ist kein wahrer Ritter, trotzdem hat er mich gerettet, erzählte sie der Mutter. Beschütze ihn, wenn du kannst, und bezähme den Zorn, den er in sich trägt.

Doch als der Septon aufstand und die Götter anrief, ihren wahren und edlen König zu beschützen, erhob sich Sansa. Die Gänge waren voller Menschen. Sie musste sich hindurchschieben, während der Septon den Schmied anrief, damit er Joffreys Schwertarm Kraft verleihe, den Krieger, damit er ihm Mut gebe, den Vater, um ihn bei seinem Tun zu beschützen. Soll sein Schwert brechen und sein Schild zerbersten, dachte Sansa kalt und schob sich durch die Türen nach draußen, soll ihn der Mut verlassen und ihm jeder Soldat davonlaufen.

Auf dem Wehrgang des Torhauses patrouillierten einige Wachen, ansonsten schien die Burg verlassen zu sein. Sansa blieb stehen und lauschte. Aus der Ferne hörte sie die Schlacht. Der Gesang übertönte den Lärm beinah, doch er war nicht zu überhören, wenn man nur die Ohren spitzte: das tiefe Klagen der Schlachthörner, das Krachen der Katapulte, die Steine schleuderten, das Platschen und Splittern, das Knistern brennenden Pechs und das Dröhnen der Skorpione, die ihre meterlangen mit Eisenspitzen versehenen Pfeile abschossen … und dazwischen die Schreie sterbender Männer.

Das war ein ganz anderes Lied, ein schreckliches Lied. Sansa zog sich die Kapuze ihres Mantels über die Ohren und eilte zu Maegors Feste, der Burg innerhalb der Burg, wo alle, so hatte die Königin versprochen, sich in Sicherheit befinden würden. Am Fuß der Zugbrücke traf sie Lady Tanda und ihre beiden Töchter. Falyse war gestern mit einem kleinen Trupp Soldaten aus Burg Schurwerth eingetroffen. Sie versuchte gerade ihre Schwester dazu zu überreden, auf die Brücke zu kommen, doch Lollys klammerte sich an ihre Zofe und schluchzte: »Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!«

»Die Schlacht hat begonnen«, sagte Lady Tanda mit brüchiger Stimme.

»Ich will nicht, ich will nicht.«

Für Sansa gab es keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen. Sie grüßte höflich. »Kann ich irgendwie helfen?«

Lady Tanda errötete vor Scham. »Nein, Mylady, aber wir danken ergebenst. Ihr müsst meiner Tochter vergeben, es geht ihr nicht gut.«

»Ich will nicht.« Lollys klammerte sich immer noch an ihre Zofe, ein hübsches schlankes Mädchen mit kurzem dunklem Haar, das aussah, als würde es seine Herrin am liebsten in den Burggraben stoßen, direkt auf die eisernen Stacheln. »Bitte, bitte, ich will nicht.«

Sansa sprach freundlich auf sie ein. »Dort drinnen sind wir dreifach geschützt, und es gibt zu essen und zu trinken, und gesungen wird auch.«

Lollys starrte sie an und sperrte den Mund auf. Sie hatte stumpfe braune Augen und schien ständig den Tränen nahe zu sein. »Ich will nicht.«

»Du musst aber«, entgegnete ihre Schwester Falyse scharf, »und damit Schluss. Shae, hilf mir.« Beide packten jeweils einen Ellbogen und schleppten und trugen Lollys über die Brücke. Sansa folgte ihnen mit ihrer Mutter. »Sie ist krank«, erklärte Lady Tanda. Wenn man eine Schwangerschaft als Krankheit bezeichnen kann, dachte Sansa. Überall wurde darüber geredet, dass Lollys mit einem Kinde ging.

Die beiden Wachen an der Tür trugen die Löwenhelme und die scharlachroten Mäntel des Hauses Lennister, doch Sansa wusste, dass sie eigentlich nur Söldner waren. Ein weiterer Mann saß am Fuß der Treppe – eine richtige Wache hätte gestanden, und nicht auf einer Stufe gehockt und die Hellebarde quer über die Knie gelegt –, erhob sich jedoch, als er die Neuankömmlinge sah und öffnete die Tür, um sie einzulassen.

Der Ballsaal der Königin maß kaum ein Zehntel der Großen Halle und die Hälfte der Kleinen Halle im Turm der Hand, dennoch konnten hier hundert Personen Platz finden, und er machte mit seiner Pracht wett, was ihm an Raum fehlte. Spiegel aus getriebenem Silber waren hinter jeder Fackelhalterung angebracht, und so brannten die Lichter doppelt so hell; die Wände waren mit geschnitztem edlem Holz getäfelt, und der Boden war mit süß duftenden Binsen bedeckt. Oben auf der Galerie spielten Flöten und Fideln. In der Südwand war eine Reihe hoher Bogenfenster, die jetzt allerdings mit schweren Vorhängen verschlossen waren. Der dicke Samt ließ keinen Lichtstrahl ein und dämpfte Gebete und Kriegslärm gleichermaßen. Das macht auch keinen Unterschied. Der Krieg hat uns dennoch erreicht.

Fast jede hochgeborene Frau der Stadt saß hier auf einer der Bänke an den langen Tischen, dazu einige alte Männer und junge Knaben. Bei den Frauen handelte es sich um Ehefrauen, Töchter, Mütter und Schwestern. Ihre Männer waren zum Kampf gegen Lord Stannis ausgezogen, und viele von ihnen würden nicht zurückkehren. Die Atmosphäre war schwer von diesem Wissen. Als Joffreys Verlobter stand Sansa der Ehrensitz zur Rechten der Königin zu. Sie stieg also zum Podest hinauf und bemerkte dabei den Mann, der im Schatten an der hinteren Wand stand. Er trug eine lange Halsberge aus geöltem schwarzen Leder und hielt sein Schwert vor sich: ihres Vaters Großschwert Eis, das fast so lang war wie er groß. Die Spitze ruhte auf dem Boden, und seine harten, knochigen Finger umklammerten die Parierstange zu beiden Seiten des Hefts. Sansa stockte der Atem. Ser Ilyn Payn schien ihr Starren zu spüren. Er wandte ihr das hagere, pockennarbige Gesicht zu.

»Was tut er hier?«, fragte sie Osfryd Schwarzkessel. Er befehligte die neue Rotrockwache der Königin.

Osfryd grinste. »Ihre Gnaden erwarten, dass sie ihn brauchen wird, ehe die Nacht vorüber ist.«

Ser Ilyn war der Henker des Königs. Es gab nur einen Dienst, für den man ihn rufen würde. Wessen Kopf will sie?

»Erhebt Euch für Ihre Gnaden, Cersei aus dem Hause Lennister, Königin, Regentin und Protektor des Reiches«, verkündete der königliche Haushofmeister.

Cerseis Kleid war aus schneeweißem Leinen, so weiß wie die Mäntel der Königsgarde. Die langen weiten Ärmel waren mit goldenem Satin gesäumt. Das hellblonde Haar wallte in großen Locken über ihre Schultern. Um den schlanken Hals trug sie eine Kette aus Diamanten und Smaragden. Das Weiß verlieh ihr etwas Unschuldiges, fast Jungfräuliches, doch auf ihren Wangen zeigten sich rote Flecken.

»Setzt Euch«, sagte die Königin, nachdem sie ihren Platz auf dem Podest eingenommen hatte, »und seid willkommen. « Osfryd Schwarzkessel schob ihr den Stuhl heran; ein Page leistete Sansa den gleichen Dienst. »Du bist blass, Sansa«, bemerkte Cersei. »Blüht deine rote Blume noch immer? «

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