In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Selucia legte eine Kette aus Rubinen um Tuons Hals und lachte. »Wenn Ihr mir das heimzahlt, werde ich niemals wieder sitzen können.«
Tuon lächelte. Selucias Mutter hatte sie Tuon als Wiegengeschenk gegeben, um ihre Amme und, viel wichtiger, ihr Schatten zu sein, eine Leibwächterin, von der niemand wusste. Die ersten fünfundzwanzig Jahre von Selucias Leben waren der Ausbildung für diese Aufgaben gewidmet gewesen; für die zweite war sie im Geheimen trainiert worden. An Tuons sechzehntem Namensgebungstag hatte sie Selucia die traditionellen Geschenke ihres Hauses überreicht, ein kleines Anwesen für die Fürsorglichkeit, die sie bewiesen hatte, ein Pardon für die Züchtigungen, die sie ausgeteilt hatte, und einen Beutel mit hundert Goldthrone für jedes Mal, das sie ihren Schützling hatte bestrafen müssen. Die Angehörigen des Blutes, die sich versammelt hatten, um Zeuge ihres ersten Auftritts als Erwachsene zu werden, waren von den vielen Beuteln voller Münzen beeindruckt gewesen; sie überstiegen bei weitem die Zahl, die die meisten Hand an ihresgleichen hätten legen können. Sie war ein... aufsässiges Kind gewesen, ganz zu schweigen von ihrer Sturheit. Und das letzte traditionelle Geschenk: das Angebot für Selucia, sich auszusuchen, wo sie als Nächstes dienen wollte. Tuon vermochte nicht zu sagen, wer erstaunter gewesen war, sie oder die versammelte Menge, als die würdevolle Frau Macht und Autorität den Rücken zuwandte und stattdessen darum bat, Tuons Ankleidedame zu werden, ihre Erste Zofe. Und natürlich weiterhin ihr Schatten, obwohl das der Öffentlichkeit verborgen blieb. Tuon war begeistert gewesen.
»Vielleicht in kleinen Dosen, verteilt über die nächsten sechzehn Jahre«, sagte sie. Sie sah sich im Spiegel an und hielt ihr Lächeln lange genug bei, um sicherzugehen, dass ihre Worte nicht verletzten, dann ersetzte sie es durch Strenge. Sie fühlte für die Frau, die sie aufgezogen hatte, mit Sicherheit mehr Zuneigung als für ihre leibliche Mutter, die sie vor dem Eintritt in ihr Erwachsenendasein nur zweimal im Jahr gesehen hatte, oder für ihre Brüder und Schwestern. Von ihren ersten Schritten an war sie gelehrt worden, um die Gunst der Mutter zu kämpfen. Bis jetzt waren zwei von ihnen in diesem Kampf gestorben und drei hatten versucht, sie zu töten. Eine Schwester und ein Bruder waren zu Da'covale gemacht worden, und man hatte ihre Namen so entschieden aus den Chroniken gestrichen, als hätte man entdeckt, dass sie die Macht lenken konnten. Selbst jetzt war ihre Stellung noch alles andere als sicher. Ein einziger Fehltritt konnte ihren Tod bedeuten oder, noch schlimmer, dass man sie nackt auszog und auf dem öffentlichen Sklavenmarkt verkaufte. Das Licht sei gesegnet — wenn sie lächelte, sah sie noch immer wie sechzehn aus! Höchstens!
Kichernd wandte sich Selucia ab, um die eng sitzende Haube aus goldener Spitze von ihrem rot lackierten Ständer auf dem Ankleidetisch zu holen. Die sparsam verarbeitete Spitze würde den größten Teil ihres kahl geschorenen Kopfes entblößen und sie mit den Raben-und-Rosen kennzeichnen. Vielleicht war sie ja gar nicht sei'mosiev, aber um der Corenne willen musste sie ihr Gleichgewicht wiederfinden. Sie konnte Anath, ihre Soe'feia, darum bitten, ihr eine Strafe aufzuerlegen, aber seit Neferis unerwartetem Tod waren keine zwei Jahre vergangen, und sie fühlte sich bei ihrem Ersatz noch immer nicht ganz wohl. Etwas sagte ihr, dass sie das allein tun musste. Vielleicht hatte sie ein Omen gesehen, das sie nicht beachtet hatte. Vermutlich gab es keine Ameisen auf dem Schiff, aber doch bestimmt irgendwelche Käfer.
»Nein, Selucia«, sagte sie leise. »Einen Schleier.«
Selucias Lippen verzogen sich missbilligend, aber sie stülpte die Haube wortlos auf ihren Ständer. Unter vier Augen, so wie jetzt, hatte sie die Erlaubnis, frei zu sprechen, aber sie wusste, was man aussprechen durfte und was nicht. Tuon hatte sie nur zweimal bestrafen müssen, und das Licht war ihr Zeuge, sie hatte es genauso sehr bedauert wie Selucia. Wortlos holte ihre Ankleidedame einen langen, durchsichtigen Schleier, wand ihn um Tuons Kopf und befestigte ihn mit einem schmalen Band aus rubinenbesetztem Goldgeflecht. Der Schleier war noch durchsichtiger als die Gewänder der Da'covale und verbarg ihr Gesicht nicht im mindesten. Aber er verbarg das, was am wichtigsten war.
Nun legte Selucia einen langen, goldbestickten blauen Umhang auf Tuons Schultern, trat zurück und machte eine so tiefe Verbeugung, dass das Ende ihres goldblonden Zopfes den Teppich berührte. Die knienden Da'covale neigten die Gesichter bis auf den Boden. Die Zeit für Privatangelegenheiten war vorbei. Tuon verließ die Kabine allein.
In der zweiten Kabine standen sechs Sul'dam, drei auf jeder Seite, deren Schutzbefohlene vor ihnen auf den breiten, polierten Planken knieten. Die Sul'dam nahmen bei ihrem Anblick Haltung an, so stolz wie die silbernen Blitze auf den roten Stoffrechtecken auf ihren Röcken. Die in Grau gekleideten Damane knieten aufrecht, von ihrem eigenen Stolz erfüllt. Bis auf die arme Lidya, die zusammengesunken auf den Knien hockte und versuchte, das tränennasse Gesicht auf das Deck zu pressen. lanelle, die die Leine der rothaarigen Damane hielt, starrte stirnrunzelnd auf sie herab.
Tuon seufzte. Lidya war für ihre Wut am gestrigen Abend verantwortlich gewesen. Nein, sie hatte sie ausgelöst, aber Tuon war für ihre eigenen Gefühle verantwortlich. Sie hatte der Damane befohlen, ihr die Zukunft vorherzusagen, und hätte nicht anordnen sollen, ihr mit der Rute eine Tracht Prügel zu verpassen, weil ihr nicht gefiel, was sie zu hören bekam.
Sie beugte sich vor, nahm Lidyas Kinn in die Hand, legte die langen, rot lackierten Fingernägel auf die sommersprossige Wange der Damane und zog sie hoch, bis sie auf den Fersen saß. Was ein Zusammenzucken und frische Tränen hervorrief, die Tuon abwischte, während sie die Damane hochzog, bis sie kniete. »Lidya ist eine gute Damane, lanelle«, sagte sie. »Bestreicht ihre Striemen mit Sorfatinktur und gebt ihr Löwenherz gegen die Schmerzen, bis sie verschwunden sind. Und bis sie verschwunden sind, soll sie zu jeder Mahlzeit einen süßen Vanillekuchen bekommen.«
»Wie die Hochlady befiehlt«, erwiderte lanelle förmlich, aber sie lächelte schmal. Alle Sul'dam mochten Lidya, und es hatte ihr nicht gefallen, die Damane zu bestrafen. »Sollte sie fett werden, werde ich sie rennen lassen, Hochlady.«
Lidya drehte den Kopf, um Tuons Handfläche zu küssen, und murmelte: »Lidyas Herrin ist freundlich. Lidya wird nicht fett.«
Tuon schritt die beiden Reihen ab, sprach ein paar Worte zu jeder Sul'dam und tätschelte jede Damane. Die sechs, die sie mitgebracht hatte, waren ihre besten, und sie strahlten sie mit einer Zuneigung an, die jener gleichkam, die sie für sie empfand. Sie hatten eifrig darum gekämpft, erwählt zu werden. Dali und Dani, beide pummelig und blond, zwei Schwestern, die kaum die Anleitung einer Sul'dam brauchten. Charral, deren Haare so grau wie ihre Augen waren, die aber noch immer die geschickteste im Wirken eines Gewebes war. Sera, die rote Schleifen in ihren dichten schwarzen Locken trug, die stärkste von ihnen und so stolz wie eine Sul'dam. Tiny Mylen, die noch kleiner als selbst Tuon war. Mylen war Tuons ganz besonderer Stolz.
Viele hatten es seltsam gefunden, als Tuon sich bei Erreichen des Erwachsenenalters als Sul'dam hatte testen lassen, obwohl ihr damals niemand widersprechen konnte. Mit Ausnahme ihrer Mutter, die es erlaubte, indem sie geschwiegen hatte. Natürlich war es undenkbar für sie, Sul'dam zu werden, aber sie fand in der Ablichtung von Damane genauso viel Freude wie in der von Pferden, und sie war in einem so gut wie im anderen. Mylen war der Beweis dafür. Als Tuon sie auf den Docks von Shon Kifar gekauft hatte, war die blasse kleine Damane vor Furcht und Verzweiflung halb tot gewesen und hatte jegliche Nahrung und Flüssigkeit verweigert. Alle Der'sul'dam hatten aufgegeben und ihr vorhergesagt, dass sie nicht mehr lange leben würde, aber jetzt lächelte Mylen zu Tuon hoch und beugte sich vor, um ihr die Hand zu küssen, bevor sie die Hand ausstreckte, um der Damane über das dunkle Haar zu streichen. Einst nur noch Haut und Knochen, setzte sie Gewicht an. Statt sie zurechtzuweisen, verzog Catrona, die ihre Leine hielt, ihr für gewöhnlich strenges schwarzes Gesicht zu einem Lächeln und murmelte, Mylen sei die perfekte Damane. Es stimmte, niemand würde mehr glauben, dass sie sich einst Aes Sedai genannt hatte.