In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
»Was wollt Ihr damit sagen?«, rief Osan'gar schneidend aus und sprang von seinem Stuhl hoch. Sobald er stand, nahm er die Pose eines Schulmeisters ein und packte seine Revers, während sein Tonfall pedantisch wurde. »Meine liebe Graendal, erstens bezweifle ich, dass selbst ich eine Methode entwickeln könnte, Saidin vom Schatten des Großen Herrn zu befreien. Al'Thor ist ein Primitiver. Was er auch versucht, es wird sich letztlich als unzulänglich erweisen, und ich für meinen Teil kann nicht glauben, dass er eine Vorstellung hat, wie er überhaupt damit anfangen soll. Auf jeden Fall werden wir ihn schon bei dem Versuch aufhalten, weil es der Große Herr so will. Ich kann verstehen, dass man sich vor dem Missfallen des Großen Herrn fürchtet, falls wir irgendwie versagen, so unwahrscheinlich das auch sein mag, aber warum sollten die, die Ihr genannt habt, sich besonders fürchten?«
»So blind und trocken wie immer«, murmelte Graendal. Mit der Rückkehr ihrer Fassung bestand das Gewand wieder aus klarem Nebel, der allerdings von Rot durchzogen wurde. Vielleicht war sie doch nicht so ruhig, wie sie vorgab. Vielleicht wollte sie auch nur die anderen glauben machen, dass sie irgendeine innere Unruhe unterdrückte. Abgesehen von dem Streith kam ihr gesamter Schmuck aus diesem Zeitalter, in ihrem goldenen Haar funkelten Feuertropfen, zwischen ihren Brüsten baumelte ein großer Rubin, an beiden Handgelenken klirrten verzierte goldene Armreifen. Und da war noch etwas Seltsames — Demandred fragte sich, ob es wohl auch einem der anderen aufgefallen war. An dem kleinen Finger ihrer linken Hand steckte ein einfacher Goldring. Einfach war ein Begriff, der niemals in einem Atemzug mit Graendal fiel. »Wenn der junge Mann irgendwie den Schatten entfernt, nun... Ihr, die ihr Saidin lenkt, werdet dann nicht länger den besonderen Schutz des Großen Herrn benötigen. Ob er dann wohl noch eurer... Loyalität... vertraut?« Lächelnd trank sie einen Schluck Wein.
Osan'gar lächelte nicht. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe und er rieb sich mit der Hand über den Mund. Aran'gar setzte sich auf den Stuhlrand; sie versuchte nicht länger sinnlich zu erscheinen. Die in ihrem Schoß liegenden Hände bildeten Krallen, und sie starrte Graendal an, als wollte sie ihr an die Kehle springen.
Demandred entspannte die Fäuste. Endlich war es heraus. Er hatte gehofft, al'Thor tot — oder falls das scheiterte — als Gefangenen zu sehen, bevor dieser Verdacht sein hässliches Haupt erhob. Während des Krieges um die Macht waren mehr als ein dutzend Auserwählte dem Misstrauen des Großen Herrn zum Opfer gefallen.
»Der Große Herr ist von euer aller Treue überzeugt«, verkündete Moridin und trat ein, als wäre er der Große Herr der Dunkelheit höchstpersönlich. Er hatte oft den Anschein erweckt, dies tatsächlich zu glauben, und der jungenhafte Gesichtsausdruck, den er in diesem Augenblick aufsetzte, änderte daran nichts. Trotz seiner Worte war dieses Gesicht ernst und das schmucklose Schwarz seiner Kleidung ließ seinen Namen — Tod —passend erscheinen. »Ihr müsst euch erst dann Sorgen machen, wenn er aufhört, daran zu glauben.« Das Mädchen Cyndane klebte an seinen Fersen wie ein vollbusiges kleines, silberhaariges Schoßtier, das in Rot und Schwarz gekleidet war. Aus irgendeinem Grund hatte Moridin eine Ratte auf der Schulter sitzen, deren helle Nase aufgeregt schnupperte, während ihre schwarzen Augen den Raum misstrauisch musterten. Aber vielleicht saß sie auch grundlos da. Das jugendliche Gesicht hatte ihn ja auch nicht weniger verrückt gemacht.
»Warum habt Ihr uns herbestellt?«, verlangte Demandred zu wissen. »Ich habe viel zu tun und keine Zeit für irgendwelche Plaudereien.« Unbewusst versuchte er, größer zu erscheinen, um gegenüber dem anderen Mann zu bestehen.
»Mesaana ist wieder nicht gekommen?«, sagte Moridin anstelle einer Antwort. »Schade. Sie sollte sich anhören, was ich zu sagen habe.« Er pflückte die Ratte am Schwanz von seiner Schulter und sah zu, wie das Tier vergeblich mit den Beinen strampelte. Außer der Ratte schien nichts für ihn zu existieren. »Kleine, scheinbar unwichtige Dinge können große Bedeutung erlangen«, murmelte er. »Diese Ratte... Ob es Isam gelingt, dieses andere Ungeziefer namens Fain zu finden und zu töten? Ein Wort in das falsche Ohr geflüstert oder nicht in das richtige gesagt. Ein Schmetterling schlägt auf einem Ast mit seinen Flügeln und auf der anderen Seite der Welt stürzt ein Berg in sich zusammen.« Plötzlich krümmte sich die Ratte zusammen und versuchte, ihre Zähne in sein Handgelenk zu schlagen. Mit einer fast beiläufigen Bewegung warf er die Kreatur fort. Mitten in der Luft flammte ein Feuerball auf, etwas, das heißer als jede Flamme war, und die Ratte war verschwunden. Moridin lächelte.
Demandred zuckte ungewollt zusammen. Das war die Wahre Macht gewesen; er hatte nichts gespürt. Ein schwarzes Körnchen trieb quer durch Moridins Augen, gefolgt von dem nächsten, ein gleichmäßiger Strom. Der Mann musste ausschließlich die Wahre Macht benutzt haben, seit Demandred beim letzten Mal Zeuge geworden war, wie er so viele Saa so schnell gesammelt hatte. Er selbst hatte die Wahre Quelle nie angefasst, es sei denn in größter Bedrängnis. Natürlich hatte jetzt allein Moridin dieses Privileg, seit seiner... Salbung. Der Mann musste wirklich wahnsinnig sein, um sie unbedacht zu verwenden. Sie war eine Droge, noch Sucht erzeugender als Saidin, tödlicher als jedes Gift.
Moridin trat auf Osan'gar zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Das Saa ließ sein Lächeln noch Unheil verkündender erscheinen. Der kleinere Mann schluckte und erwiderte das Lächeln unsicher. »Es ist gut, dass Ihr nie in Erwägung gezogen habt, den Schatten des Großen Herrn zu entfernen«, sagte Moridin leise. Wie lange hatte er draußen gestanden? Osan'gars Lächeln wurde noch eine Spur kränklicher. »Al'Thor ist nicht so klug wie Ihr. Erzähl es ihnen, Cyndane.«
Die kleine Frau richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Vom Gesicht und ihrer Figur her war sie eine süße Pflaume, die nur darauf wartete, gepflückt zu werden, aber ihre großen blauen Augen waren wie ein Gletscher. Vielleicht ein Pfirsich. In diesem Zeitalter waren Pfirsiche giftig. »Ich schätze, ihr erinnert euch an die Choedan Kai.« Keine noch so große Anstrengung hätte diese tiefe, atemlose Stimme irgendwie anders als erotisch klingen lassen, aber ihr gelang es, sie mit einem sarkastischen Tonfall zu unterlegen. »Lews Therin hat zwei der Zugangsschlüssel, einen für jeden. Und er kennt eine Frau, die stark genug ist, den weiblichen der beiden zu benutzen. Er plant, die Choedan Kai für seine Tat zu verwenden.«
Auf der Stelle redeten alle durcheinander.
»Ich dachte, sämtliche Schlüssel wären zerstört!«, rief Aran'gar und sprang auf die Füße. Ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen. »Er könnte die Welt zerstören, wenn er auch nur versucht, die Choedan Kai zu benutzen!«
»Hättest du jemals etwas anderes als historische Abhandlungen gelesen, dann wüsstest du, dass es so gut wie unmöglich ist, sie zu zerstören!«, fauchte Osan'gar sie an. Aber er riss an seinem Kragen, als wäre er zu eng, und seine Augen schienen bereit, ihm gleich aus dem Kopf zu fallen. »Woher will dieses Mädchen wissen, dass er sie hat? Woher?«
Cyndane hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Graendal auch schon ihr Weinglas hatte fallen lassen und es über den Boden gerollt war. Ihr Gewand wurde so scharlachrot wie frisch vergossenes Blut, und ihr Mund verzerrte sich, als müsste sie sich übergeben.
»Und Ihr habt gehofft, ihm zufällig über den Weg zu laufen!«, schrie sie Demandred an. »Hofftet, jemand würde ihn für Euch finden! Narr! Narr!«
Demandred fand, dass Graendal selbst für ihre Verhältnisse etwas übertrieb. Er wäre jede Wette eingegangen, dass die Nachricht keine Überraschung für sie war. Anscheinend konnte es nicht schaden, sie im Auge zu behalten. Er enthielt sich jeden Kommentars.