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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Sie fuhr so schnell herum, dass ihr Haar wehte, riss den schweren Stößel mit beiden Händen hoch und hielt ihn über den Kopf. Sie war vermutlich etwa zehn Jahre älter als er und hatte große dunkle Augen und einen kleinen Mund mit vollen Lippen, die für ge —wöhnlich ständig zum Küssen bereit waren. Er hatte ein paar Mal in Erwägung gezogen, sie zu küssen. Die meisten Frauen waren nach ein paar Küssen zugänglicher. Aber jetzt hatte sie die Zähne gefletscht und sah aus, als wäre sie bereit, ihm die Nase abzubeißen. »Sagt es mir!«, befahl sie.

»Ich habe unten in der Nähe der Docks mit ein paar Seanchanern Würfel gespielt«, begann er zögernd und hielt den erhobenen Stößel im Auge. Ein Mann plusterte sich auf und ging, wenn die Sache nicht ernst war, aber eine Frau konnte einem aus einer Laune heraus den Schädel einschlagen. Davon abgesehen schmerzte seine Hüfte vom langen Sitzen und war ganz steif. Er war sich nicht sicher, wie schnell er von dem Stuhl wegkommen konnte. »Ich wollte nicht derjenige sein, der es Euch sagt, aber... Die Gilde existiert nicht mehr, Aludra. Das Gildehaus in Tanchico existiert nicht mehr.« Das war das einzige richtige Haus der Gilde gewesen. Das in Cairhien war schon vor langer Zeit aufgegeben worden, und was die restlichen Feuerwerker anging, so reisten sie umher, um für Herrscher und Adlige Schauspiele zu veranstalten. »Sie weigerten sich, die seanchanischen Soldaten in die Anlage zu lassen, und kämpften, als sie trotzdem eindrangen. Das heißt, sie versuchten es. Ich weiß nicht, was genau passiert ist — vielleicht hat ein Soldat eine Laterne dorthin mitgenommen, wo er es lieber hätte bleiben lassen sollen —, aber so weit ich es verstanden habe, ist die halbe Anlage explodiert. Das ist vielleicht übertrieben. Aber die Seanchaner glaubten, einer der Feuerwerker hätte die Eine Macht benutzt, und sie...« Er seufzte und versuchte mitleidsvoll zu klingen. Blut und Asche, er wollte ihr das nicht sagen! Aber sie starrte ihn finster an, die verdammte Keule erhoben, um ihm den Schädel einzuschlagen. »Aludra, die Seanchaner haben jeden Überlebenden aus dem Gildehaus zusammengetrieben und dazu ein paar Illuminatoren, die nach Amador gekommen waren, und dazu jeden, der auch nur wie ein Feuerwerker aussah, und sie haben sie alle zu Da'covale gemacht. Das bedeutet...«

»Ich weiß, was das bedeutet!«, sagte sie heftig. Sie wandte sich wieder dem großen Mörser zu und schlug so hart mit dem Stößel darauf ein, dass er fürchtete, das Ding könnte — falls es sich tatsächlich um das Zeug handelte, das man in die Feuerwerkskörper füllte — explodieren. »Narren!«, murmelte sie wütend und stieß den Stößel hart nach unten. »Blinde Narren! Bei den Mächtigen muss man den Kopf ein Stück senken und weitergehen, aber sie wollten das nicht einsehen!« Sie schniefte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Wangen. »Ihr irrt Euch, mein junger Freund. So lange noch ein Illuminator lebt, lebt auch die Gilde, und ich, ich lebe noch!« Sie sah ihn noch immer nicht an und fuhr sich erneut mit der Hand über die Wangen. »Und was würdet Ihr tun, wenn ich Euch das Feuerwerk überlasse? Es mit einem Katapult gegen die Seanchaner schleudern?« Ihr Schnauben verriet, was sie davon hielt.

»Und was wäre, an dieser Idee so falsch?«, fragte er vorsichtig. Ein gutes Feldkatapult, ein Skorpion, konnte einen zehn Pfund schweren Stein fünfhundert Schritte weit schleudern, und zehn Pfund Feuerwerk würden mehr Schaden anrichten als ein Stein. »Aber ich habe sowieso eine bessere Idee. Ich habe diese Röhren gesehen, mit denen Ihr Nachtblumen an den Himmel werft. Dreihundert Schritte oder mehr, habt Ihr gesagt. Ich wette, wenn man eine davon verstärkt, könnte sie eine Nachtblume tausend Schritte weit befördern.«

»Ich rede zu viel«, murmelte sie kaum hörbar und starrte konzentriert in den Mörser. Zumindest glaubte er das verstanden zu haben, dazu kam noch irgendetwas über schöne Augen, das keinen Sinn ergab. Er beeilte sich, damit sie nicht wieder von den Gildegeheimnissen anfing. »Diese Röhren sind wesentlich kleiner als ein Katapult, Aludra. Falls man sie gut versteckt, würden die Seanchaner nie erfahren, wo sie abgefeuert wurden. Betrachtet es doch einfach als Rache für das Gildehaus.«

Sie drehte den Kopf und warf ihm einen respektvollen Blick zu. In den sich auch Überraschung mischte, aber es gelang ihm, das zu ignorieren. Ihre Augen waren rot gerändert, ihre Wangen wiesen Spuren von Tränen auf. Wenn er vielleicht den Arm um sie legte... Für gewöhnlich wussten Frauen etwas Trost zu schätzen, wenn sie geweint hatten.

Er hatte noch nicht einmal den Ansatz einer Bewegung gemacht, als sie den Stößel herumschwang und ihn mit einer Hand wie ein Schwert auf ihn richtete. Diese schlanken Arme mussten stärker sein, als sie aussahen; der Holzstößel zitterte nicht einmal. Licht, dachte er, sie konnte doch gar nicht wissen, was ich tun wollte!

»Für einen, der die Abschussröhren vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen hat, ist das nicht schlecht«, sagte sie, »aber ich habe schon lange vor Euch daran gedacht. Ich hatte meine Gründe.« Einen Augenblick lang war ihre Stimme voller Bitterkeit, aber sie wurde wieder unbeschwerter und schließlich sogar amüsiert. »Ich werde Euch das Rätsel stellen, da Ihr doch so schlau seid, oder etwa nicht?«, fügte sie hinzu und hob eine Braue. Oh, da gab es auf jeden Fall etwas, das sie amüsierte! »Ihr verratet mir, wozu ich einen Glockengießer brauchen könnte, und dafür verrate ich Euch alle meine Geheimnisse. Sogar die, die Euch erröten lassen, einverstanden?«

Das hörte sich interessant an. Aber das Feuerwerk war wichtiger, als eine Stunde mit ihr herumzuschmusen. Welche Geheimnisse konnte sie haben, die ihn erröten ließen? Was das anging, würde er sie vermutlich überraschen können. Nicht all die Erinnerungen der anderen Männer, die man in seinen Kopf gezwängt hatte, drehten sich um Schlachten. »Ein Glockengießer«, sagte er nachdenklich, ohne die geringste Ahnung, in welche Richtung ihn das führen sollte. Nicht eine jener alten Erinnerungen regte sich. »Nun, ich vermute ... ein Glockengießer könnte... vielleicht...«

»Nein«, sagte sie abrupt. »Ihr werdet jetzt gehen und in zwei oder drei Tagen wiederkommen. Ich habe zu arbeiten und Ihr mit Euren Fragen und Schmeicheleien seid eine zu große Ablenkung. Nein, ich will nichts hören! Ihr werdet jetzt gehen.«

Er erhob sich mit finsterer Miene und stülpte sich den breitkrempigen Hut auf den Kopf. Schmeicheleien? Schmeicheleien! Blut und verdammte Asche! Beim Reinkommen hatte er seinen Umhang neben der Tür zu Boden fallen lassen, und er stöhnte leise, als er sich bückte, um ihn aufzuheben. Er hatte fast den ganzen Tag auf dem Stuhl gesessen. Aber vielleicht hatte er bei ihr einen kleinen Fortschritt gemacht. Und wenn er das Rätsel lösen konnte, dann sowieso. Alarmglocken. Gongs, die die Stunde schlugen. Es ergab keinen Sinn.

»Ich könnte mir vorstellen, einen so schlauen jungen Mann wie Euch zu küssen, würdet Ihr nicht einer anderen gehören«, murmelte sie in entschieden warmem Tonfall. »Ihr habt ein so knackiges Hinterteil.«

Er schoss hoch, hielt ihr aber weiterhin den Rücken zugewandt. Die Hitze in seinem Gesicht war pure Empörung, aber er war davon überzeugt, dass sie es als Erröten auslegen würde. Normalerweise konnte er seine Kleidung vergessen, solange es niemand ansprach. In den Schenken hatte es da den einen oder anderen Zwischenfall gegeben. Als er mit dem geschienten Bein und verbundenen Rippen und von Kopf bis Fuß mit Verbänden versehen flach auf dem Rücken lag, hatte Tylin seine Kleidung versteckt. Er hatte noch immer nicht herausgefunden, wo sie war, aber mit Sicherheit war sie versteckt und nicht verbrannt. Schließlich würde sie ihn ja wohl nicht für alle Zeiten festhalten wollen. Von seinen Sachen waren nur noch der Hut und das schwarze Seidentuch, das er um den Hals trug, übrig geblieben. Und das Medaillon aus Silber, das einen Fuchskopf darstellte, das unter seinem Hemd an einem Lederband hing. Und seine Messer; ohne die hätte er sich wirklich verloren gefühlt.

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