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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Als er es endlich geschafft hatte, aus dem verdammten Bett zu kriechen, hatte das verfluchte Weibsstück für ihn neue Kleider anfertigen lassen, und sie hatte dabei zugesehen, wie die verfluchte Schneiderin seine Maße nahm! Die schneeweißen Spitzenrüschen an seinen Ärmeln verbargen verdammt noch mal beinahe seine Hände, wenn er nicht Acht gab, und noch mehr von dem Zeug quoll verflucht noch mal aus seinem Halsausschnitt und reichte fast bis zur Taille. Tylin mochte Spitze an einem Mann. Sein Umhang war von flammendem Scharlachrot — so rot wie die zu engen Hosen —, und mit goldenen Schnörkeln und — ausgerechnet! — weißen Rosen abgesetzt. Ganz zu schweigen von dem weißen Oval auf seiner linken Schulter mit dem grünen Schwert und dem Anker von Haus Mitsobar. Sein Mantel war blau genug, um einem Kesselflicker zu gehören, und zu allem Überfluss zogen sich goldene und rote tairenische Labyrinthe quer über die Brust und die Ärmel entlang. Mat erinnerte sich ungern daran, was er hatte durchmachen müssen, nur um Tylin davon zu überzeugen, auf die Perlen und Saphire und das Licht allein wusste was noch zu verzichten. Und er war kurz. Unanständig kurz! Auch Tylin liebte sein verdammtes Hinterteil, und es schien ihr egal zu sein, wer es noch sah!

Er rückte den Umhang auf den Schultern zurecht —wenigstens er verhüllte etwas — und nahm den schulterhohen Wanderstab, der neben der Tür lehnte. Seine Hüfte und sein Bein würden wehtun, bis er den Schmerz durch Laufen verdrängte. »Dann bis in zwei oder drei Tagen«, sagte er mit so viel Würde, wie er aufbringen konnte.

Aludra lachte leise. Aber nicht leise genug, dass er es nicht mitbekam. Licht, eine Frau konnte mehr mit einem Lachen anstellen als ein Schläger von den Docks mit einer Tirade voller Flüche! Mit der gleichen Absicht.

Sobald er einige der an dem Wagen befestigten Stufen hinkend hinuntergestiegen war, schlug er die Tür zu. Der nachmittägliche Himmel sah genauso aus wie am Morgen, grau und stürmisch und voll mürrischer Wolken. Ein scharfer Wind wehte launenhaft. Altara kannte keinen echten Winter, aber das, was es hatte, reichte auch so aus. Statt Schnee gab es Eisregen und Stürme, die vom Meer heranbrausten, und zwischenzeitlich war es feucht genug, um die Kälte noch schlimmer erscheinen zu lassen. Der Boden unter den Stiefeln fühlte sich selbst dann matschig an, wenn er trocken war. Mit gerunzelter Stirn humpelte Mat von dem Wagen fort.

Frauen! Aber Aludra war hübsch. Und sie wusste, wie man Feuerwerk herstellte. Ein Glockengießer? Vielleicht konnte er ja zwei kurze Tage daraus machen. Solange Aludra nicht anfing, ihn zu jagen. In letzter Zeit schienen das eine Menge Frauen zu tun. Hatte Tylin ihn irgendwie verändert, sodass Frauen ihn auf dieselbe Weise wie sie verfolgten? Nein. Das war lächerlich. Der Wind packte seinen Umhang und ließ ihn hinter sich herflattern, aber er war zu sehr in Gedanken versunken, um ihn wieder zu bändigen. Zwei schlanke Frauen — vermutlich Akrobatinnen — lächelten ihn im Vorbeigehen verstohlen an und er lächelte zurück und machte seinen besten Kratzfuß. Tylin hatte ihn nicht verändert. Er war noch immer derselbe Mann, der er immer gewesen war.

Lucas Schauspieltruppe war fünfzigmal größer, als Thom behauptet hatte, vielleicht sogar noch größer, ein sich ausbreitendes Durcheinander aus Zelten und Wagen mit der Fläche eines Dorfes. Trotz des Wetters übten eine Reihe von Darstellern im Freien. Eine Frau in einer locker fallenden weißen Bluse und Hosen, die mindestens so eng wie die seinen waren, schwang an einem durchhängenden, zwischen zwei hohen Pfosten befestigten Seil auf und ab, dann warf sie sich nach vorn und schaffte es irgendwie, das Seil mit den Füßen zu umklammern, bevor sie zu Boden stürzte. Sie krümmte sich zusammen, um das Seil mit den Händen zu ergreifen, zog sich zurück auf ihren Sitz und fing von vorn an. Nicht weit von ihr stand ein Mann mit entblößter Brust, der drei funkelnde Bälle über Arme und Schultern rollen ließ, ohne sie mit den Händen zu berühren. Das war interessant. Das hätte Mat vielleicht auch noch geschafft. Wenigstens würden diese Bälle einem keine Glieder brechen und bluten lassen. Davon hatte er sein Leben lang genug.

Was ihm jedoch vor allem ins Auge stach, waren die Pferdeseile. Lange Pferdeseile, hinter denen zwei Dutzend gegen die Kälte dick vermummte Männer Dung auf Schubladen schaufelten. Hunderte von Pferden. Angeblich hatte Luca ein paar seanchanischen Tierbändigern Unterschlupf gewährt, und seine Belohnung war eine von der Hochlady Suroth persönlich unterzeichnete Vollmacht, die ihm erlaubte, seine Pferde zu behalten. Mats Pip war in Sicherheit, vor der von Suroth angeordneten Lotterie gerettet, weil er in den Ställen des Tarasin-Palasts stand, aber es war ihm unmöglich, den Wallach dort herauszuholen. Tylin hatte ihn so gut wie angeleint, und sie hatte nicht vor, ihn in absehbarer Zukunft wieder gehen zu lassen.

Er wandte sich ab und dachte darüber nach, Vanin ein paar der Zirkuspferde stehlen zu lassen, falls die Gespräche mit Luca scheitern sollten. Nach dem zu urteilen, was Mat über Vanin in Erfahrung gebracht hatte, musste das für den seltsamen Mann so etwas wie ein Abendspaziergang sein. So fett Vanin auch war, konnte er jedes Pferd stehlen und reiten. Unglücklicherweise glaubte Mat nicht, länger als eine Meile im Sattel sitzen zu können. Trotzdem, das war etwas, worüber sich nachzudenken lohnte. Langsam wurde er verzweifelt.

Er hinkte weiter, betrachtete Sprungartisten und Jongleure und Akrobaten beim Training und fragte sich, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Blut und Asche! Er war ein Ta'verenl Er sollte die um sich herum befindliche Welt formen! Aber stattdessen saß er in Ebou Dar fest, war Tylins Schoßtier und Spielzeug — die Frau hatte ihn nicht einmal richtig genesen lassen, bevor sie auf ihn gesprungen war wie eine Ente auf einen Käfer! —, während es sich alle anderen gut gehen ließen. Vermutlich herrschte Nynaeve über jeden in Sichtweite, während diese Kusinen ihr voller Ehrfurcht folgten. Sobald Egwene erkannt hatte, dass diese völlig verrückten Aes Sedai, die sie zur Amyrlin ernannt hatten, es in Wahrheit gar nicht so meinten, standen Talmanes und die Bande der Roten Hand bereit, sie wegzuschaffen. Licht, so wie er Elayne kannte, trug sie mittlerweile die Rosenkrone! Rand und Perrin lungerten vermutlich in irgendeinem Palast vor einem Kaminfeuer herum, gössen Wein in sich rein und erzählten sich Witze.

Er verzog das Gesicht und rieb sich die Stirn, als in seinem Kopf ein Kaleidoskop aus Farben umherzuwirbeln schien. Das geschah in letzter Zeit, wenn er an einen der beiden Männer dachte. Den Grund dafür kannte er nicht und er wollte ihn auch gar nicht wissen. Er wollte einfach nur, dass es aufhörte. Wenn er doch nur aus Ebou Dar herausgekommen wäre. Natürlich mit dem Geheimnis des Feuerwerks, aber er hätte die Flucht dem Geheimnis jeden Tag vorgezogen.

Thom und Beslan waren noch genau da, wo er sie zurückgelassen hatte; sie tranken mit Luca vor dessen aufwendig verziertem Wagen, aber er gesellte sich nicht sofort zu ihnen. Aus irgendeinem Grund hatte Luca auf den ersten Blick eine heftige Abneigung gegen Mat Cauthon gefasst. Mat erwiderte seine Gefühle, aber er hatte dafür seine Gründe. Luca hatte ein selbstzufriedenes Gesicht und er lächelte jede vorbeikommende Frau auf eine zweideutige Art und Weise an. Und er schien zu glauben, dass sein Anblick jede Frau auf der Welt begeisterte. Licht, der Mann war verheiratet!

Luca rekelte sich in einem vergoldeten Stuhl, den er aus einem Palast gestohlen haben musste, grinste und machte großspurige Gesten, die für Thom und Beslan bestimmt waren; die beiden saßen zu beiden Seiten von ihm auf Bänken. Lucas hellroter Mantel und sein Umhang waren mit Sternen und Kometen bedeckt. Ein Kesselflicker wäre vor Scham errötet! Sein Wagen hätte einen Kesselflicker zum Weinen gebracht! Das Ding war nicht nur viel größer als Aludras Werkstattwagen, es schien zu allem Überfluss auch noch lackiert zu sein! Die Mondphasen zogen sich in unablässiger Folge in Silber um seine Seiten und der Rest der rot und blau gestrichenen Oberfläche war voller goldener Sterne und Kometen. Unter diesen Umständen sah Beslan in seinem mit herabsausenden Vögeln bestickten Mantel und dem dazu passenden Umhang beinahe gewöhnlich aus. Thom, der gerade mit dem Handrücken Wein aus dem Schnurrbart strich, erschien in seinem einfachen bronzefarbenen Tuch und dem dunklen Umhang richtiggehend schlicht.

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