Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Ich kann nicht«, murrte Theisen beleidigt.
»Dann wirst du hier unten verrecken müssen, verdammt!« In solchen Situationen verstand Leonid überhaupt keinen Spaß. Er hatte im Krieg schon etliche Kameraden aus brenzligen Lagen befreit, aber immer war er auf deren Hilfe angewiesen gewesen.
Mit Anspannung beobachtete Viktoria, wie Leonid sich noch weiter hinunterließ und das Seil, an dem er hing, bedrohlich zu schwingen begann. Ein Blick auf den verrosteten Türrahmen, an dessen Eisenriegel er die Schlinge befestigt hatte, ließ sie Schlimmes vermuten. Das Material war längst marode und würde ihn nicht ewig halten.
»Komm schon, Kamerad«, stieß Leonid hervor. »Hilf ein wenig mit!«
Theisen hob mühsam den Kopf an und stöhnte sofort, als er versuchte, sich auf dem maroden Rost auf die Ellbogen zu stützen. Er knickte ein, und die gesamte Konstruktion geriet so sehr ins Wanken, dass er abzustürzen drohte.
»Scheiße«, zischte er.
»Kannst du wenigstens einen Arm anheben?« Leonid versuchte sich in Geduld zu üben.
»Nur den rechten.«
Vorsichtig hob Theisen den Arm, und Leonid legte das Seil wie ein Lasso darum und schob das Seil hoch bis zur Schulter.
»So, jetzt der Kopf.«
Keuchend hob Theisen seinen Kopf, und Leonid half ihm durch die Schlaufe hindurch, bis das Seil halbwegs die Brust umspannte.
»Versuch die Schlaufe mit der unverletzten Hand über den anderen Arm zu schieben.«
Theisen grummelte etwas in sich hinein, während Viktoria beobachten konnte, wie er sich abmühte, das Seil vollends um die Brust zu winden. Dabei gelang es ihm nur unter größter Anstrengung, die Schlinge wenigstens vollständig um den anderen Arm zu legen. Keine Sekunde zu früh. Mit einem Ruck sauste der marode untere Treppenabsatz in die Tiefe und zerschellte in seine Einzelteile, die Theisen und auch Leonid unweigerlich aufgespießt hätten, falls das Seil, an dem Leonid hing, nicht auch den Deutschen gehalten hätte.
Theisen brüllte wie ein Stier, während sein gesamter Körper über der Tiefe baumelte. Leonid war rot angelaufen vor Anstrengung, während er versuchte, das Seil, an dem der Deutsche hing, über seinen Schultern zu fixieren, um ihn und sich selbst an der Steilwand zu stabilisieren.
Viktoria hielt den Atem an. »Kann ich euch irgendwie helfen?«, rief sie kläglich.
»Njet!«, stieß Leonid mit zusammengebissenen Zähnen hervor, derweil der Deutsche immer lauter zu wimmern begann, weil das Seil tief in sein Fleisch schnitt. Die Fußsohlen fest an der Wand, das Seil, an dem Theisens Körper hing, um Brust und Taille geknotet, stemmte Leonid sich Schritt für Schritt empor.
Mit jeder Bewegung schnitt das Führungsseil tiefer und tiefer in den Rost hinein. Noch paar Zentimeter, und der Holm, an dem das Abseilgerät befestigt war, würde brechen.
Mit einer Hand hatte Leonid schon den Einstieg erreicht, als ein knarzendes Geräusch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Bevor er ein Bein über den Türpfosten hinausschwingen konnte, verbog sich die Halterung endgültig und riss entzwei. Keuchend krallte er sich an der vergleichsweise winzigen Erhebung des Türrahmens fest, während Viktoria an seinen Kleidern zog.
»Das Seil«, stieß er hervor.
Viktoria dachte nicht lange nach und legte die Lampe auf den Boden. Dann griff sie an Leonid vorbei und erfasste die lose nach unten baumelnde Halterung. In Panik brachte sie das Ende in Sicherheit und hielt Ausschau nach etwas, an dem sie den Haken fixieren konnte.
Leonid drohte trotz aller Anstrengungen nach unten hin abzurutschen. Theisen wog gut und gerne neunzig Kilo.
»Du musst dich an mir festhalten«, stieß Viktoria atemlos hervor, während sie auf die Knie ging und ihm ihre Arme entgegenstreckte. »Ich kann nichts finden, woran ich das Seil befestigen könnte.«
Für einen Moment schloss Leonid gequält die Augen. In einer solchen Situation konnten ihm all seine Fähigkeiten nicht helfen. Viktoria würde unweigerlich mit in den Abgrund gerissen, wenn er auch nur den Versuch unternahm, sich an ihr hochzuziehen.
Plötzlich wurde es hell, obwohl Viktoria die Lampe beiseitegelegt hatte.
»Geiler Arsch«, bemerkte eine schneidende Stimme. »Eine Einladung zum Vögeln.«
»Zieh ihr die Hose runter«, grölte ein anderer.
»Das ist doch die deutsche Hure aus unserem Camp?«
»Gurkenkopf! Hast du's auch schon bemerkt?«
»Können wir helfen? Pisdjenka?« Grölendes Gelächter hallte von den Höhlenwänden wider.
Viktoria sah sich ungläubig um und beleuchtete die Gesichter von vier Männern, die allesamt uniformiert und bewaffnet waren. Bei näherer Betrachtung erkannte sie die Kerle: Es waren Lebenovs Leute.
25.
Januar 1908, Sibirien - Maganhir
Noch in der Nacht schlich Leonard zum Gefangenenblock I. Dort befand sich die Arrestzelle, in die man Tschirin eingesperrt hatte. Die Wachen ließen sich mit zwei Päckchen Zigaretten bestechen, von denen Aslan bei seinem letzten Außeneinsatz gleich eine ganze Kiste mitgebracht hatte. Mit zitternden Fingern hob Leonard das Licht an das Guckloch heran und schob die eiserne Plakette zur Seite. »Tschirin«, zischte er leise. »Ich bin es, Leonard. Wie geht's dir?« Der Gestank nach Kot und Urin nahm ihm den Atem. »Kannst du die Wachen dazu bringen, dass sie mir wenigstens etwas zu trinken geben?« Die Stimme klang erstickt. »Ich muss hier raus, sonst werde ich noch meinen Verstand verlieren.«
»Ich kann dich nicht herausholen, aber dein Vater könnte es, wenn er uns helfen würde.«
»Wenn es so ist, werde ich meine Familie niemals wiedersehen.« Die Stimme des jungen Tungusen verriet, in welcher aussichtslosen Lage er sich sah. »Mein Vater wird den Russen niemals helfen. Er wird sich höchstens rächen, und dann ist alles, woran euer Herz hängt, verloren.«
»Gibt es denn nichts, womit wir ihn umstimmen könnten?«
»Vielleicht gibt es etwas«, erwiderte Tschirin mit brüchiger Stimme.
»Ich sollte es dir nicht sagen, aber ich habe eine Frau und eine kleine Tochter. Ich will nicht sterben. Ich möchte sehen, wie sie aufwächst. Kannst du das verstehen?«
Leonard räusperte sich, um antworten zu können. »Glaub mir, niemand weiß besser als ich, wovon du sprichst. Also sag schon, ich werde es persönlich an Kommandeur Lobow weitergeben und mich dafür einsetzen, dass er dich danach auf freien Fuß setzt.«
»Sagt meinem Vater, dass ihr an seiner Stelle den großen Maganhir um Hilfe bitten werdet, wenn er selbst nicht bereit ist, euch zu helfen.«