Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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Und vor allem: Er verstand sie nicht! Er begriff nichts, sah keinen Zusammenhang, fand keine Erklärung. Was waren Sirenen? Raketen? Was war Haß? Rache? In welchen seltsamen Beziehungen standen die Menschen, warum handelten sie so – da es sie doch zu gleicher Zeit quälte?!
Die Tür öffnete sich, und C.C.G. Ceb rollte herein, den schmächtigen Körper tief in den Kissen vergraben.
»Geht es Ihnen noch immer nicht besser? Wann werden Sie mit der Auswertung beginnen?«
J.L.G. Mat schien nicht gehört zu haben. Geistesabwesend starrte er vor sich hin. Plötzlich drehte er sich um und sah C.C.G. Ceb an, seine Augen wanderten über das Gesicht, den Hals, die Schultern, über den Leib, die Beine, bis zu den Fußspitzen. »Kollege«, sagte er – es war mehr ein Flüstern als ein Sprechen, »Kollege – erwähnten Sie nicht einmal, daß Sie eine Frau sind?«
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Asyl
Drei Jahre waren wir nun unterwegs.
Mit welcher Verbitterung hatten wir die Erde verlassen! Flucht aus dem Sonnensystem – wir hatten uns wie Helden gefühlt. Erst später kamen die Zweifeclass="underline" Niemand hatte uns aufgehalten. Wahrscheinlich waren sie froh, daß sie uns loswaren!
Natürlich waren wir enttäuscht! Unsere Revolution war zu Ende, bevor sie richtig angefangen hatte. Die Gruppen von Sportlern und Studenten, mit denen wir Verbindung aufgenommen hatten, ließen uns einfach im Stich. Hatten sie es von Anfang an nicht ernst gemeint?
Es war uns damals nicht schwergefallen, uns von der Erde zu trennen. Was wir zurückließen, erschien uns unwichtig. Wir verachteten die Menschen, die sich ohne einen Schimmer von eigenem Willen dem Reglement der Weltregierung unterwarfen. Es lohnte sich nicht, für sie einzutreten.
Drei Jahre sind eine lange Zeit. Drei Jahre in beengtem Raum – einige Wohnzellen, ein Kommunikationszentrum, eine Sport- und Trainingskabine. Abgesehen natürlich von den Maschinenräumen – aber was hatten Menschen dort zu suchen!
Die erforschten Distrikte lagen weit hinter uns. Noch niemand hatte sich in diesen abgelegenen Spiralarm des Sonnensystems verirrt. Wir hatten ungeheure Entfernungen zurückgelegt. Und doch veränderten sich die Muster der Sterne vor dem nachtschwarzen Himmel kaum. Das war alles, was uns der Blick durch die Luken bot.
Wir waren sechs: Boyd, der Psychologe und Soziologe, voll Initiative, begeistert von neuen Ideen; Mischa, Kybernetiker, Techniker, bedächtig, fast langsam, aber von einer unheimlichen Ausdauer, wenn es um das Erreichen von gesteckten Zielen ging; Nuru, Medizinstudent, mehrfacher Zehnkampfmeister der Afro-Olympiade, eine geballte Ladung Energie, aggressiv, unversöhnlich, zu keinem Kompromiß bereit; Ingrid, die es verstanden hatte, die Frauen der ganzen Welt in Aufruhr zu bringen, Politologin und Pädagogin, hochintelligent und meisterhaft in den Künsten der Demagogie; Naomi, Sprachstudentin und Leiterin unserer Kommunikationszentrale, ausdrucksstark und einfühlsam, ein ausgleichendes Element in einem System von Individualisten; schließlich ich, Andre, Kandidat der Rechtswissenschaft – über meine guten und schlechten Eigenschaften bin ich mir selbst nicht im klaren.
Als wir die aufregenden Tage des Durchbruchs hinter uns hatten und allmählich zur Ruhe kamen, hofften wir auf eine Situation, wie wir sie uns für die Erde gewünscht hätten: ein aktives Miteinander verschiedener Charaktere – verschieden in den Befähigungen, Vorlieben, Ausdrucksweisen, aber gleich im Willen zur Überwindung der körperlichen und geistigen Stagnation, die die Menschheit zu lähmen droht. Die kreative Gesellschaft, das war unser Ziel, und unser Zusammenleben würde ein Schulbeispiel dafür sein – so dachten wir.
Zuerst war jeder mit Begeisterung dabei. Durch das Los bestimmten wir von Woche zu Woche unsere Partnerschaft – wir teilten uns in drei Zweiergruppen, die die Probleme gemeinsam zu lösen versuchten, die wir uns stellten. Das wichtigste dabei war die Entwicklung von Modellen einer künftigen Gesellschaft. Erst heute fällt mir auf, daß diese Aktivität eigentlich sinnlos war, denn wir hatten nicht vor, je zur Erde zurückzukehren. Immerhin, je weiter wir kamen, um so größer war die Genugtuung, daß es uns gelang, die wunden Punkte zu finden, an denen die Menschheit krankte. Nach wie vor war uns unverständlich, daß das die andern offenbar nicht eingesehen hatten: Eine einheitliche Weltregierung führt unwiderruflich zum Erliegen der Entfaltung. Der einzige Ausweg ist eine Teilung der bewohnten Gebiete in unabhängige Territorien, die im Wettstreit miteinander stehen. Die Auseinandersetzungen müßten auf physischer und psychischer Ebene geführt werden. Wir befürworteten eine allgemeine Sportdienstpflicht für alle Einwohner zwischen 18 und 32 Jahren. Und wir traten dafür ein, künstliche Probleme zu stellen, wo es keine natürlichen mehr gab. Wir befürworteten eine teilweise Zerstörung der Datenbanken – mit der Auflage, das Wissen in allen Territorien unabhängig voneinander neu zu erarbeiten.
Damit hatten wir fürs erste genug zu tun, die Diskussionen waren lebhaft, wir zeichneten die Ergebnisse mit den Kommunikatoren auf, ließen es ordnen und zu einem Programm zusammenstellen.
Wir sorgten auch für unsere körperliche Leistungsfähigkeit. Natürlich bedauerten wir es, keine großen Sportanlagen zur Verfügung zu haben – Plätze für Hindernisläufe oder Spielfelder, gar nicht zu reden von einer Regattastrecke oder einer Laufbahn für Raketenautos. Trotzdem gab es genügend Anreiz zum Training und zur Leistungssteigerung. Auf den Laufbändern rannten wir um die Wette, wir stießen die Kugel gegen die Gummiwand und sprangen in einem Feld erhöhter Schwerkraft. Für Ballspiele hatten wir ein Spezialprogramm: Wir legten Sonden an Schläfen- und Muskelpartien, übertrugen die aufgenommenen Spannungen an den Computer und beobachteten auf einem Bildschirm die Spielsituation, die wir gedanklich erzeugt hatten.
Erst nach einigen Monaten machten sich Anzeichen der Ernüchterung bemerkbar. Es gab einige konkrete Anlässe: Mischa, der von Zeit zu Zeit die Automatik überprüfte, stellte übermäßigen Wasserverbrauch fest. Zwar waren wir bestens versorgt – mit Energie ebenso wie mit Nahrungsmitteln und Medikamenten –, doch das Wasser mußte wieder aufbereitet werden, und die Kapazität der Anlage war beschränkt. Nicht daß wir Mangel leiden mußten – es reichte für jeden zum täglichen Bad, doch konnte man es sich natürlich nicht leisten, stundenlange Dusch- und Spülbäder zu nehmen. Und doch mußte jemand Wasser verschwendet haben, denn es kam immer häufiger vor, daß einer von uns verärgert aus dem Baderaum zurückkam, weil das Wasser verbraucht war.
Noch stutziger machte uns eine andere Feststellung. Mischa teilte uns mit, daß einer von uns auch jene Übungen, die er in der Kabine ohne Schwierigkeiten hätte absolvieren können, gedanklich vornahm. Gewiß handelte es sich um nichts Ernstes. Bei uns gab es keine Vorschriften und keine Kontrollen, und es fiel uns nicht ein, wegen solcher Nebensächlichkeiten mit unseren Grundsätzen zu brechen. Trotzdem waren wir, wie wir zögernd zugaben, enttäuscht. Zwar erkundigte sich niemand offen danach, wer die stillschweigenden Übereinkommen brach, aber insgeheim hatte jeder seine Zweifel an diesem und jenem, und so kam ein Mißklang in unsere Gemeinschaft. Allmählich ließ auch das Interesse an den soziologischen Modellen nach. Längst war die Sonne ein Stern unter vielen geworden, und vielleicht lag es an der Entfernung von der Erde, daß uns deren politische Situation belanglos zu erscheinen begann. Bei den Brain-Storming-Sitzungen, bei denen jeder sagt, was ihm einfällt, ohne daß jemand kritisieren darf, wurde es zum ersten Mal unverschleiert ausgesprochen: Was kümmert uns eigentlich noch die Erde? Von da an ging es bei unseren Diskussionen mehr um unsere Zukunft als um das Vergangene und was sich daraus hätte entwickeln können.