Die Jahre des Schwarzen Todes [Doomsday Book - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 1993
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-06589-1
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Jahre des Schwarzen Todes [Doomsday Book - de]». Краткое содержание книги:
Es sollte das größte Abenteuer ihres Lebens werden: Die junge Kivrin wird aus dem Jahr 2054 ins mittelalterliche England geschickt. Doch bei der Übertragung kommt es zu Problemen, und so landet die Geschichtsstudentin nicht wie geplant im Jahr 1320, sondern im Jahr 1348 — dem Todesjahr, in dem die Pest England entvölkerte. Und eine Rückkehr in die Zukunft scheint unmöglich zu sein …
»Und du solltest an der Seite meines Bruders sein, wie es sich für seine Verlobte geziemt«, sagte Yvolde, »statt kindische Spiele zu spielen.« Sie streckte die Hand in Richtung des Herdfeuers aus, wo Bloet saß, nach all den Ausflügen ins Brauhaus offensichtlich angetrunken und am Einnicken. Rosemund blickte Kivrin flehend in die Augen.
»Geh und danke Sir Bloet für sein großzügiges Geschenk«, sagte Imeyne kalt.
Rosemund gab Kivrin ihren Umhang und ging zum Herdfeuer.
»Komm, Agnes«, sagte Kivrin. »Du mußt ruhen.«
»Ich möchte des Teufels Grabgeläut hören«, sagte Agnes.
»Lady Katherine«, sagte Yvolde mit ironischer Betonung, »Ihr sagtet uns, daß Ihr Euch an nichts erinnert. Aber Ihr habt Rosemunds Brosche mit Leichtigkeit gelesen. Könnt Ihr also lesen?«
Ich kann lesen, dachte Kivrin, aber weniger als ein Viertel der Zeitgenossen konnten es, und von den Frauen noch weniger.
Sie blickte zu Imeyne, die sie ansah, wie sie es am Morgen nach Kivrins Ankunft beim Befingern ihrer Kleider und der Untersuchung ihrer Hände getan hatte.
Kivrin blickte Yvolde ins Auge. »Nein, ich fürchte, ich kann nicht einmal das Vaterunser lesen. Euer Bruder sagte uns, was die Worte bedeuteten, als er Rosemund die Brosche gab.«
»Nein, das ist nicht wahr«, sagte Agnes.
»Du hast nur an dein Mitbringsel gedacht und nicht aufgepaßt«, sagte Kivrin in Verzweiflung. Das würde Frau Yvolde niemals glauben. Sie würde ihren Bruder fragen, und der würde ihr versichern, daß er nie zu ihr gesprochen habe.
Aber Yvolde schien zufriedengestellt. »Ich dachte mir, daß so eine wie sie nicht würde lesen können«, sagte sie zu Imeyne. Sie gab ihr die Hand, und die beiden gingen hinüber zu Sir Bloet.
Kivrin sank auf die Bank zurück.
»Ich möchte meine Glocke haben«, sagte Agnes.
»Ich werde sie dir nicht umbinden, wenn du dich nicht niederlegst.«
Agnes kroch ihr in den Schoß. »Zuerst mußt du mir die Geschichte erzählen. Es war einmal ein Mädchen.«
»Es war einmal ein Mädchen«, sagte Kivrin. Verstohlen blickte sie zu Imeyne und Yvolde hinüber. Sie hatten sich zu Sir Bloet gesetzt und sprachen mit Rosemund. Sie sagte etwas, hatte das Kinn wieder trotzig erhoben und feuerrote Wangen. Sir Bloet lachte, und seine Hand schloß sich über der Brosche und glitt dann abwärts über Rosemunds Brust.
»Es war einmal ein Mädchen…«, wiederholte Agnes.
»… das lebte am Rande eines großen Waldes«, sagte Kivrin. »Geh nicht allein in den Wald, sagte der Vater…«
»Aber sie hörte nicht auf ihn«, sagte Agnes und gähnte.
»Nein, sie hörte nicht auf ihn. Ihr Vater liebte sie und sorgte sich nur um ihre Sicherheit, aber sie wollte nicht auf ihn hören.«
Agnes kuschelte sich an Kivrin. »Was war in dem Wald?«
Kivrin zog Rosemunds Umhang über sie. Halsabschneider und Diebe, dachte sie. Und lüsterne alte Männer und ihre zänkischen Schwestern. Und unerlaubte Liebhaber. Und Ehemänner. Und Richter. »Alle möglichen Gefahren.«
»Wölfe«, sagte Agnes schläfrig.
»Ja, Wölfe.« Sie blickte zu Imeyne und Yvolde. Die beiden steckten die Köpfe zusammen, beobachteten sie und flüsterten.
»Was geschah mit ihr?« fragte Agnes. Die Augen fielen ihr bereits zu.
Kivrin nahm sie in die Arme. »Ich weiß nicht«, murmelte sie. »Ich weiß es nicht.«
20
Agnes konnte nicht länger als fünf Minuten geschlafen haben, als die Glocke verstummte, um dann von neuem einzusetzen, heftiger als zuvor, und sie zur Messe rief.
»Pater Roche beginnt zu früh. Es ist noch nicht Mitternacht«, sagte Frau Imeyne, aber sie hatte noch nicht ausgeredet, als die anderen Glocken zu läuten begannen: Wychlade und Bureford und, weit entfernt im Osten, zu fern, um mehr als der Hauch eines Echos zu sein, die Glocke von Oxford.
Da sind die Glocken von Osney, dachte Kivrin, und da ist Carfax, und wieder überkam sie ein seltsam unwirkliches Gefühl von Nähe und Heimweh.
Sir Bloet wuchtete seinen massigen Leib in die Höhe, dann half er seiner Schwester auf. Einer ihrer Diener eilte mit ihren Umhängen und einem mit Eichhörnchenfell gefütterten Mantel herbei. Die schwatzenden Mädchen zogen ihre Umhänge unter den anderen hervor und schwatzten weiter, während sie sie anlegten und die Schließen zumachten. Frau Imeyne schüttelte Maisry, die auf der Bettlerbank eingeschlafen war, und befahl ihr, das Stundenbuch zu bringen, und Maisry schlurfte gähnend zur Leiter, die auf den Dachboden führte. Rosemund kam herüber und griff mit übertriebener Vorsicht nach ihrem Umhang, der Agnes von den Schultern geglitten war.
Agnes war fest eingeschlafen. Kivrin wollte sie nicht wecken, aber es war so gut wie sicher, daß nicht einmal erschöpfte Fünfjährige von der Teilnahme an dieser Messe ausgenommen waren. »Agnes«, sagte sie leise.
»Du wirst sie zur Kirche tragen müssen«, sagte Rosemund. Sie bemühte sich, Sir Bloets goldene Brosche wieder an ihren Umhang zu stecken. Der jüngste Sohn des Verwalters kam mit Agnes’ weißem Umhang und blieb vor Kivrin stehen.
»Agnes«, sagte Kivrin noch einmal und stieß sie ein wenig an. Es war erstaunlich, daß die Kirchenglocke sie nicht geweckt hatte. Sie ertönte lauter und näher, als Kivrin sie bis dahin gehört hatte, und übertönte mit ihren dröhnenden Schlägen die anderen, entfernteren Glocken.
Agnes’ Augen flogen auf. »Du hast mich nicht geweckt«, sagte sie schläfrig zu Rosemund, und dann, als sie wach wurde, noch lauter: »Du hattest versprochen, mich zu wecken.«
»Zieh deinen Umhang an«, sagte Kivrin. »Wir müssen zur Kirche gehen.«
»Kivrin, ich möchte meine Glocke tragen.«
»Du trägst sie ja«, sagte Kivrin. Sie bemühte sich, Agnes’ Umhang zu befestigen, ohne sie mit der Schließe in den Hals zu zwicken.
Agnes untersuchte ihren Arm. »Nein, ich habe sie nicht! Ich will meine Glocke tragen!«
»Da ist sie«, sagte Rosemund und hob sie vom Boden auf. »Sie muß dir vom Handgelenk gefallen sein. Aber es ist nicht schicklich, sie jetzt zu tragen. Wir werden zur Messe gerufen. Die Weihnachtsglocken kommen danach.«
»Ich werde nicht läuten«, sagte Agnes. »Ich möchte sie nur tragen.«
Kivrin glaubte nicht daran, aber sie mußte vermeiden, daß Agnes einen Auftritt machte und losheulte, denn alle anderen waren fertig. Einer von Sir Bloets Dienern entzündete die Hornlaternen mit einem Scheit vom Feuer und gab sie den anderen Bediensteten. Hastig band Kivrin die Glocke um Agnes’ Handgelenk, dann nahm sie die beiden Mädchen bei der Hand.
Eliwys legte ihre Hand in Sir Bloets Armbeuge, Frau Imeyne bedeutete Kivrin, ihnen mit den Mädchen zu folgen, und die anderen schlossen sich feierlich an, als wäre es eine Prozession. Frau Imeyne ging mit Sir Bloets Schwester, und ihnen schloß sich Sir Bloets übriges Gefolge an. Eliwys und Sir Bloet führten den Zug hinaus auf den Hof, durch das Tor und auf dem Fahrweg zum Dorfanger.
Der Schneefall hatte aufgehört, und die Sterne waren herausgekommen. Das Dorf lag still unter seiner weißen Decke. Gefroren in der Zeit, dachte Kivrin. Die elenden Hütten, die schiefen und umgesunkenen Zäune und zerzausten Hecken sahen verändert aus, geglättet und verschönert vom Schnee. Die Laternen ließen die kristallinen Facetten der Schneeflocken aufblitzen, aber es war der Sternhimmel, der Kivrin den Atem verschlug: Tausende von Sternen, und alle funkelten in der eisigen Schwärze des Himmels wie Juwelen. »Es glitzert«, sagte Agnes, aber es war nicht klar, ob sie den Schnee oder den Sternenhimmel meinte.
Die Glocke läutete ruhig und gleichmäßig, ihr Klang hier draußen in der frostigen Luft war wieder anders, nicht lauter, aber voller und irgendwie klarer. Kivrin lauschte in die Winternacht und konnte jetzt auch all die anderen Glocken hören und wiedererkennen, Esthcote und Witenie und Wychlade, obwohl auch sie anders klangen. Sie lauschte in die Richtung von Swindon, dessen Glocke die ganze Zeit geläutet hatte, konnte sie aber nicht hören. Auch die Glocken von Oxford waren nicht zu hören. Entweder hatte der Wind gedreht, oder sie hatte sich nur eingebildet, sie wiederzuerkennen.