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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Ich erinnere mich daran, dass mein Kopf selbst nach dem Waschen noch juckte, an den entsetzlichen Gestank des Läuseshampoos und an den Moment, da meine Mutter nach Hause kam. Sie beruhigte zuerst meinen Vater und erlaubte ihm, wieder in seinem Arbeitszimmer zu verschwinden, dann erst widmete sie sich mir. Sie wusch mir ein zweites Mal den Kopf und befragte mich über die möglichen Quellen der Ansteckung. Wahrscheinlich erwartete sie eine pikante Enthüllung: der erste Kuss, das erste Mal am Haar eines Mädchens gerochen. In Wahrheit hatte ich einen Erstklässler verprügelt, dessen Kleidung mich aus unerfindlichen Gründen wütend gemacht hatte. Ich war zu der Zeit unheimlich reizbar. Ich schlug ihm ins Gesicht, dann rollten wir über den Gang, ineinander verbissen wie zwei Hunde. Die anderen Schüler beklatschten uns.

Der Juckreiz auf meinem Kopf ging in ein beständiges Brennen über. Anfassen war verboten. Ich hatte so schon genug Blut unter meinen Fingernägeln.

An jenem Tag kam mein Vater nicht mehr aus seinem Arbeitszimmer hervor. Er schrieb und zeichnete den ganzen Abend lang, und meine Mutter musste ihm das Essen bringen. Wenig später holte sie die Teller wieder ab und sie wechselten ein paar Worte über den Zustand meiner Kopfhaut. Er hörte nur mit einem Ohr hin. Kopf waschen! Solche Dinge waren sonst ihr überlassen. Sie fielen nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Er war melancholisch und auch ein wenig schockiert. Und am Ende wurde er sentimentaclass="underline" Ach, eine Familie war gar nichts Schönes, ein merkwürdiges Gebilde aus Haut und Haaren, das man anfassen und um das man sich kümmern musste, wenn man dazugehören wollte.

— Sind Sie —?

Ich schrecke aus meinem Tagtraum. Der Arzt winkt mich aus dem Aufenthaltsraum.

— Der Lebensgefährte, lüge ich.

Der Arzt gibt mir die Hand, hart, männlich, eine Klarstellung. Ich bin froh, dass ich mich seit fünf Tagen nicht mehr rasiert habe. Der Altersunterschied. Lebensgefährte.

— Waren Sie das gestern?

— Ja, sage ich, obwohl ich glaube zu wissen, was er meint. Ich hab mich verlaufen.

— Passiert bisweilen, sagt er.

Der Arzt geht voran, wir betreten ein kleines Zimmer. Er dreht sich zu mir um und streicht sich mit Daumen und Zeigefinger über die Oberlippe. Es würde mich nicht wundern, denke ich, wenn er plötzlich einen Baseballhandschuh aus der Tasche ziehen und mir befehlen würde, mich strategisch günstig aufzustellen.

Der Liebesbrief des Piloten

Liebe Käthe!

Was soll ich dir berichten? Ich bin immer noch im Krieg. Die Welt ist schrecklich verändert und die Grausamkeiten nehmen täglich zu. Wo immer man seinen Fuß hinsetzt, findet ein Völkermord statt. Und wenn ich die Zeichen richtig deute, weist alles darauf hin, dass ich nie wieder — dass ich nirgends mehr landen kann, liebe Käthe. Deshalb schreibe ich dir diesen Brief, aus der Luft, zwischen Himmel und Erde.

Ich kann dir gar nicht sagen, wo ich schon überall war, denn überall sieht es gleich aus. Verbrannte Erde, vornüber gekippte Gebäude. Überall verzweifelte Menschen.

Die Hölle auf Erden.

Schmerzen, Lärm und Tod.

Abgenagte Kadaver.

Verstrahlte Wälder, rot verfärbt, wie ewiger Herbst. Sogar am Nordpol wüten die Flammen der Aurora Borealis und verschlingen Städte, die zu nah am Horizont gebaut sind.

Ich selbst bin auch verletzt, liebe Käthe. Sorge dich bitte nicht, es ist nichts Ernstes. Aber die Stelle, an der — verzeih mir, ich merke, dass ich davon noch nicht schreiben kann. Es wird sich mit der Zeit schon alles geben.

Aber mit mir geschehen noch andere seltsame Dinge in letzter Zeit, die vielleicht tatsächlich eine letzte Zeit ist. Die Sendefrequenzen der Funkverbindungen wechseln andauernd, sodass ich sonderbaren Unterhaltungen von Fremden lauschen kann, die sich in meine Routine mischen, ohne dass ich um ihre Gegenwart gebeten hätte. Es ist fast, als tauchte ich in andere Dimensionen ein, wenn ich zu lange in der Luft bleibe. Aber gerade das will ich tun. Ich werde nur landen, wenn ich auftanken muss oder eine Reparatur notwendig wird.

Von oben sieht die Welt sehr klein aus. Menschen liegen blutend da und sind nur ein winziger schwarzer Fleck in der Landschaft, wie ertrunkene Mücken.

Ach, Käthe, wenn ich dir nur sagen könnte, was ich alles durchzustehen hatte!

Denk nur, ich wurde gefangen genommen! Man hat mich betäubt, an einen Metalltisch geschnallt und mit höllischen Werkzeugen misshandelt! Man hat mich an einer Stelle verwundet, die … Mir fehlen noch immer die Worte. Und der Gedanke an die erlittenen Erniedrigungen lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen.

An Schlaf ist sowieso nicht zu denken, jetzt, da ich das Flugzeug steuern muss. So bleibe ich nächtelang wach, klemme den einsamen Steuerknüppel zwischen meine notdürftig bandagierten Beine und schreibe an meinem Brief. Es tut mir gut, es ist der einzige Kontakt, den ich noch zur Erde habe. Ich bin ein denkender Kopf in einer winzigen Pilotenkanzel hoch über der zerstörten Welt. Unter mir sind Blut und Leben und Leiden und der Schorf des Kriegs, der langsam über das Land wächst.

Hier oben sind nur Wolken.

Was von der Erde aus aussieht wie ein trächtiges Schaf oder der südamerikanische Kontinent, gleicht aus der Nähe einem Meer von Baumwolle, einer zerfaserten Himmelsburg oder einem geisterhaften Iglu, auf das ich mit voller Geschwindigkeit zusteuere.

Ach, wenn du es nur sehen könntest!

Wer diese großen, prächtigen, ankerlosen Massen nur einmal gesehen hat, dem muss es unmöglich erscheinen, in eine Welt zurückzukehren, die voller unbegreiflicher Begrenzungen ist, in der es Menschenhaut, Zimmerwände und Staatsgrenzen gibt. Vielleicht eines Tages, wenn alles verheilt ist. Aber bis dahin bleibe ich noch hier oben, in der sanften Gegenwart der Riesen, fern jeder Zerstörung.

Liebe Käthe! Bald, bald werde ich dir berichten können, was mit mir geschehen ist. Aber heute noch nicht, liebe Käthe, ich hoffe, du verstehst. Noch kann ich nicht davon sprechen, denn die Worte wären die falschen. Es wäre so, als würde ich kleine Holzkisten malen und behaupten, es seien Schafe.

Dein

dich liebender

Ewiger Pilot

Ein Parkplatz in der sinkenden Sonne

Trotz des unangenehmen Zwischenspiels mit den Männern im Overall war Uljana zufrieden. Sie hatte die lästige, quälende Halskrause mit ihrem kräftigen Hinterlauf abgewetzt, teilweise sogar abgerissen, und dadurch ihren Sichtradius ein wenig vergrößern können. Sie hatte dazu die halbe Nacht gebraucht. Den Rest der Nacht hatte sie im Inneren der Litfaßsäule verbracht, bis man sie daraus verjagt hatte. Dann hatte sie aus einer Mülltonne verschiedene Dinge gefressen, die ihr jetzt etwas schwer im Magen lagen. Aber wenigstens quälte sie der Hunger nicht mehr. Fast den ganzen Tag hatte sie unter einem Auto gekauert.

Jetzt war es Abend und sie ging einem bekannten Geruch nach. Nein, etwas anderem, das unverständlich war und mysteriös, und das sich lediglich so verhielt wie eine vertraute Witterung. Wie der Phantomschmerz eines abwesenden Geruchs. Es war ein Gefühl, als hätte sich eine Erinnerung aus dem eigenen Körper in die Luft ringsum verirrt.

Uljana blieb stehen, blickte geradeaus.

Etwas, das ihr noch nie aufgefallen war, drang nun in ihr Bewusstsein. Ihre eigene Schnauze, dieser graue Kolben, ragte in geisterhafter Verdoppelung in ihr Gesichtsfeld. Wenn sie ihre Augen schielen ließ, veränderten sich die beiden Bilder; sie verschmolzen. Beinahe verstand Uljana, dass es ihre eigene Schnauze war, dass es zu ihr gehörte. Die Erkenntnis streifte ihr Bewusstsein, das sonst nichts für Erkenntnisse übrig hatte, und war schon wieder fort. Es reichte gerade noch, ihren Spieltrieb zu aktivieren: Man konnte doch einmal versuchen, nach diesem durchsichtigen Rohr zu schnappen, nur einmal, so wie damals, als ihr Schweif sich so frech von ihr fortbewegt hatte, dass sie einfach nicht widerstehen konnte –

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