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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Und es gab bestimmt viele. Ich war nicht der einzige.

Wie viele mochten es sein? Hunderte. Tausende. Tausend mal tausend ist eine Million. Bestimmt war es eine Million. Bestimmt tausend Millionen.

Sie alle irrten jetzt irgendwo durch die Straßen, durch den hinteren Parkausgang über den schmalen Brückensteg und dann hinter dem Gebäude, auf dem groß und unergründlich Marienmühle stand, durch den kleinen Park, und dann sahen sie, die abertausend Millionen verschwundener, vertriebener Kinder auch schon den Bahnhof, die Endhaltestelle jeder Flucht, weil es dahinter nichts mehr geben konnte außer Schienen und weitere Bahnhöfe, einer finsterer und unbekannter als der davor.

Ich trocknete mich ab, ganz allein. Ich brauchte, ich erwartete keine Hilfe mehr.

Ich legte mich ins Bett. Aber meine Mutter passte mich rechtzeitig ab und ließ es sich nicht nehmen, mir die Decke überzulegen. Ich ließ es geschehen. In Wirklichkeit hatte sie gar keine Ahnung, was passiert war.

Das Ausmaß meiner plötzlich gewachsenen Ernsthaftigkeit brachte mich zum Weinen. Ich wischte mir die Tränen von der Wange, auch das ganz allein. Ich brauchte keine Hilfe, keine Aufmunterungen, keine Trostgeschenke, kein Taschentuch.

Ich war jetzt auf mich allein gestellt, so wie alle Menschen. Und für die meisten Menschen gab es keine Auswege. Ich hatte mit der Möglichkeit gespielt, dass es für mich vielleicht einen geben könnte, aber sie hatte sich in Luft aufgelöst.

Im Traum sah ich mich auf einem wild zugewachsenen Gelände, umgeben von verlassenen Gebäuden. Ein starker Wind wehte.

Der Wind war radioaktiv, das spürte man. Die Fingernägel wurden rot davon.

Ich stapfte durch niederes Gestrüpp, kam in einen verlassenen Hühnerhof. Der Zaun, der das leere Gehege begrenzte, zerbrach bei der ersten Berührung und rieselte als Mehl zu Boden. Wie lange er so gestanden haben mag, unberührt, intakt, eine hauchzarte Struktur, zum Schutz unsichtbarer Hühner?

Die Sonne war von Wolken verhüllt, ein Himmel aus Weißblech, durchsetzt von dunkleren Fetzen, wie weich gekochte Knochen.

Hinter dem Gebäude fiel das Gelände ab, ein steilerer Abhang, ein riesiges Becken, ein ausgetrockneter See. Keine Pflanzen, nirgends. Ich schaute mich um, versuchte irgendetwas zu erkennen. Plötzlich befand ich mich mitten in einem Graben.

Hier war die Strahlung noch stärker. Ich hatte Angst, aber ich wusste, dass ich nicht umkehren konnte. Der Stadtrand war nur eine erste Etappe gewesen. Und darüber hinaus zu gelangen war lediglich der nächste wichtige Schritt. Auch den hatte ich hinter mir. Was jetzt kam, blieb unklar.

Meine Fingernägel leuchteten wie geschminkte Frauenlippen.

Ich schaute zu dem verlassenen Hof zurück. Er sah klein und niedergebrannt aus. In der Einfahrt lag ein Auto auf dem Rücken, die Räder ragten ins Leere. Dem kleinen, brotfarbenen Schornstein, der mürrisch auf dem Hausdach hockte, fehlte der Rauch.

Ich wanderte weiter, mich krümmend unter dem heißen Wind, der aus dem Nichts zu kommen schien und durch mich hindurch blies.

Im Traum war mir klar, dass ein Fehler passiert war, irgendein schweres, nicht wiedergutzumachendes Versäumnis: Der See hätte längst, schon vor Jahren, mit Beton aufgefüllt werden müssen. Das hätte vielleicht das Schlimmste verhindert. Aber er war leer. Das Wasser fehlte. Und der Wind trug den radioaktiven Sand in alle Nachbarländer weiter, wo er sich im Trinkwasser, im Hausstaub, in den Kleidern festsetzte und die Menschen in Furcht erregende Schwarzweißaufnahmen ihrer selbst verwandelte und ihre vormals so kräftigen Bewegungen in die sinnlosen Spreizgebärden von Mahndenkmälern.

Ich versuchte zu sprechen, aber meine Kiefer waren wie gelähmt. Ich fasste an meine Wange und berührte etwas Fremdes: einen kleinen, starren Hebel.

Meine Mutter kam zu mir ins Zimmer gerannt, versuchte mich zu beruhigen. Aber ich schrie. Ich schrie. Ein Polster war auf den Boden gefallen. Schließlich brachte sie mir einen kalten Waschlappen und legte ihn mir in den Nacken. Eis! Ich war schlagartig wieder bei mir, sah meine gekrümmten Hände, hörte meine Stimme, meine Atmung, spürte die Decken. Das abgedunkelte Zimmer. Der Geruch der Feuchtigkeitscreme, nach der ihre Hände immer rochen. Empfindliche Hände. Für Berührungen an Hals und Wangen erdacht.

— Ja … Ja … Ist ja gut …

Sie blieb bei mir, bis ich wieder eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen ertappte ich mich dabei, wie ich vor dem Fernseher saß, der allmorgendlich Wiederholungen herunterleierte, als wäre nichts gewesen. Ein Joghurt tropfte weich von einem Löffel, den ich in der Hand hielt, zurück in den Joghurtbecher.

Weiße Masse. Creme.

Es war nichts gewesen. Alles nur Vorstellung.

In Wirklichkeit bin ich immer hier herumgesessen. Nichts hat sich verändert. Der Uhrzeiger ist stehen geblieben und auch die nächtlich unsichtbaren Wolken über den Dächern der Stadt.

Tropf, tropf.

Der bläuliche Widerschein des Fernsehers auf dem Weiß des Joghurts. Fernsehstrahlung. Strahlung, die alles durchdringt. Wie nannte man diese Strahlen? Irgendetwas wie katholisch. Katholenstrahlen.

Ich steckte den Löffel in den Mund, leckte Joghurt, Metall und Strahlung auf.

Im Fernsehen lief WWF-Wrestling. Für die einen ist WWF ein Verein, der die Veranstaltung von Profischaukämpfen organisiert, für die anderen eine Tierschutzorganisation. Die Welt zerfällt in diese beiden Kategorien. Wer in beiden zuhause ist, ist wahnsinnig.

Das zugige Treppenhaus kam mir in den Sinn, die inzwischen getrockneten Pissspuren. Die Staubmäuse, die sich schwarz und schwärzer färbten unter meinem gebogenen Urinstrahl. Ich bin hier. Sieh mich an. Briefschlitz: Einblick in die fremde Welt. Ein Kleiderständer. Ein weißes Kind, das durch die Wohnung läuft, auf der Suche nach seiner Mutter. Geisterkind.

Andre The Giant stapfte großpfotig und träge durch den Ring. Ein Mann, der an Riesenwuchs oder etwas Ähnlichem litt. Irgendeine Krankheit mit einem komplizierten Namen. Inzwischen war er längst tot. Historische Aufnahmen. Er tapste ein paar Schritte, kam beinahe ins Laufen, ließ sich in die Seile des Rings fallen, federte zurück, rannte direkt in den ausgestreckten Arm seines Gegners. Der Riese, gefällt, lag auf dem Rücken und streckte seine Beine in die Höhe. Der Anblick war so erbärmlich, dass ich erwog umzuschalten, aber das Joghurt war noch nicht aufgegessen, also schaute ich mir den Kampf bis zum Ende an. Andre The Giant besiegte seinen Gegner schließlich und stolzierte unendlich müde, ein betäubter Orang-Utan, durch den Ring, einen albernen, silbrig blinkenden Meistergürtel hochhaltend. Blitze zuckten durch die Zuschauerreihen, jeder schoss in diesem Augenblick ein Foto.

Der schwerfällige Riese rollte aus dem Ring, stapfte an seinen Fans vorbei, die über die Metallabsperrungen hinweg ihre dünnen Hände nach ihm ausstreckten. So ein riesiges Gesicht. Gigantisches Kinn. Dabei eine kurze und knappe Stirn, wie bei einem Höhlenmenschen.

Parkende Autos

Messerschmidt glitt durch die Autos, die ordentlich in einer Reihe auf dem Parkplatz standen, als bewachten sie das Ende einer Zivilisation.

In einem der Autos war ein Wurf Katzen auf die Welt gekommen, die jetzt auf dem Schlossberg wohnten.

In einem anderen war ein Kind mit einer Bassflöte, die viel zu groß war für seine Finger, zu einer Schulaufführung gefahren worden; der schlimmste Abend seines noch jungen Lebens.

Die Rückbank eines anderen silbergrauen Wagens vibrierte immer noch von den heftigen Hüftstößen, die ein betrunkener glatzköpfiger Altenpfleger über seiner Kollegin mit dem rätselhaften Namen Solveig ausgeführt hatte; im Augenblick des Orgasmus hatte er einen heftigen Weinkrampf bekommen (Ma… Ma… Martinaah-ha-ha-haahh …) und ihr erzählt, sein bisheriges Leben sei eine einzige unausgesprochene Beichte, worauf sie sich keinen besseren Rat gewusst hatte, als sich an seine drahtig-verkrampfte Turnerschulter zu klammern (Aber Max, nicht doch … nicht weinen … wird schon wieder …) und ihn zu fragen, ob er sie vielleicht heiraten wolle — und ihr Herz spürte einen angenehm sanften Ruck, denn nun würde sie endlich ihren albernen Nachnamen loswerden, den alle Welt so schick fand.

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