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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Es war ein recht kühler Abend, und wie immer, wenn ihr kalt wurde, kam das Unbehagen, die dünne Folie aus Fremdheit, die sich zwischen ihre Pfoten und den Asphalt legte. Sie passierte Reihen von Autos, die allesamt so still und weltfern dastanden, dass man hätte meinen können, sie wären charakterlose Felsblöcke.

Gegen die aufkommende Kälte half nur ein einziges Mittel. Uljana knurrte den alten Feind an, drehte sich ein wenig, aber nicht zu viel, denn der Feind wich zurück, er war feige und begann zu zittern, sie spürte es in ihrer Wirbelsäule.

— App! App!

Fast machte sie einen Salto, als sie sich das zweite Mal in die Luft erhob, in der Mitte wie ein Klappmesser einknickte und nach ihrem Schwanz schnappte. Er wedelte natürlich davon, machte sich über sie lustig, lockte sie, und schon sprang sie ein drittes Mal, diesmal eine halbe Drehung, nach der sie das Gleichgewicht verlor und in ein Gebüsch purzelte.

Uljana schnaufte.

Das Gebüsch roch nach der sehnsüchtigen, selbstquälerischen Liebe vieler, vieler Kater zu einem einzigen, von dem männlichen Andrang völlig überforderten Weibchen, das obendrein schon viel zu alt war und eigentlich nur ihren täglichen Abendspaziergang hatte genießen wollen, und da kamen wieder all diese stinkenden, läufigen, miauenden, wilden Kerle mit ihren hängenden Augenlidern und verschlagenen Schnurrbarthaaren, die geknickt waren und asymmetrisch und –

Uljana tappte aus dem Gebüsch zurück auf den Parkplatz.

Die Sonne stand schon sehr tief, und die Schatten der mehrstöckigen Monolithe ringsum wanderten unruhig über die Stadt. Auch die Schatten hatten kein Zuhause, gehörten nirgendwo hin. Irgendwann bedeckten sie einfach die ganze Welt und gaben sie erst am nächsten Morgen wieder frei. Sie waren dasselbe wie Kälte.

In einem der letzten Lichtflecke des Abends stand Uljana und betrachtete aus den Augenwinkeln ihren Schweif, der noch einmal davongekommen war und jetzt unauffällig an ihrer Seite lag.

Sie drehte den Kopf, nach nichts Bestimmtem, und blieb an einem Fenster hängen. Das Fenster war blind und sinnlos, so wie alle Fenster. Und doch hatte sie das Gefühl, als müsste aus dem kleinen Rechteck jeden Augenblick ein Lebewesen springen, eine Ratte oder irgendein Insekt, das sie fangen und verzehren konnte.

Sie sah lange auf das Fenster, bis es abkühlte und sich zu den anderen Fenstern gesellte, genauso langweilig, genauso bedeutungslos wie alles ringsum. Irgendwann ging das Fenster auf, und eine dicke, alte Frau erschien und lehnte sich auf das Fensterbrett. Sie steckte sich einen Finger in den Rachen und erbrach sich auf die Straße.

Uljana schüttelte sich und die Überreste der Halskrause flatterten wie Flügel um ihren Kopf. Sie hatte sich geirrt. Es war der falsche Ort, obwohl alles stimmte, Autos, keine Menschen, Büsche. Das alles war sehr verwirrend.

Die Panne, dritter Akt

Eine notwendige Abschweifung

zu Ehren meines Einfallsreichtums

Wenn es zu einer globalen Katastrophe kommen würde, sagte meine Mutter einst vor langer Zeit, würde man einen kleinen Teil der Menschheit mit Sicherheit evakuieren. Die Mittel dazu waren ja vorhanden. Eine Rakete. Oder ein riesiges Schiff, so wie die Arche Noah.

— Die Vorform der heutigen naturhistorischen Museen, sagte mein Vater.

Der Zeitpunkt, ab dem meine Erinnerungen annähernd zusammenhängend sind, fällt mit der ersten Todesangst zusammen. Das Jahr 1986 und neue, weit entfernte Wörter wie Reaktor, Radioaktivität und Strahlung beherrschten das Tagesgespräch. All die unheimlichen Details. Die verwackelten Amateuraufnahmen von dem zerstörten Reaktorblock und die vielen Soldaten und Feuerwehrmänner, die mit einer so kompakten wie sinnlosen Atemmaske und einem baumelnden Lendenschurz aus Blei herumlaufen und Trümmer einsammeln. Die träge dahinfliegenden Helikopter, die über der Rauchwolke winzig kleine Sandsäcke wie Tränen fallenlassen. Und das pechschwarze Innere des Reaktors, glühende Trümmer, der blinde Fleck der Kamera, die nicht weiß, dass sie ihren eigenen Tod filmt. (In den Folgejahren gesellten sich andere Schrecken erregende Wörter hinzu, Sarkophag, der notdürftige Schutzmantel, der um den zerstörten Reaktorblock gebaut wurde und inzwischen undicht ist, oder Strahlenkrankheit. Bei der Strahlenkrankheit stellt sich kurz vor Eintritt des Todes für mehrere Tage eine scheinbare Erholung ein, der Patient fühlt sich besser, die Symptome, Durchfall, Blutungen und Übelkeit, gehen zurück — man nennt das die Walking-Ghost-Phase.)

Meine Mutter steckte uns alle mit ihrer Angst an. Erst mehrere Wochen nachdem die Bevölkerung gewarnt worden war, keine Pflanzen zu sammeln, nicht im Sand zu spielen und auch nicht in Flüssen schwimmen zu gehen, gestand sie uns, dass sie noch am Vortag der Verlautbarungen im Regen spazieren gewesen war. Im Regen! Den Regenschirm hatte sie inzwischen natürlich weggeschmissen; seine Speichen ragten aus der Mülltonne im Hof. Auch mein Sandspielzeug wanderte in zwei großen Plastiksäcken in den Müll. Ich durfte keine Milch mehr trinken und auch nicht vor die Tür.

Wenn ich am Fenster stand, hatte ich das Gefühl, dickere Luft zu atmen. Ich entdeckte Flecken auf meinen Händen und fragte meine Mutter danach. Sie nahm meine Hände in ihre — und ihre waren eiskalt. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte:

— Es ist nichts. Das bildest du dir ein.

Mein Vater versuchte meine Mutter mit psysikalischem Fachvokabular zu beruhigen, zeichnete einmal sogar eine improvisierte Skizze eines Atomkraftwerks auf die Tafel (das harmloser aussah als ein Puppenhaus), aber er erreichte damit nur das Gegenteil. Sie bestand darauf, dass Europa an einem schleichenden Zelltod sterben würde, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren.

Ich hatte wahnsinnige Angst und weinte oft nachts. Ich träumte von Männern in Schutzanzügen und Gasmasken, die lautlos durch unsere Wohnung gingen, während wir schliefen, und die Uhren an den Wänden verstellten.

Mein Vater hatte weniger Angst, er war verärgert. Als Atomkraftbefürworter hatte er für Fehler nichts übrig. Er schimpfte auf die Dummheit der Sowjetregierung und auf die Verantwortlichen, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, ob es überhaupt Verantwortliche gab. Ich verstand nur sehr wenig von dem, was er meiner Mutter zu erklären versuchte. Alles drehte sich um einen bestimmten Typus von Mann, den typischen Sowjetmann, der ein Kind, ein Lauser, ein Rotzjunge geblieben war, obwohl er in einem grauen Arbeitsanzug herumging und auf internationalen Konferenzen öffentliche Erklärungen abgab, ein Mann, der nur nicht beschuldigt werden wollte und ungeheure Angst hatte vor den Strafen Gottes.

— Eine Frau wäre dazu nie im Stande, sagte mein Vater. Hätten sie das Kraftwerk voller Frauen gehabt, hätten wir jetzt nicht diese Pest am Hals.

Er schwitzte stark, während er sprach. Eine Frau würde nicht einfach alles unter den Teppich kehren, meinte er, und dann noch mit hochrotem Gesicht in einem unauffälligen Winkel der Erde warten, bis die Katastrophe von selbst ausgebrannt war.

— Bitte, lass, sagte meine Mutter schwach.

Sie lag auf der Couch, ihr Gesicht unter einem Polster. Was für meinen Vater ein politisches Spektakel war, an dem sich sein Verstand entzünden und sein Verantwortungsgefühl wund reiben konnte, war für sie der Jüngste Tag. Dass sie sich den Reaktorunfall von Tschernobyl so zu Herzen nahm, machte meinen Vater immer wütender. Schließlich stritten sie sich halbe Tage lang über die ökologische Zukunft Europas. Mein Vater schlug im Zorn mit der Faust auf den Fernseher, und dieser erlosch mit einem Blitz. Erst nach drei Stunden ließ er sich wieder einschalten und zeigte, wie aus Rache, die Nachrichten. Männer in schwarzen Uniformen gingen mit Wasserschläuchen durch das unscharfe Bild und wuschen verstrahlten Staub von den Fassaden des Geisterstädtchens Pripjat.

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