Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Die Sekundenanzeige auf meiner Armbanduhr. 04. 05. 06.
Die Litfaßsäule
Der Wind warf ein einzelnes Zeitungsblatt hin und her. Es klatschte gegen eine Mauer, blieb kurz daran kleben, stürzte dann Hals über Kopf weiter und ohrfeigte eine Straßenlaterne. Irgendwann verlor der Wind das Interesse an dem Blatt und ließ von ihm ab; es blieb still zwischen anderem Straßenmüll liegen.
Uljana hatte sich mehrere Stunden abgemüht. Jetzt endlich hatte sie den Stellungswinkel ihrer Beine gefunden, sodass es funktionieren müsste. Sie drückte mit ihrem Hinterlauf — der Plastikring um ihren Hals schob sich nach oben, wellte ihr Fell, dann war der Ring über den Bereich hinaus, wo sonst immer das Halsband ihrer Leine rieb, und begann an ihren empfindlichen Ohren zu reißen.
Es half nichts, es tat so weh, dass sie aufhören musste. Schnaufend machte sie ein paar Minuten Pause, schnupperte verloren auf dem Boden herum und hörte dem weißen Rauschen der Niederlage zu, das ihren kleinen, rotbraunen Kopf erfüllte. Das Rauschen wurde lauter, Uljana schnüffelte Blätter an, die am Boden klebten, das Rauschen ging über in ein Brüllen — und sie sprang auf, biss sich in ihren Schwanz, bis sie vor Schmerzen aufjaulte.
Mit starrem Blick und entblößten Lefzen hockte sie sich noch einmal hin und versuchte es, schabte an dem Plastik herum, und plötzlich — platzte es an einer Seite auf, wie die Haut einer von Gärstoffen angeschwollenen toten Maus. Uljana fuhr mit ihrer Pfote in den Riss und vergrößerte, verbreiterte ihn, sie schaffte es sogar, ein großes Plastikstück aus dem Trichter herauszutrennen, das nun vor ihr auf dem Boden lag und tot war.
Aufgeregt lief sie ein paar Mal im Kreis, sie musste sich beherrschen, ihren Schweif, der jetzt wild hin und her wedelte, nicht vor Freude zu attackieren.
Sie ging ein paar tänzelnde Schritte, es fühlte sich alles viel leichter an.
— Ja, dachte sie und bellte.
Glücklich badete sie ihre Schnauze in dem dichten Geruchskranz, der eine Litfaßsäule umgab.
Sie hörte ein dünnes Quietschen.
Eine Tür, klein wie eine Ofentür, öffnete sich in der Litfaßsäule.
Zur Frage der Erreichbarkeit
Hier spricht die Stimme von Alexander Kerfuchs — mehr ist im Augenblick nicht von ihm erreichbar. Bitte hinterlassen Sie ihm eine Nachricht gleich nach dem Tinnitus.
— …llo? Hallo Alex, hier ist Ly. Lydia. Du, ich … ich versuch dich die ganze Zeit schon zu erreichen, ich muss dir was wirklich Wichtiges sagen, aber ich erreich dich nicht und ich war gerade bei dir zuhause und du hast nicht aufgemacht, also frage ich mich jetzt natürlich, wo … ja, wo versteckst du dich, haha (ein gepresstes, nervöses Lachen) … ja, jedenfalls, ruf mich bitte, bittebitte an, sobald du die Nachricht hörst, es ist wirklich wichtig … okay … also dann …
Sie haben. Keine weiteren Nachrichten. Sie haben (rhetorische Pause) eine alte Nachricht. Drücken Sie jetzt –
Ich lege auf. Die Nachricht ist von gestern Abend. Keine Anrufe während der Nacht. So wichtig wird es schon nicht gewesen sein.
Hallo Alex? Bist du da? Esse percipi. Gibt es dich?
Heute Früh nach dem Aufstehen ist mir meine rechte Hand eingeschlafen, und ich habe die Gelegenheit genutzt und mir in die Daumenwurzel gebissen. Der Schmerz ist fast komisch, unentschlossen und weich, so als wollte man einem Kind mit sanften Stromstößen erklären, was Schmerzen sind.
Da es fürs Krankenhaus noch zu früh ist, lenke ich mich mit albernen Videos im Internet ab. Die Diskussion um das Omensetter-Video wird immer noch geführt. Die vorherrschende Meinung ist, dass der einzige Fehler des Videos der ist, dass es gar keine gestellte Szene ist. Idioten. In der Sparte New Videos gibt es ein paar Einträge: Man commits suicide with Mentos + Soda. Lächerlich. Woman beated to death with metal steel. Langweilig, außerdem grammatikalisch inkorrekt. Suicide with knife. Gab’s schon hundertmal. Das Projekt wird langsam eintönig und fad.
Ich bemerke, dass meine Hand, die die Mouse umklammert hält, zittert.
Warum?
Ah, natürlich, die eingeschlafene rechte Seite. Milder Vorgeschmack auf einen Schlaganfall. Und ich schwitze wie wahnsinnig. Auf dem Weg ins Bad ziehe ich mein Hemd aus und werfe es in eine Ecke, aber es segelt direkt in einen Blumentopf. Das kalte Wasser verleiht meiner rechten Hand elektrische Aalhaut.
Nach einem spartanischen Frühstück gehe ich ins Krankenhaus. Die automatischen Flügeltüren kennen mich bereits und machen mir pietätvoll den Weg frei.
Nach dem Besuch bei Valerie, die immer noch mit geschlossenen Augen in ihrem Bett liegt und so tut, als wäre sie gar nicht da, nehme ich im Aufenthaltsraum Platz. Ihre Familie (oder das, was ich dafür halte) könnte sie demnächst besuchen kommen. Kein Grund für Konfrontationen.
Die einzige Gesellschaft im Aufenthaltsraum ist eine etwas rundliche Frau, die sich auf ihre hochgezogenen Knie stützt. Ihre hübschen weißen Turnschuhe liegen vor ihr auf dem Boden, in einem merkwürdigen Winkel, wie ein Autounfall von oben.
Eine Melodie ertönt, unbekannt, eine schnelle Techno-Nummer. Die Frau kramt ihr Telefon aus einer Speckfalte hervor und nimmt den Anruf an.
Sofort verzieht sich ihr Gesicht, es bildet Falten, die ganz und gar unnatürlich wirken. Neue Farben erscheinen wie aus dem Nichts, sie verwandelt sich in Picassos berühmte Weinende Frau.
— N-nein.
Ihre Stimme ist durchscheinend und zaghaft. Ihr verzweifeltes Gesicht bleibt verzweifelt. Eine Hand wandert langsam vor ihren Mund, bleibt dort, friert ein.
— Du … du sollst mich nicht mehr anrufen, sagt sie, still weinend.
Wieder eine lange Pause. Am anderen Ende liest jemand ein ganzes Buch vor. Dann:
— Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht … ich will aber nicht mehr reden …
Eine sehr lange Pause. Der Anrufer redet und redet. Man hört, wenn man sich sehr konzentriert, sogar seine kleine blecherne Stimme.
— Aber ich … aber ich … nein … ich hör dir nicht mehr zu … ich will nicht mehr …
Minuten folgen, in denen die Frau mit verzweifeltem Gesicht an die Wand starrt — wo sie allein den schwarzen Schlund wahrnehmen kann, in dem ihr Leben gerade zu verschwinden droht. Dann bringt sie mit letzter Kraft hervor:
— Ich aber nicht … ich will nicht mehr reden …
Entweder der Anrufer spricht sehr, sehr langsam, vielleicht durch einen Sprach-Synthesizer für gelähmte Menschen, oder er hat wirklich erstaunlich viel zu sagen. Oder er wiederholt sich. Immer und immer wieder. So wie die Frau, nur mit viel weniger Worten:
— Du … sollst mich nicht anrufen … ich … ich will nicht mehr …
So geht das ganze zwanzig Minuten. Ich schließe die Augen und versuche an etwas Neutrales zu denken, einen Zahnputzbecher oder eine Weinbergschnecke, sehe aber durch die geschlossenen Lider nur das entsetzte Gesicht der Frau und höre ihre tröpfelnden, einsilbigen Antworten. Ihre Sätze wiederholen sich, in wechselnder Permutation. Ah, die ewige Unmöglichkeit, die Ohren jemals vollkommen zu verschließen. Egal, was man unternimmt, der Kopf hört immer mit, Schädelschall, es genügt nicht, sich die Ohren zuzuhalten, etwas dringt immer durch.
— Aber … ich … ich will nicht …
Leg doch einfach auf, du dumme Kuh. Leg auf.
Eine Krankheit, denke ich, ferngesteuerter Telefonismus. Remoting. Ein Fall von Remote Controlling. Eine Dokumentation, moderiert von einer jungen Moderatorin mit Wackelohrringen, blonden Haaren, eingängigem Vornamen.