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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Aber alle seien beeindruckt gewesen von der Schönheit des Tals und der offensichtlichen Fruchtbarkeit des Bodens, sagte er.

Natürlich war den Reisenden auch nicht entgangen, wie wunderbar abgelegen dieser Ort war. Nach Osten waren es zwei schwierige Tagesreisen bis zum nächsten Dorf, Jaca, das selbst eine einsame, nur von wenigen Reisenden besuchte Gemeinde war. Und nach Südosten waren es drei ähnlich schwierige Tagesreisen bis zur nächsten Stadt, Huesca. Einigen der Neuen Christen ging auf, daß Menschen hier in Frieden leben konnten, ohne je einen Inquisitor oder einen Soldaten zu sehen. Und so kamen sie auf den Gedanken, daß sie vielleicht gar nicht weiterreisen, sondern in dem Tal bleiben und es sich zur Heimat machen sollten.

»Aber nicht alle waren dieser Meinung«, sagte Benzaquen. »Nach langem Hin und Her beschlossen siebzehn von den sechsundzwanzig Familien, die Pamplona verlassen hatten, in dem Tal zu bleiben. Alle halfen zusammen, um die neun Familien, die nach Toulouse wollten, wieder auf den Weg zu bringen. Es dauerte den ganzen Vormittag und einen Großteil des Nachmittags, bis ihre Wagen wieder hoch zum Weg geschafft waren. Nach Umarmungen und einigen Tränen verschwanden sie über den Berg, und diejenigen von uns, die nicht mit ihnen gehen wollten, kehrten in das Tal zurück.«

Unter den Siedlern waren vier Familien, die ihren Lebensunterhalt als Bauern verdient hatten. Bei den Planungen der Reisen von Granada nach Pamplona und dann nach Toulouse hatten die Bauern beschämt zurückstehen und alle Vorbereitungen und Entscheidungen den Händlern überlassen müssen, deren Reiseerfahrung und Weltklugheit der Gruppe allerdings gut zustatten gekommen war.

Jetzt aber wurden die Bauern zu den Anführern der Siedlung, sie erkundeten und parzellierten das Tal und bestimmten, was angebaut werden sollte und wo. Überall im Tal wuchs fettes, gesundes Gras, und von Anfang an erhielt der Ort den Namen Pra-dogrande, Bergwiese.

Gemeinsam unterteilten die Männer jeder Familie das Tal in siebzehn gleichwertige Grundstücke, gaben jeder Parzelle eine Nummer und zogen dann die Nummern aus einem Hut, um das Los über die Besitzverhältnisse entscheiden zu lassen. Man kam überein, Aussaat und Ernte gemeinsam zu erledigen und die Reihenfolge, in der die Parzellen bearbeitet wurden, jedes Jahr zu ändern, so daß kein Besitzer einen dauerhaften Vorteil erhielt. Die vier Bauern schlugen vor, wo die Häuser errichtet werden sollten, um Sonne und Schatten zu nutzen und vor den Elementen geschützt zu sein. Die fincas wurden eine nach der anderen errichtet, alle in gemeinsamer Arbeit. Auf den Berghängen gab es genügend Steine, und daraus entstanden solide Bauernhäuser mit Stall und Scheune entweder unter oder neben den Wohnräumen.

Im ersten Sommer im Tal bauten sie drei fincas, in denen sich die Frauen und Kinder in diesem Winter zusammendrängten, während die Männer in den Wagen Unterschlupf fanden. In den folgenden fünf Sommern wurden die übrigen Häuser und die Kirche errichtet.

Die vier erfahrenen Bauern wurden die Einkäufer der Gemeinde. »Zuerst gingen sie nach Jaca«, sagte Benzaquen, »wo sie ein paar Schafe und etwas Saatgut kauften, aber Jaca war zu klein, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und so machten sie sich beim nächsten Mal auf die längere Reise nach Huesca, wo sie eine größere Auswahl an Vieh angeboten fanden. Von dort brachten sie uns Säcke mit gutem Saatgut, eine Reihe von Werkzeugen, Obstbaumsetzlinge, weitere Schafe und Ziegen, Schweine, Hühner und Gänse.«

Einer der Männer war Sattler gewesen und ein anderer Schreiner, und beide Berufe waren für die neugegründete Gemeinde ein Segen. »Aber die meisten von uns waren Händler gewesen. Als wir beschlossen, in Pradogrande zu bleiben, wußten wir, daß wir unser Leben würden ändern müssen. Am Anfang war es entmutigend und schwer, die Körper von Händlern an die schwere

Arbeit zu gewöhnen, aber wir waren neugierig auf das, was die Zukunft uns bringen würde, und sehr lernbegierig.

Seit elf Jahren sind wir nun da, und wir haben den Boden urbar gemacht und Felder und Obstgärten angelegt«, schloß Ben-zaquen.

»Ihr habt viel erreicht«, erwiderte Jona ehrlich beeindruckt.

»Es wird bald dunkel, aber morgen will ich Euch durch das Tal führen, damit Ihr es mit eigenen Augen sehen könnt.«

Jona nickte abwesend. »Diese Frau Adriana... ist ihr Gatte auch ein Bauer?«

»Jeder in Pradogrande ist Bauer. Aber Adrianas Mann ist nicht mehr. Sie ist Witwe«, sagte Benzaquen, schnitt noch eine Scheibe vom Lamm ab und drängte seinen Gast, die Gelegenheit zu nutzen und sich an dem guten Fleisch satt zu essen.

»Er sagt, er erinnert sich an mich als kleines Kind«, sagte Adriana Chacon an diesem Abend zu ihrem Vater. »Das ist merkwürdig, denn ich erinnere mich überhaupt nicht an ihn. Erinnerst du dich an ihn?«

Joaquin Chacon schüttelte den Kopf. »Nein. Aber vielleicht habe ich ihn einmal getroffen. Dein Großvater Isaak kannte sehr viele Leute.«

Es kam ihr merkwürdig vor, daß dieser Neuankömmling behaupten konnte, Dinge über sie zu wissen, an die sie sich nicht erinnern konnte. Wenn sie an ihre Kindheit zurückdachte, war es, als würde sie von einer Bergspitze auf eine weite Landschaft herabblicken; das Nahe war klar und deutlich, doch weiter Zurückliegendes verschwamm in der Entfernung, bis nichts mehr zu erkennen war. Sie hatte überhaupt keine Erinnerungen an Granada und nur wenige an Pamplona. Sie erinnerte sich daran, lange Zeit auf einem Wagen gefahren zu sein. Die Wagen waren mit einem Sonnenschutz überspannt, aber es war sehr heiß, und sie reisten fast nur in den frühen Morgenstunden und am späten Nachmit-tag und rasteten in der Mittagshitze an schattigen Plätzchen. Sie erinnerte sich an das heftige und beständige Holpern des Wagens auf unwegsamen Pfaden, an das Knarzen des Ledergeschirrs, an das Trappeln der Hufe. An den ewigen Staub, der manchmal zwischen den Zähnen knirschte. An den grasigen Geruch der Kotkugeln, die Pferde und Maultiere hinter sich ließen und die von den Rädern der Wagen, die ihnen folgten, platt gedrückt wurden.

Adriana war acht Jahre alt damals, und verzweifelt vor Einsamkeit saß sie allein auf der Ladefläche des Wagens und sehnte sich nach ihren Lieben, die sie erst kürzlich verloren hatte. Ihr Vater, Joaquin Chacon, behandelte sie zärtlich, wenn er daran dachte, aber meistens saß er vorne auf dem Bock und lenkte stumm und fast blind vor eigenem Kummer seine Pferde. Ihre Erinnerung an die Ereignisse während der Fahrt durchs Gebirge waren verschwommen, sie wußte nur noch, daß sie eines Tages in dieses Tal gekommen waren und sie froh gewesen war, daß die Reise ein Ende hatte.

Ihr Vater, der im früheren Leben Seidenhändler gewesen war, leistete jetzt seinen Teil der Landarbeit, aber in den ersten Jahren in Pradogrande hatte er am Bau der Häuser mitgearbeitet. Er war ein achtbarer Maurer geworden und hatte gelernt, Steine so überlappend zu setzen, daß standhafte Mauern daraus wurden. Die Häuser, die sie aus Flußsteinen und Holzstämmen errichteten, wurden den Familien in der Reihenfolge ihrer Größe zugeteilt. So mußten Adriana und ihr Vater fünf Jahre lang in den Häusern der anderen leben, da ihr Haus als letztes gebaut wurde. Es war außerdem das kleinste, aber so solide gebaut wie die anderen, und als sie endlich einzogen, erschien es ihr wie der Himmel der Ungestörtheit. Dieses Jahr - das Jahr, als sie dreizehn wurde - war ihre glücklichste Zeit in Pradogrande. Sie war die Herrin im Haus ihres Vaters und vernarrt in das Tal wie alle anderen. Sie kochte und putzte, und sie sang bei der Arbeit, so zufrieden war sie mit ihrem Schicksal. Es war das Jahr, in dem ihre Brüste sprossen; es ängstigte sie ein wenig, und doch schien es ganz natürlich, weil alles um sie herum wuchs und gedieh. Ihre erste Blutung hatte sie mit elf gehabt, und Leona Patras, die betagte Gattin von Abram Montelvan, war sehr freundlich zu ihr gewesen und hatte ihr gezeigt, was sie in den Zeiten ihrer Regel tun mußte.

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