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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Du mußt einsehen, daß es Veränderungen gibt. Das ganze Leben besteht aus Veränderungen«, sagte sie. »Willst du, daß ich dir noch eine andere schicke? Im Frühling kommt wieder die Zeit für den großen Hausputz.«

»Ich werde mein Haus selber putzen.«

»Du? Du bist doch der Arzt. Du darfst deine Zeit nicht so vergeuden«, sagte sie streng.

»Du hast hier ein sehr schönes Haus gefunden«, bemerkte er, um das Thema zu wechseln.

»Ja, und ich will ein Rasthaus daraus machen. Es gibt sonst nirgendwo in der Nähe Obdach gegen Entgelt, und wir liegen an der Straße nach Monzon und Katalonien, auf der viele Reisende unterwegs sind.« Sie habe noch nicht angefangen, zahlende Gäste aufzunehmen, sagte sie, da in dem Haus noch zusätzliche Schreinerarbeiten nötig seien, bevor es als Gasthof dienen könne.

Sie saßen da und tranken Cognac, und während er ihr Klatsch und Neuigkeiten aus Saragossa berichtete, erzählte sie ihm vom Leben im Dorf. Von draußen kam leise das Ratschen der Säge.

»Wann hast du das letzte Mal gegessen?«

»Heute, frühmorgens.«

»Dann koche ich dir jetzt etwas.«

»Ich hätte gern geschmortes Geflügel.«

»... Ich koche dieses Gericht nicht mehr.«

Sie setzte sich wieder und sah ihn an. »Hast du die zwei Männer gesehen, die draußen Holz sägen?«

»Ja.«

»Einen der beiden werde ich bald heiraten.«

»Aha. Den Jüngeren?«

»Nein, den anderen. Sein Name ist Alvaro.« Sie lächelte.

»Seine Haare sind weiß, aber er ist sehr stark«, sagte sie trocken. »Und er ist ein hervorragender Arbeiter.«

»Ich wünsche dir das Glück, das zu verdienst, Reyna.«

»Danke.«

Sie merkte, daß er ins Dorf gekommen war, um sie zur Rückkehr zu überreden, das wußte er, aber sie lächelten einander an, und nach einer Weile stand sie wieder auf und stellte Essen auf den Tisch: einen Laib frisches Brot, hartgekochte Eier, Knoblauchpaste, einen halben gelben Käse, Zwiebeln und winzige, köstliche Oliven.

Sie tranken beide einige Becher des Weins, den er mitgebracht hatte, und nach einer Weile verabschiedete er sich. Draußen hoben die Männer eben einen neuen Baumstamm in die Grube.

»Einen guten Nachmittag«, sagte Jona. Der Jüngere antwortete nicht, aber der Mann namens Alvaro nickte, während er zur Säge griff.

Jona wußte, daß das Pessach-Fest bevorstand, nur nicht genau wann, und so stürzte er sich in den Frühjahrsputz - er wischte und schrubbte, öffnete alle Fenster, um die frische, kühle Luft hereinzulassen, klopfte und lüftete die Teppiche und schnitt frische Binsen, die er auf den Steinboden streute. Er nutzte sein Alleinsein, um so etwas wie ungesäuertes Brot herzustellen, das er in ungleichen Fladen auf einem Blech über dem Feuer buk. Das Ergebnis war ein bißchen verbrannt und etwas weicher, als es sein sollte, aber es waren eindeutig Matzen, und er aß sie triumphierend zu seinem Ein-Mann-Sedermahl, Lammkeule mit bitteren Kräutern, die ihn an die Leiden der Kinder Israels auf der Flucht nach Ägypten erinnern sollten.

»Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?« fragte er das stille Haus, aber es kam keine Antwort, nur Schweigen, das bitterer war als die Kräuter. Weil er sich des genauen Tages nicht sicher war, feierte er Seder an jedem Abend der Woche, und drei-mal ließ er sich das Lammfleisch schmecken, bevor es schlecht wurde, und vergrub es dann im Obstgarten auf dem Hügel.

Einige Tage lang sah es so aus, als hätte der Winter sich verabschiedet, aber dann kehrte er mit Kälte und Regen zurück und verwandelte die Straßen in Ströme aus tiefem, kaltem Schlamm. Stundenlang saß er an seinem Tisch und hing seinen Gedanken nach. Er war ein wohlhabender Mann, ein geachteter Arzt, der in einem soliden Steinhaus lebte, umgeben von gutem Land, das ihm gehörte. Und doch schien er manchmal in schlaflosen Nächten die Stimme seines Vaters zu hören, die ihm sanft, aber doch lauter als das schrille Heulen des Regenwindes sagte, daß er nur zum Teil lebendig sei.

Er sehnte sich nach etwas Namenlosem, etwas, das er nicht benennen konnte. Wenn er schlief, träumte er von den Toten oder von Frauen, die seinem schlafenden Körper den Samen entzogen. Manchmal war er überzeugt, daß er so verrückt werden würde wie der Mönch, und als schließlich die warmen und sonnigen Tage anbrachen, betrachtete er die neue Jahreszeit mit Argwohn, denn er konnte nicht glauben, daß das schlechte Wetter wirklich vergangen war.

Es war ein Glück, daß die Fiebererkrankungen nicht zurückkehrten, denn in einem Gespräch mit Fray Luis Guerra Medina erfuhr er, daß es im ganzen Bezirk keinen Theriak mehr zu kaufen gab. Theriak war eine hervorragende Arznei gegen Fieber und das beste Mittel gegen alle Krankheiten des Magens und der Verdauungsorgane, sogar gegen solche, die durch Vergiftungen hervorgerufen wurden. Aber er war schwer herzustellen und teuer, weil der beste Theriak aus siebzig verschiedenen Kräutern bestand. Und schlimmer noch, er war rar.

»Wie können wir mehr bekommen?« fragte er Fray Medina.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der alte Franziskaner besorgt. »In guter Qualität bekommt man ihn nur von der Familie Aure-lio in Huesca. Bis jetzt bin ich jedes Jahr selbst nach Huesca gereist, um von den Aurelios Theriak zu kaufen. Aber es ist ein fünftägiger Ritt, und ich bin zu alt. Ich schaffe es nicht mehr.«

Jona zuckte die Achseln. »Dann schicken wir eben einen Reiter.«

»Nein. Wenn ich jemanden schicke, der sich mit Theriak nicht auskennt, geben sie ihm eine Mischung, die als Medizin nichts mehr taugt, weil sie Jahre alt ist. Er muß von jemandem gekauft werden, den sie achten, weil er weiß, wie guter Theriak aussehen und beschaffen sein muß. Er muß frisch gemischt werden, und wir benötigen eine Menge, die mindestens ein Jahr reicht.«

Jona war sein Haus zum Gefängnis geworden, und hier ergab sich eine Möglichkeit zur Flucht.

»Nun gut. Dann reite ich nach Huesca«, sagte er.

Ärzte in den umliegenden Gemeinden - Miguel de Montenegro und ein anderer Arzt namens Pedro Palma, für den Montenegro sich verbürgte - versprachen, sich um Senor Callicos Patienten zu kümmern, nicht zuletzt auch, weil sie wußten, daß der Theriak, den er kaufen wollte, auch ihnen und ihren Patienten zugute kommen würde. Er nahm den grauen Araber und ein einzelnes Maultier. Wie gewöhnlich hellte seine Stimmung sich auf, kaum daß er im Sattel saß. Das Wetter war gut, und er hätte durchaus schneller vorwärts kommen können, aber der Araber wurde langsam alt, und er wollte das Tier schonen, weil ihm Eile unnötig erschien. Der Weg war nicht schwierig. Im Vorgebirge gab es Täler mit Weiden, auf denen Rinder und Schafe grasten, und kleine Höfe, wo Schweine in Äckern wühlten, auf denen bald Getreide oder Gemüse wachsen würde. Für sein Nachtlager wählte er sich immer ein schönes Fleckchen. Aus den Hügeln wurden bald kleinere Berge und dann größere.

In Huesca angekommen, suchte er sofort nach dem Anwesen der Familie Aurelio. Sie betrieben ihr Geschäft in einer umge-bauten Scheune, in der es nach einer Vielzahl von Kräutern duftete. Drei Männer und eine Frau waren damit beschäftigt, die getrockneten Pflanzen zu pulversieren und zu mischen. Der Kräutermeister, Reinaldo Aurelio, war ein freundlicher, scharfsinniger Mann in einer groben Lederschürze voller Pflanzenstaub.

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