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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Und was kann ich für den Senor tun?«

»Ich brauche Theriak. Ich bin Ramon Callico, der Medicus von Saragossa. Und kaufe im Auftrag von Fray Luis Guerra Medina von Saragossa.«

»Oh, für Fray Luis. Aber warum kommt er nicht selbst? Wie steht es um seine Gesundheit?«

»Er ist bei guter Gesundheit, aber er wird langsam alt, und deshalb hat er mich geschickt.«

»Aber natürlich haben wir Theriak für Euch, Senor Callico.« Er ging zu einem Regal und öffnete einen hölzernen Behälter.

»Darf ich ihn sehen?« fragte Jona. Er zerbröselte eine Prise zwischen den Fingern, schnupperte daran und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er leise. »Wenn ich Fray Luis dies bringe, kastriert er mich, und zwar mit Recht.«

Der Kräutermeister lächelte. »Fray Luis ist höchst anspruchsvoll.«

»Wofür wir Ärzte ihm dankbar sind. Ich brauche eine große Menge frischen Theriak, so viel, daß Fray Luis alle Ärzte in der Umgebung von Saragossa damit versorgen kann.«

Senor Aurelio nickte. »Das ist zu machen, aber wir brauchen natürlich einige Zeit, um so viel frischen Theriak herzustellen.«

»Wie lange?«

»Mindestens zehn Tage. Vielleicht ein bißchen länger.«

Jona hatte gar keine andere Wahl, als damit einverstanden zu sein. Und eigentlich mißfiel ihm diese Verzögerung durchaus nicht, denn so hatte er Zeit, die Pyrenäen zu erkunden. Sie berechneten, was die Kräuter kosten würden, und er zahlte im voraus. Fray Luis hatte gesagt, daß man sich auf das Wort der Aure-lios verlassen könnte, und Jona wollte sich auf dem Ausflug nicht mit Gold belasten. Der Kräutermeister gestattete ihm, sein Maultier während der Zeit unterzustellen, und Jona versprach, mindestens vierzehn Tage fortzubleiben, so daß sie genügend Zeit für ihre Arbeit hätten.

Er ritt genau nach Norden, wieder durch ein Vorgebirge. Er hatte gehört, daß sich zwischen Huesca und der Grenze zu Frankreich die Berge so steil erhoben, daß sie den Himmel zu berühren schienen. Und wirklich sah er schon nach kurzer Zeit Berge, einige davon mit schneebedeckten Gipfeln. In einer üppig blühenden Frühlingswiese entdeckte er einen Bach voller winziger, leuchtendbunter Forellen. Schnell zog er eine Schnur mit Haken aus seiner Tasche und eine kleine Blechbüchse mit Würmern aus seinem Misthaufen zu Hause. Die Fische bissen bereitwillig an, und viel zu schnell hatte er ein Essen beisammen. Jede Forelle war nicht mehr als ein Happen, aber sie waren schnell ausgenommen, und er spießte sie auf einen grünen Zweig, briet sie über einem kleinen Feuer und ließ sich dann das Fleisch samt den geschmolzenen Gräten schmecken.

Eine Weile ließ er sein Pferd noch in der üppigen Wiese grasen und folgte dann dem Pfad in die Berge. Die unteren Regionen waren dicht mit Buchen, Kastanien und Eichen bestanden, die nach einer Weile von Fichten und Kiefern abgelöst wurden. In größerer Höhe, das wußte er, würde der Baumbestand immer dünner werden und ganz verschwinden, bis schließlich nur noch spärlicher Niederwuchs den felsigen Boden bedeckte. Die warme Sonne schickte Schmelzwasser plätschernd und rauschend zu Tal, ein Bach war zu einem tosenden, reißenden Fluß angeschwollen.

Am Nachmittag sah er in einem Fichtenwäldchen seinen ersten Schnee. Die Spuren eines Bären zeichneten sich darin so deutlich und scharf umrissen ab, daß sie nur frisch sein konnten. Die Luft war kühler hier, und die Nacht würde kalt sein; da Jona aber lie-ber in der milderen Luft weiter unten übernachten wollte, wendete er sein Pferd und ritt weiter abwärts, bis er zu einem passenden Flecken im Schutz einer großen Kiefer kam, die ihm auch tote Äste als Brennstoff bot. Da ihm die Bärenspuren noch im Gedächtnis waren, band er sein Pferd gleich in der Nähe an und hielt das Feuer die ganze Nacht am Brennen. Dazu stand er hin und wieder auf und brach tote Äste mit einem Krachen, das laut seine Anwesenheit verkündete, vom lebenden Baum, und wenn das Feuer dann wieder loderte, schlief er weiter.

Am Nachmittag des dritten Tages nach seinem Aufbruch von Huesca ließ tiefer Schnee auf einem hochgelegenen Paß ihn umkehren. Zwar hätte er gefahrlos hindurchreiten können, doch für das Pferd wäre es eine Qual gewesen, die er ihm ersparen wollte. Beim Abstieg hielt er Ausschau nach einem Seitenpfad, der ihn um den Berg herumführen würde, entdeckte aber keinen. Erst als der graue Araber von sich aus abbiegen wollte, sah er, was das Pferd entdeckt hatte, einen Pfad, der in der Wand aus Bäumen fast nicht zu erkennen war. Als er ihn erkundete, wurde daraus ein breiter, steiniger Weg entlang eines rauschenden Bachs, der sich im Lauf der Jahrhunderte sein Bett in einen steilen Felsabhang gegraben hatte.

Er folgte diesem Weg in die Tiefe.

Nach langem Abstieg roch er schließlich Holzfeuer, und kurz darauf führte ihn der Weg aus dem Wald heraus und in ein kleines Tal, in dem er ein Dorf erblickte. Er sah vielleicht ein Dutzend kleiner Steinhäuser mit steilen Schieferdächern sowie das kreuzgeschmückte Dach einer Kirche, das die anderen überragte. Kühe und Pferde grasten auf einer Weide, und er sah einige bestellte Felder mit schwarzer Erde.

An zwei Häusern ritt er vorbei, ohne einen Menschen zu sehen, aber aus dem dritten Haus war eine Frau zum Bach gegangen, um Wasser zu holen, und kehrte jetzt mit dem vollen Eimer zurück. Als sie ihn sah, begann sie verängstigt zu laufen, so daß das Wasser aus dem Eimer schwappte, aber er war bei ihr, lange bevor sie den Schutz des Hauses erreicht hatte.

»Ich wünsche Euch einen guten Tag. Was ist das für ein Dorf, wenn ich fragen darf?«

Sie blieb wie erstarrt stehen. »Das ist Pradogrande, Senor«, sagte sie mit klarer, aber zurückhaltender Stimme, und als er noch ein Stückchen näher an sie heranritt, verschlug es ihm beim Anblick ihres Gesichts den Atem. »Ines! Seid Ihr das?«

Er stieg schwerfällig ab, und sie wich erschrocken zurück. »Nein, Senor.«

»Ihr seid nicht Ines Saadi Denia, Tochter von Isaak Saadi?« fragte er töricht. Das Mädchen starrte ihn an.

»Nein, Senor. Ich bin Adriana. Ich bin Adriana

Chacon.«

Du Narr, sagte er sich, natürlich. Dies war eine junge Frau. Als er Ines das letzte Mal gesehen hatte, war sie nur wenig jünger gewesen als dieses Mädchen, und seitdem waren so viele schwere Jahre vergangen.

»Ines war meine Tante, möge ihre Seele in Frieden

ruhen.«

Ines war also tot. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er dies hörte: noch eine Tür, die zugeschlagen war. »Möge sie in Frieden ruhen«, murmelte er.

»Ich erinnere mich an Euch«, sagte er plötzlich. Er erkannte, daß diese junge Frau das Kind gewesen war, um das Ines sich gekümmert hatte, die kleine Tochter ihrer älteren Schwester Felipa. Er erinnerte sich an die Spaziergänge mit Ines in Granada, mit dem kleinen Mädchen zwischen ihnen beiden, ein Händchen in seiner, das andere in Ines' Hand.

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