Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Im Jahr darauf erlebte die Gemeinde ihren ersten Todesfall. Fineas ben Sagan starb an einer Lungenkrankheit. Drei Monate nach Sagans Beerdigung sagte Adrianas Vater zu ihr, daß er Carlos' Witwe, Sancha Portal, heiraten werde. Joaquin erklärte seiner Tochter, daß die schwer arbeitenden Männer Pradograndes einerseits Zuwanderung von außen zwar ablehnten, sich andererseits aber bewußt waren, daß sie im Lauf der Jahre jedes zusätzliche Paar Hände dringend brauchen würden. Man war übereinstimmend der Meinung, daß große Familien der Schlüssel zur Zukunft waren, und so wurden alleinstehende Erwachsene ermutigt, so bald wie möglich zu heiraten. Sancha Portal war bereit, Joaquin zu heiraten; sie war eine noch immer gutaussehende und kräftige Frau, und er war mit Freuden bereit, seine Pflicht zu erfüllen. Nun sagte er Adriana, daß er zu Sancha ziehen würde, doch sie hatte fünf Kinder, und das Haus war bereits überfüllt. Adriana sollte deshalb im kleinen Haus ihres Vaters wohnen bleiben und ihre neue Familie an Sonn- und Feiertagen besuchen.
Nachdem in der Mitte des Dorfes eine kleine Kirche und ein Pfarrhaus errichtet worden waren, hatte Joaquin zu der Abordnung gehört, die nach Huesca gereist war, um bei den dortigen Kirchenoberen die Zuweisung eines Priesters für ihre neue Gemeinde zu erbitten. Padre Pedro Serafino, ein stiller, schüchterner Mann in Schwarz, hatte sie zurück nach Pradogrande begleitet und Joaquin und Sancha getraut. Bei seiner Rückkehr nach Huesca berichtete er seinen Vorgesetzten von der neuen kleinen Kirche und dem gemütlichen, aber leeren Pfarrhaus, und einige Monate später kam der Mönch eines Tages aus dem Wald geritten und verkündete den Siedlern, daß er zu ihrem Priester bestellt worden war.
Die Dörfler besuchten mit Freuden seine Messe, denn sie fühlten sich so katholisch wie ein Bischof. »Falls jetzt je feindselige Augen unsere Gemeinde mustern sollten«, hatte Joaquin seiner Tochter gesagt, »wird nicht einmal die Inquisition die herausragende Stellung unserer Kirche und unseres Pfarrhauses leugnen können. Und wenn sie sehen, wie unser Priester unermüdlich auf seinem kleinen Maultier durchs Tal reitet, werden sie zu dem Schluß kommen müssen, daß Pradogrande eine Gemeinde echter Christen ist.«
In diesen Tagen war Adriana froh, allein zu leben. Es war einfach, das Haus ordentlich und sauber zu halten, wenn nur ein Mensch darin wohnte. Sie hatte viel zu tun, buk Brot und zog in ihrem Garten Gemüse, um die große Familie ihres Vaters zu unterstützen, und spann die Wolle seiner Schafe. Anfangs lächelten alle, wenn sie Adriana sahen, die Frauen wie die Männer. Ihr Körper entwickelte sich nun endgültig zu dem einer Frau; ihre Brüste wuchsen zwar nicht groß, waren aber wohlgeformt, und ihre junge Gestalt war groß und geschmeidig und sehr fraulich. Bald merkten die Ehefrauen des Dorfes, wie die Männer das Mädchen anstarrten, und einige Frauen klangen auf einmal kalt und verärgert, wenn sie mit ihr sprachen. Sie hatte zwar noch keine Erfahrung, wohl aber Wissen; einmal hatte sie Pferde bei der Paarung gesehen und beobachtet, wie der wiehernde Hengst mit einem Geschlechtsteil wie ein Knüppel auf den Rücken der Stute gestiegen war. Auch hatte sie Böcke und Schafsweibchen beobachtet. Sie wußte, daß Menschen sich anders paarten, und fragte sich, was genau wohl vor sich ging, wenn Männer sich mit Frauen niederlegten.
Adriana war sehr bekümmert, als Leona Patras in diesem Frühling krank wurde. Sie besuchte sie und bemühte sich, ihre Freundlichkeit zu vergelten, indem sie für ihren betagten Gatten Abram Montelvan kochte, Wasser auf dem Feuer erhitzte, um der kranken Frau mit dem Dampf das Atmen zu erleichtern, und ihr die Brust mit Gänseschmalz und Kampfer einrieb. Aber Leonas Husten wurde immer schlimmer, und kurz vor Beginn des Sommers starb sie. Adriana weinte bei der Beerdigung; ihr schien, als nähme der Tod ihr jede Frau, die ihr mit Liebe begegnete.
Bevor Leona in die Erde gelegt wurde, half sie, sie zu waschen, sie putzte das Haus der Toten und kochte Abram Montelvan einige Mahlzeiten, die sie dem Witwer auf den Tisch stellte.
In diesem Sommer zeigte sich das Tal in beinahe erdrückender Schönheit, in den fruchtschweren Bäumen und dem hohen Gras tummelten sich Singvögel mit leuchtendem Gefieder; die Luft war schwer von Blütenduft. Manchmal war Adriana wie betrunken vom Liebreiz des Landes, so daß ihre Gedanken sogar mitten in einem Gespräch abschweiften. Deshalb glaubte sie zuerst auch, sie habe sich verhört, als ihr Vater ihr sagte, sie solle Abram Montelvan heiraten.
Bevor sie und ihr Vater in das letzte Haus einziehen konnten, das in Pradogrande erbaut worden war, waren sie bei verschiedenen anderen Familien untergekommen, darunter auch im Haus von Abram Montelvan und Leona Patras. Ihr Vater wußte, daß Abram Montelvan schwierig war, ein säuerlich riechender alter Mann mit hervorquellenden Augen und einem aufbrausenden Wesen, aber er sagte ihr ganz unverblümt: »Abram ist bereit, dich zu nehmen, und sonst gibt es niemanden für dich. Wir sind nur siebzehn Familien. Wenn man mich und den verstorbenen Fineas ben Sagan abzieht, dessen Familie nun meine Familie ist, gibt es nur fünfzehn Familien, aus deren Männern du dir einen Gatten erwählen kannst. Aber alle diese Männer sind bereits Ehegatten und Väter. Du müßtest darauf warten, daß die Frau eines der Männer stirbt.«
»Dann warte ich lieber«, sagte sie ungehalten, aber Joaquin schüttelte den Kopf.
»Du mußt deine Pflicht gegenüber der Gemeinschaft erfül-len«, sagte er, und er ließ sich nicht davon abbringen. Wenn sie ihm nicht gehorche, würde sie ihm Schande machen, sagte er, und am Ende fügte sie sich.
Bei der Hochzeit wirkte Abram Montelvan abwesend. Während der Messe in der Kirche redete er nicht mit ihr und sah sie nicht einmal an. Die Feierlichkeiten danach wurden in drei Häusern abgehalten, und es war ein ausgelassenes Fest mit drei Arten von Fleischgerichten - Lamm, Zicklein und Huhn - und Tanz bis in die frühen Morgenstunden. Adriana und ihr Bräutigam brachten in jeder der drei fincas einen Teil des Abends zu und beendeten die Festlichkeiten in Sancha Portals Haus, wo Padre Serafino ein Glas mit ihnen trank und sie wiederholt auf die Heiligkeit der Ehe hinwies.
Abram war beschwipst, als sie Sancha Portals Haus unter allgemeinem Hochrufen und Gelächter verließen. Auf dem Weg zu seinem Wagen stolperte er mehrmals, und dann fuhren sie im kalten Licht des Mondes zu seinem Haus. Sie entkleidete sich in seinem Schlafzimmer und lag schließlich, voller Angst zwar, aber schicksalsergeben, auf dem Bett, in dem ihre Freundin Leona Pa-tras gestorben war. Er hatte einen häßlichen Körper, mit einem Hängebauch und dürren Armen. Er hieß sie die Beine spreizen und rückte die Öllampe heran, um ihre Nacktheit besser betrachten zu können. Aber allem Anschein nach war die Paarung für die Menschen schwieriger als für die Pferde und Schafe, die sie beobachtet hatte, denn als er sie bestieg, konnte er mit seinem schlaffen Geschlecht nicht in sie eindringen, obwohl er stieß und drängte und sie, mit feuchtem Atem ihr Gesicht bespritzend, verfluchte. Schließlich rollte er von ihr herunter, schlief und überließ es ihr, die Lampe zu löschen. Den Rest der Nacht lag sie schlaflos am äußersten Rand des Bettes, so weit wie möglich von ihm entfernt.