Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Eine kahlköpfige alte Frau warf sich gegen das Gitter und griff mit dürrer Klaue nach Jonas Arm auf der Suche nach Essen, das er nicht mehr hatte. Und während der zurücksprang, um sich zu befreien, um dem Gestank und dem Grauen dieses verfluchten Ortes zu entfliehen, sah er, daß Bonestruca mit mächtiger Faust um sich schlug, bis der bucklige Mann alleine dastand, den Mund aufgerissen zu einem Schrei wölfischer Verzweiflung, halb Heulen und halb Brüllen, einem Schrei, der noch lange in Jonas Ohren widerhallte.
Er ritt zu der finca am Fluß und zwang sich dazu, Maria Juana seine Befürchtung mitzuteilen, daß Bonestrucas Wahnsinn sich eher verschlimmern als bessern würde. Sie hörte ihm tränenlos zu, hatte sie doch diese Nachricht zwar befürchtet, aber auch erwartet.
»Drei Männer der Kirche waren hier. Sie wollen mich und meine Kinder heute nachmittag abholen. Sie haben versprochen, uns in einen Konvent und nicht ins Armenhaus zu bringen.«
»Es tut mir leid, Senora.«
»Kennt Ihr vielleicht ein Haus hier in der Nähe, wo eine Haushälterin gebraucht wird? Ich scheue harte Arbeit nicht. Die Kinder essen sehr wenig.«
Ihm fiel nur sein eigenes Haus ein. Er stellte sich vor, wie es wäre, mit ihnen zu leben, sein Leben dieser armen, unglücklichen Frau und diesen armen, unglücklichen Kindern zu widmen und zuzusehen, wie die Zeit die Wunden heilte. Aber er wußte, daß er nicht gut genug, nicht stark genug, nicht selbstlos genug für eine solche Geste war.
So verbannte er diese Vorstellung aus seinem Kopf und dachte statt dessen an Bonestrucas Sammlung von jüdischen Dingen. Die Gebetsriemen. Die Tora! »Seid Ihr vielleicht bereit, mir einige Dinge aus Bonestrucas Besitz zu verkaufen?«
»Als die Männer heute morgen kamen, haben sie alles mitgenommen.« Sie führte ihn ins Nachbarzimmer. »Seht Ihr?«
Von all den Dingen waren nur noch das schlichte Damebrett und die kleinen Steine, die als Spielfiguren dienten, übrig. Sogar das Buch mit Dantes Gedicht hatten sie mitgenommen, aber zu hastig, denn unter dem Spielbrett fand er noch einige lose Blätter. Er nahm sie zur Hand und las die oberste Seite, die, wie er schnell erkannte, eine Beschreibung der Hölle enthielt:
Jona begriff plötzlich, daß keine Strafe, die Gott oder Mensch ersinnen mochten, schlimmer sein konnte als das Leben, das Lo-renzo de Bonestruca jetzt erwartete. Vom Grauen gepackt, nahm er das Damespiel entgegen, das sie ihm in die Hände gab. Dann schüttete er alles Gold und Silber aus seiner Börse auf den Tisch, gab die Frau und ihre Kinder der Obhut Gottes anheim und ritt davon.
9. KAPITEL
DER RITT NACH HUESCA
Fiebererkrankungen waren immer ein Problem, aber gegen Ende des Winters hielt Jona vor allem ein gehäuftes Auftreten von fiebrigem Husten auf Trab. Die Hausbesuche glichen sich:
»Senor Callico, mir tun alle Knochen weh (Husten)...
Der Soor ist so schlimm, daß ich nicht schlucken kann... die Schmerzen (Husten).«
»Manchmal ist es, als würde ich brennen, und dann zittere ich wieder vor Kälte (Husten).«
Ein alter Mann, ein Knabe, zwei alte Frauen und ein Kind starben. Für Jona war es schrecklich, daß er sie nicht retten konnte, aber dann hörte er wieder Nuno sagen, er solle sich um die Lebenden kümmern. Er ging von Haus zu Haus und verschrieb warme Getränke, erhitzten Wein mit Honig. Und Theriak gegen das Fieber.
Es war durchaus keine Pandemie, nicht einmal eine richtige Epidemie, aber er hatte sehr viele Hausbesuche zu machen. Solange nur die Fieberzyklen der Patienten nicht alle am selben Tag anfingen und endeten, sagte er sich, würde er es schon schaffen. Und jedem Patienten versprach er, daß die Krankheit wie durch Zauberhand verschwinden würde, wenn er nur zehn Tage lang seine Anweisungen streng befolgte.
Wenn er abends heimkam, war er oft zu müde, um noch Hausarbeiten zu erledigen oder sich etwas zu kochen. Manchmal stellte er die Damesteine auf das Brett und versuchte zu spielen, indem er für beide Seiten zog, aber so machte das Spiel keinen Spaß.
Ein Gefühl der Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit wurde immer stärker in ihm, und als seine Patienten schließlich nicht mehr fieberten und kaum mehr husteten, beschloß er, einen Tag freizunehmen und Reyna zu besuchen.
Der Ort, in dem sie wohnte, war nur eine Ansammlung von winzigen Bauernhöfen und Holzfällerhütten, einen halbstündigen Ritt von den Außenbezirken Saragossas entfernt. Er hatte keinen Namen und keine eigene Verwaltung, aber die Menschen, die dort seit Generation lebten, fühlten sich zusammengehörig, und sie hatten sich angewöhnt, den Ort El Pueblecito, das Dörfchen, zu nennen.
In der kleinen Siedlung angekommen, hielt er sein Pferd vor einer alten Frau an, die in der Sonne saß. Er fragte nach Reyna, und sie schickte ihn zu einem Haus neben dem eines Sägers. Dicht neben diesem Haus standen zwei Männer im Lendenschurz - ein Mann mit langen weißen Haaren und ein jüngerer, muskulöserer Kerl - in einer Grube und zogen, die schweißfeuchte Haut mit Sägemehl bestäubt, eine lange Säge über einen Kiefernstamm.
Im Haus fand er Reyna auf Händen und Knien; sie wischte eben den Steinboden. Sie sah so gesund aus wie eh und je, nur etwas älter, als er sie in Erinnerung hatte. Als sie sah, wer eingetreten war, hörte sie auf zu wischen und lächelte. Dann stand sie auf und wischte sich die Hände an ihrem Kittel trocken.
»Ich habe dir Wein mitgebracht. Die Sorte, die du magst«, sagte er, und sie nahm den Krug entgegen und dankte ihm.
»Nimm doch am Tisch Platz«, sagte sie und holte zwei Gläser und einen Krug, der, wie sich zeigte, Cognac enthielt.
»Salud.«
»Salud.« Der Cognac war gut. Und so stark, daß Jona blinzelte.
»Hast du inzwischen eine Haushälterin gefunden?«
»Noch nicht.«
»Dabei habe ich dir zwei gute Frauen geschickt. Carla und Pe-tronila. Sie haben gesagt, du hättest sie wieder weggeschickt.«
»Vielleicht war ich zu sehr an deine Art der Haushaltsführung gewöhnt.«