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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Auf Garcias Feldern spitzten bereits erste grüne Triebe aus der Erde. »Seine Saat ist im Frühjahr immer die erste, die angeht«, sagte sie zu Jona, und der Bauer erklärte ihm, daß er das den Schweinen zu verdanken habe. »Einmal pro Jahr verlege ich ihre Pferche. Und wo ich sie hinstelle, graben sie mit ihren scharfen Hufen und den wühlenden Schnauzen die Grasnarbe zusammen mit ihrem Kot unter, so daß eine fette Erde entsteht, die förmlich nach Samen schreit.«

Sie verabschiedeten sich von ihm und gingen weiter. An einem Bach entlang wanderten sie durch Feld und Wald, bis sie zu einer nach frischen Spänen duftenden Holzwerkstatt kamen, in der ein Mann namens Jacob Orabuena stabile Möbel und Holzwerkzeuge anfertigte und Bauholz sägte. »Hier auf dem Berg gibt es genug Holz, um mich für immer in Arbeit zu halten«, sagte er zu

Jona, »aber wir sind nur eine kleine Gruppe, und der Bedarf an den Dingen, die ich herstelle, ist schnell befriedigt. Die Abgeschiedenheit dieses Tales, die wir um unserer Sicherheit willen schätzen, macht es uns unmöglich zu verkaufen, was wir herstellen. Und obwohl wir hin und wieder einen Wagen oder zwei mit Waren volladen und die schwierige Reise nach Jaca oder Huesca auf uns nehmen, müssen wir verhindern, daß die Leute auf der Suche nach Rodolfos guten Schinken oder meinen Möbeln hierherkommen. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Und deshalb helfe ich auf den Feldern, wenn ich in der Werkstatt keine Arbeit habe.«

Dann bat er Jona um einen Gefallen. »Senora Chacon sagt, daß Ihr Arzt seid.«

»Ja?«

»Meine Mutter hat oft Kopfweh. Wenn es auftritt, sind es schreckliche Schmerzen.«

»Ich sehe sie mir sehr gerne an«, erwiderte Jona. Dann fiel ihm etwas ein.

»Sagt ihr... und jedem, der einen Arzt aufsuchen will... daß ich morgen vormittag in Mica Benzaquens Scheune zu finden bin.«

Orabuena lächelte und nickte. »Ich bringe meine Mutter zu Euch«, sagte er.

Sie folgten weiter dem Bach bis zu einem schattigen Tümpel, an dem sie rasten konnten. Der kleine, tuchbedeckte Korb, den er für sie trug, enthielt Brot, Ziegenkäse, grüne Zwiebeln und Rosinen, und dazu tranken sie kaltes Wasser aus dem Bach, das sie mit bloßen Händen schöpften. Ihr Trinken schreckte Forellen von beträchtlicher Größe auf, die sich ins Gewirr der Wurzeln am unterspülten Ufer flüchteten.

»Euer Tal ist ein wunderbarer Ort zum Leben«, sagte er.

Sie antwortete nicht, sondern schüttelte das Tuch aus, so daß die Brotkrumen als Fischfutter in den Tümpel rieselten. »Ich glaube, es ist Zeit für eine Siesta«, sagte sie, lehnte sich mit dem Rücken an einem Baumstamm und schloß die Augen. Er folgte ihrem klugen Beispiel. Nur der Gesang der Vögel war zu hören und das Plätschern des Wassers, und er ruhte eine Weile, ein traumloses Dösen. Als er die Augen wieder öffnete, schlief sie noch, und er betrachtete sie in aller Ruhe. Sie hatte das Saadi-Ge-sicht, die lange, gerade Nase, den breiten, dünnlippigen Mund mit den sinnlichen Winkeln, die ihre Gefühle verrieten. Er war sich irgendwie sicher, daß sie eine zu starker Leidenschaft fähige Frau war, und doch schien ihr nicht daran gelegen zu sein, einen Mann zu bezaubern, denn er bemerkte an ihr keins der kleinen Zeichen, mit denen andere Frauen, wie zurückhaltend auch immer, ihre Bereitschaft andeuten. Vielleicht war es einfach so, daß er ihr gleichgültig war. Vielleicht betrauert sie aber auch immer noch ihren toten Gatten, dachte er, und einen törichten Augenblick lang beneidete er ihren entschlafenen Liebhaber. Ihr Körper war schlank, aber kräftig. Sie hat sehr gute Knochen, dachte er, und in diesem Augenblick öffnete sie die Augen und sah Jona an, der versunken ihren Wuchs musterte.

»Sollen wir jetzt weitergehen?« fragte sie, und er nickte und stand auf. Als er ihr die Hand reichte, um ihr aufzuhelfen, spürte er, daß ihre Finger kühl und trocken waren.

Am Nachmittag besuchten sie die Ziegen- und Schafherden, und er lernte einen Mann kennen, der tagaus tagein an den Wasserläufen entlangwanderte, um Steine zu sammeln, die für den Hausbau verwendet werden konnten. Wie Naturdenkmale stapelten sie sich vor seinem Haus und warteten auf den Tag, daß jemand etwas bauen wollte.

Sie waren beide müde, als Adriana ihn am späten Nachmittag zu Benzaquens finca zurückbrachte. Sie hatten sich bereits verabschiedet und waren ihrer Wege gegangen, als sie sich noch einmal umdrehte.

»Wenn Ihr morgen als Arzt fertig seid, zeige ich Euch sehr gern des Rest des Tales«, sagte sie, und er dankte ihr noch einmal für ihre Freundlichkeit und fügte hinzu, daß er sich darauf freue.

Früh am nächsten Morgen kam als erste Patientin eine Frau namens Viola Violante zu dem Arzt auf Besuch. »Der Teufel sitzt in meinem Augenzahn«, sagte sie.

Als er ihr in den geöffneten Mund spähte, sah er sofort, was sie quälte, denn ein Schneidezahn war verfärbt und das Zahnfleisch darum herum sehr blaß. »Wenn ich Euch nur schon früher gesehen hätte, Senora«, murmelte er, doch er hatte eine Zange in seiner Arzttasche, und der Zahn mußte auf jeden Fall gezogen werden. Wie Jona befürchtet hatte, war er bereits verfault und brach während des Ziehens. Obwohl er sich anstrengen mußte, um alle kranken Wurzelteile zu entfernen, lagen am Ende die Bruchstücke im Staub vor Senora Violantes Füßen. Blut spuckend, aber voll des Lobes für seine Arbeit, entfernte sie sich.

Inzwischen hatten sich mehrere Leute versammelt, und er war den ganzen Vormittag über beschäftigt. Er kümmerte sich um jeden Patienten einzeln, und um ungestört zu sein, bat er die anderen, ein Stückchen weiter weg zu warten. Durand Chazan Ha-levi stutzte er einen eingewachsenen Zehennagel und hörte dann zu, wie Asher de Segarra den Durchfall beschrieb, der ihn immer wieder plagte.

»Ich habe keine Arznei bei mir, und Ihr seid weit weg von der nächsten Apotheke«, sagte er zu Senor Segarra. »Aber bald blühen die Rosen. Wenn Ihr einen Becher voll Blütenblätter mit Honig in Wasser kocht, den Sud gut auskühlen laßt und ein Hühnerei hineinquirlt, bekommt Ihr einen Trank, der Eure Beschwerden lindert.«

Mittags brachte Lea Chazan ihm Brot in einer Schüssel Brühe, und er aß dankbar und machte sich dann wieder daran, Karbunkel zu stechen, über Verdauung und Ernährung zu sprechen und

Leute mit einem Becher zum Pinkeln hinter die Scheune zu schicken, damit er ihren Urin untersuchen konnte.

Irgendwann kam Adriana Chacon. Sie stand da und unterhielt sich mit den Wartenden. Ein paarmal wandte sie den Blick zur Scheune, wo er jemanden behandelte.

Doch als er das nächste Mal den Kopf hob, weil er sie sehen wollte, war sie verschwunden.

Am nächsten Morgen erschien Adriana auf einer moosbraunen Stute mit dem Namen Dona. Zuerst ritten sie zur Kirche, wo sie ihm Padre Serafino vorstellte. Der Priester fragte ihn, woher er komme, und Jona sagte ihm, aus Guadalajara. Padre Serafino spitzte die Lippen. »Ihr seid weit gereist.«

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