Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Darauf begannen die Gespräche, und jedesmal redete er ihr ernsthaft und eifrig zu, ihre Gesundheit in acht zu nehmen, und gab ihr eindringliche ärztliche Ratschläge.
»Vor allen Dingen muß man seine Gesundheit in acht nehmen«, sagte er in lehrhaftem Ton, »und zwar erstens und hauptsächlich, um am Leben zu bleiben, und zweitens, um immer gesund zu sein und auf diese Weise zum Lebensglück zu gelangen. Wenn Sie irgendwelchen Kummer haben, mein liebes Kind, dann ist mein Rat: vergessen Sie ihn, oder, was das beste ist, bemühen Sie sich, nicht daran zu denken. Wenn Sie aber keinen Kummer haben, dann... denken Sie ebenfalls nicht an ihn, sondern geben Sie sich Mühe, an Vergnügungen zu denken, an heitere Spiele!«
»Aber an was für heitere Spiele soll ich denn denken?« fragte Nelly.
Der Arzt war ganz verblüfft.
»Nun... an irgendein harmloses Spiel, das Ihrem Lebensalter angemessen ist; oder... nun, an irgend so etwas...«
»Ich mag nicht spielen; ich spiele nicht gern«, sagte Nelly. »Sehen Sie, neue Kleider, die habe ich lieber.«
»Neue Kleider! Hm! Nun, das ist allerdings nicht so gut. Man muß in jeder Hinsicht mit einem bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Indessen... meinetwegen... man kann auch neue Kleider gern haben.«
»Werden Sie mir viele Kleider machen lassen, wenn ich Sie geheiratet habe ?«
»Was für eine Idee!« sagte der Arzt und machte unwillkürlich ein finsteres Gesicht. Nelly lächelte schelmisch und blickte sogar einmal, sich vergessend, mit einem Lächeln nach mir hin. »Indessen werde ich Ihnen auch ein Kleid machen lassen, wenn Sie es durch Ihr Betragen verdienen werden«, fuhr der Arzt fort.
»Aber muß ich dann täglich Pulver einnehmen, wenn ich Ihre Frau bin?«
»Na, dann brauchen Sie es nicht immer zu tun.«
Der Arzt begann zu lächeln.
Nelly brach lachend das Gespräch ab. Der Alte lachte mit und beobachtete liebevoll ihre Heiterkeit.
»Ein schalkhaftes Persönchen!« sagte er, zu mir gewendet. »Aber man merkt immer noch an ihr Launenhaftigkeit und eine gewisse Gereiztheit.«
Er hatte recht. Ich wußte schlechterdings nicht, was mit ihr vorgegangen war. Sie schien gar nicht mehr mit mir reden zu wollen, gerade als ob ich mich ihr gegenüber eines Vergehens schuldig gemacht hätte. Das war mir sehr schmerzlich. Ich wurde sogar selbst mürrisch und redete sie einmal einen ganzen Tag lang nicht an; aber am anderen Tag schämte ich mich dieses Benehmens. Sie weinte oft, und ich wußte absolut nicht, womit ich sie trösten sollte. Einmal aber brach sie das Stillschweigen, das sie sonst mir gegenüber beobachtete.
Ich kehrte nämlich eines Tages vor dem Dunkelwerden nach Hause zurück und sah, daß Nelly schnell ein Buch unter dem Kopfkissen versteckte. Es war mein Roman, den sie vom Tisch genommen und in meiner Abwesenheit gelesen hatte. Aber welchen Anlaß hatte sie, ihn vor mir zu verstecken? »Wie wenn sie sich schämte«, dachte ich, tat aber, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als ich auf einen Augenblick in die Küche gegangen war, sprang sie schnell aus dem Bett und legte den Roman an seinen früheren Platz; als ich zurückkam, sah ich ihn schon auf dem Tisch liegen. Einen Augenblick darauf rief sie mich zu sich heran; ihrer Stimme konnte ich eine gewisse Aufregung anhören. Schon seit vier Tagen hatte sie fast gar nicht mit mir gesprochen.
»Gehen Sie... heute... zu Natascha?« fragte sie mich stockend.
»Ja, Nelly; ich muß heute notwendig mit ihr reden.«
Nelly schwieg.
»Lieben Sie... sie sehr?« fragte sie wieder mit schwacher Stimme.
»Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.«
»Ich liebe sie auch«, fügte sie leise hinzu.
Es folgte wieder ein längeres Schweigen.
»Ich will zu ihr und will bei ihr wohnen«, fing Nelly wieder an, indem sie mich schüchtern anblickte.
»Das ist unmöglich, Nelly«, antwortete ich, einigermaßen verwundert. »Hast du es denn schlecht bei mir?«
»Warum ist es denn unmöglich?« fragte sie heftig. »Sie reden mir ja zu, ich solle zu ihrem Vater ziehen; aber zu dem will ich nicht. Hat sie eine Magd?«
»Ja.«
»Nun, dann soll sie ihre Magd wegschicken, und ich will bei ihr dienen. Ich werde ihr alles machen und keinen Lohn dafür nehmen; ich werde sie lieben, und auch das Essen werde ich ihr kochen. Sagen Sie ihr das nur heute!«
»Aber wozu denn? Was ist das für ein phantastischer Einfall, Nelly? Und was denkst du denn von ihr: meinst du wirklich, sie werde dich als Köchin nehmen wollen? Wenn sie dich nimmt, so doch nur als eine Gleichgestellte, wie eine jüngere Schwester.«
»Nein, ich will nicht als Gleichgestellte zu ihr. So will ich nicht...«
»Warum denn nicht?«
Nelly schwieg. Ihre Lippen zuckten. Sie war nahe daran zu weinen.
»Der, den sie liebt, geht ja doch von ihr fort und läßt sie allein?« fragte sie endlich.
Ich war erstaunt.
»Woher weißt du das, Nelly?«
»Sie haben mir selbst alles gesagt, und vorgestern, als Alexandra Semjonownas Mann am Vormittag kam, habe ich ihn gefragt; er hat mir alles mitgeteilt.«
»Ist denn Masslobojew vorgestern vormittag hier gewesen?«
»Ja«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen.
»Aber warum hast du mir denn nichts davon gesagt, daß er hier war?«
»Einen Grund hatte ich weiter nicht...«
Ich dachte einen Augenblick nach. Gott mochte wissen, warum dieser Masslobojew mit seiner Geheimniskrämerei hier herumschlich! Was hatte er hier für Beziehungen angeknüpft? Ich mußte doch einmal mit ihm darüber reden.
»Nun, inwiefern berührt es denn dich, Nelly, wenn er sie verläßt?«
»Sie lieben sie ja sehr«, antwortete Nelly, ohne die Augen zu mir aufzuschlagen. »Und wenn Sie sie lieben, so werden Sie sie doch heiraten, sobald der andere fortgeht.«
»Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, und auch ich... Nein, das wird nicht geschehen, Nelly.«
»Ich würde Ihnen beiden als Magd dienen, und Sie würden ein frohes Leben führen«, sagte sie leise, fast flüsternd, ohne mich anzusehen.
»Was ist nur mit ihr, was ist nur mit ihr?« dachte ich und mir war, als ob sich mir das Herz schmerzlich herumdrehte. Nelly schwieg und redete den ganzen Abend über kein Wort mehr mit mir. Als ich aber wegging, fing sie an zu weinen, weinte, wie mir Alexandra Semjonowna berichtete, den ganzen Abend und schlief unter Tränen ein. Selbst in der Nacht, im Schlaf, weinte sie und redete irre Worte vor sich hin.
Aber von diesem Tag an wurde sie noch düsterer und schweigsamer und sprach mit mir gar nicht mehr. Allerdings fing ich zwei oder drei Blicke von ihr auf, die sie verstohlen auf mich richtete, und in diesen Blicken lag soviel Zärtlichkeit! Aber das verging im selben Augenblick wieder, und gleichsam dieser momentanen Weichheit zum Trotz wurde Nelly fast mit jeder Stunde finsterer, sogar dem Arzt gegenüber, der über diese Veränderung ihres Wesens erstaunt war. Inzwischen war sie schon fast ganz genesen, und der Arzt erlaubte ihr endlich, an die frische Luft zu gehen, aber nur sehr wenig. Das Wetter war warm und heiter. Es war in der Karwoche, die diesmal sehr spät fiel; ich ging am Vormittag aus, da ich notwendig bei Natascha sein mußte, nahm mir aber vor, recht früh nach Hause zurückzukehren, um mit Nelly spazierenzugehen; unterdessen ließ ich sie zu Hause allein.