Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Wir haben ja bei uns zu Hause alles vorrätig«, sagte sie eilig und geschäftig zu mir, als ob sie schnell wieder irgendwo anders hin müßte. »Na, und Sie leben hier so als Junggeselle und haben von alledem gewiß wenig. Also erlauben Sie mir schon... auch Filipp Filippowitsch hat es befohlen. Nun, was soll ich jetzt zuerst... nur schnell, nur schnell! Was muß jetzt getan werden? Was macht sie? Ist sie bei Bewußtsein? Ach, wie schlecht sie liegt; das Kissen muß in Ordnung gebracht werden, damit sie mit dem Kopf niedriger liegt. Aber wissen Sie: wäre nicht das beste ein Lederkissen? Leder kühlt. Ach, wie dumm ich bin! Daß es mir nicht eingefallen ist, eins mitzubringen! Ich werde hinfahren und es holen... Muß nicht Feuer gemacht werden? Ich werde Ihnen meine Alte herschicken. Ich habe eine zuverlässige alte Magd. Sie haben ja hier gar keine weibliche Bedienung... Nun, was soll ich jetzt tun? Was ist das? Wohl Brusttee, den der Arzt verschrieben hat? Ich will gleich Feuer anmachen.«
Aber ich beruhigte sie, und sie war sehr erstaunt und sogar betrübt darüber, daß überhaupt nicht so viel zu tun war. Übrigens ließ sie sich dadurch ganz und gar nicht die Laune verderben. Sie befreundete sich sehr bald mit Nelly und half mir während der Krankheit derselben viel; sie besuchte uns fast täglich und kam immer mit einer Miene, als ob etwas vergessen oder verabsäumt sei und so schnell wie möglich nachgeholt werden müsse. Sie fügte immer hinzu, auch Filipp Filippowitsch habe es befohlen. Nelly fand an ihr großes Gefallen. Sie gewannen einander lieb wie Schwestern, und ich glaube, daß Alexandra Semjonowna in vieler Hinsicht noch ein ebensolches Kind war wie Nelly. Sie erzählte ihr allerlei Geschichten, brachte sie zum Lachen, und Nelly fühlte sich nachher oft einsam, wenn Alexandra Semjonowna nach Hause gefahren war. Ihr erstes Erscheinen bei uns erregte die Verwunderung meiner Kranken; aber sie erriet sogleich, warum der uneingeladene Gast gekommen war, machte nach ihrer Gewohnheit sogar ein finsteres Gesicht und wurde schweigsam und unfreundlich.
»Warum ist sie denn zu uns gekommen?« fragte Nelly mit unzufriedener Miene, als Alexandra Semjonowna wieder weggefahren war.
»Um dir zu helfen, Nelly, und dich zu pflegen.«
»Aber wofür will sie sich damit bedanken? Ich habe ihr ja doch nichts Gutes getan.«
»Gute Menschen warten nicht, bis man ihnen zuerst Gutes tut, Nelly. Sie helfen auch ohne das gern denen, die der Hilfe bedürfen. Glaube nur, Nelly: es gibt auf der Welt sehr viele gute Menschen. Es ist dein besonderes Unglück gewesen, daß du mit solchen nicht zusammengekommen bist, nicht damals mit ihnen zusammengekommen bist, als es nötig war.«
Nelly schwieg; ich trat von ihr weg. Aber eine Viertelstunde darauf rief sie mich selbst mit schwacher Stimme zu sich, bat mich, ihr zu trinken zu geben, umarmte mich plötzlich herzlich, drückte sich an meine Brust und ließ mich lange Zeit nicht aus ihren Armen. Als Alexandra Semjonowna am anderen Tag wiederkam, empfing Nelly sie mit freudigem Lächeln, aber als wenn sie sich immer noch über etwas schäme.
Drittes Kapitel
An diesem Tag war ich den ganzen Abend über bei Natascha. Ich kam erst spät nach Hause. Nelly schlief. Alexandra Semjonowna war ebenfalls sehr schläfrig, saß aber doch noch wachend bei der Kranken und wartete auf mich. Sogleich erzählte sie mir eilig flüsternd, Nelly sei zuerst sehr vergnügt gewesen und habe sogar viel gelacht; aber dann sei eine Verstimmung über sie gekommen, und als sie gesehen habe, daß ich nicht zurückkam, sei sie schweigsam und nachdenklich geworden. »Dann klagte sie über Kopfschmerz, fing an zu weinen und schluchzte so, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich mit ihr machen sollte«, fuhr Alexandra Semjonowna fort. »Sie fing mit mir von Natalja Nikolajewna an zu sprechen; aber ich konnte ihr über diese nichts sagen; da hörte sie auf zu fragen und weinte dann immer; so ist sie auch unter Tränen eingeschlafen. Na, nun leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch; es ist ihr jetzt doch leichter ums Herz, wie ich gemerkt habe; ich muß aber nach Hause; so hat es auch Filipp Filippowitsch befohlen. Ich muß Ihnen bekennen, er hat mich diesmal nur für zwei Stunden beurlaubt, und ich bin auf eigene Faust hiergeblieben. Aber das macht nichts; beunruhigen Sie sich nicht um mich; er wird es nicht wagen, böse zu werden... Nur vielleicht ...Ach Gott, liebster Iwan Petrowitsch, was soll ich nur machen: er kommt jetzt immer betrunken nach Hause! Er ist mit etwas sehr beschäftigt, redet nicht mit mir, ist verdrießlich; er hat eine wichtige Sache im Kopf, das sehe ich wohl; abends aber ist er immer betrunken... Ich denke nur: wenn er jetzt nach Hause gekommen ist, wer bringt ihn da zu Bett? Na, ich gehe, ich gehe; leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch! Ich habe mir hier Ihre Bücher angesehen: was haben Sie für viele Bücher, und gewiß lauter verständige; aber ich bin ein dummes Frauenzimmer; ich habe nie etwas gelesen... Nun, auf morgen...«
Aber am anderen Tag war Nelly, nachdem sie erwacht war, traurig und finster und antwortete mir nur widerwillig. Von selbst redete sie mich nicht an, als ob sie auf mich böse wäre. Ich beobachtete nur, daß sie mir mitunter von der Seite verstohlene Blicke zuwarf; in diesen Blicken lag viel verborgener Seelenschmerz; aber dennoch schaute aus ihnen eine Zärtlichkeit heraus, die nicht wahrzunehmen war, wenn sie mich gerade ansah. Dies war der Tag, an dem auch der Auftritt mit dem Einnehmen der Medizin und dem Arzt stattfand; ich wußte nicht, was ich davon denken sollte.
Aber Nelly war mir gegenüber vollständig verändert. Ihre Sonderbarkeiten, ihre Launen, manchmal sogar beinah eine Art von Haß gegen mich − alles dies dauerte bis zu dem Tag, an dem sie von mir fortging, bis zu der Katastrophe, die unserem ganzen Roman ein Ende machte. Aber davon später!
Indessen kam es doch manchmal vor, daß sie plötzlich, etwa auf eine Stunde, gegen mich wieder freundlich wurde wie früher. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie gerade in solchen Zeiten bitterlich. Aber diese Stunden gingen schnell vorüber, und sie versank wieder in den früheren Mißmut und sah mich wieder feindselig an oder benahm sich launisch wie damals dem Arzt gegenüber oder begann, wenn sie merkte, daß mir irgendein neuer Streich von ihr mißfiel, zu lachen, was aber fast immer mit Tränen endete.
Sie zankte sich sogar einmal mit Alexandra Semjonowna und sagte ihr, daß sie ihre Hilfe nicht nötig habe. Als ich ihr in Alexandra Semjonownas Gegenwart deswegen Vorwürfe machte, wurde sie hitzig, und in ihrer Antwort kam ein lange aufgespeicherter Grimm heftig zum Ausbruch; aber auf einmal verstummte sie und sprach nun volle zwei Tage lang mit mir kein Wort, wollte keine Medizin einnehmen, ja nicht einmal essen und trinken, und nur der alte Arzt verstand es, mit ihr umzugehen und ihr ins Gewissen zu reden.
Ich sagte schon, daß zwischen dem Arzt und ihr gleich von dem Tag an, wo sich die Szene mit dem Verschütten der Medizin zugetragen hatte, ein wunderliches Freundschaftsverhältnis entstanden war. Nelly hatte ihn sehr liebgewonnen und empfing ihn immer mit einem heiteren Lächeln, mochte sie vor seiner Ankunft auch noch so betrübt gewesen sein. Seinerseits hatte der alte Mann angefangen, täglich zu uns zu kommen, sogar manchmal zweimal am Tag, und er setzte das auch in der Zeit fort, als Nelly schon das Bett verlassen hatte und vollständig in der Genesung begriffen war. Er schien von ihr so bezaubert zu sein, daß er keinen Tag leben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Spaße über ihn selbst zu hören, die allerdings oft recht amüsant waren. Er brachte ihr illustrierte Bücher mit, lauter solche lehrhaften Inhalts; eines hatte er expreß für sie gekauft. Dann begann er, ihr Süßigkeiten zu bringen, Konfekt in hübschen Schächtelchen. In solchen Fällen trat er gewöhnlich mit feierlicher Miene ein, wie wenn er zu einem Namenstag käme, und Nelly erriet dann sofort, daß er ein Geschenk mitgebracht hatte. Aber er zeigte das Geschenk nicht, sondern lächelte nur listig, setzte sich neben Nelly und machte Andeutungen, wenn eine junge Patientin sich gut zu betragen wisse und auch in seiner Abwesenheit die Achtung ihrer Umgebung verdiene, dann sei ein solches junges Mädchen einer schönen Belohnung würdig. Dabei sah er sie so harmlos und gutmütig an, daß, wenn Nelly auch herzlich über ihn lachte, doch gleichzeitig aus ihren heiteren Augen die aufrichtigste, freundlichste Zuneigung ihm entgegenstrahlte. Endlich erhob sich der Alte feierlich von seinem Stuhl, zog das Schächtelchen mit Konfekt hervor und händigte es Nelly ein, wobei er unfehlbar bemerkte: »Meiner künftigen lieben Gattin!« In diesem Augenblick war er selbst sicherlich noch glücklicher als Nelly.