Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Die Hitze verging nicht, und sie versank bald wieder in Bewußtlosigkeit und redete irre. Sie hatte schon zweimal in meiner Wohnung Anfälle gehabt, die aber beide einen glücklichen Verlauf genommen hatten; jetzt jedoch hatte sie ein hitziges Fieber. Nachdem ich eine halbe Stunde an ihrem Bett gesessen hatte, rückte ich ein paar Stühle an das Sofa und legte mich, angekleidet wie ich war, in ihrer Nähe hin, um schnell zu erwachen, wenn sie mich rufen sollte. Die Kerze löschte ich nicht aus. Viele Male blickte ich noch nach ihr hin, bevor ich selbst einschlief. Sie war blaß; ihre Lippen waren von der innerlichen Hitze ausgetrocknet und, wahrscheinlich infolge des Hinfallens, blutig; ihr Gesicht hatte den Ausdruck der Angst und eines quälenden Kummers nicht verloren; diese Empfindungen schienen auch im Schlaf nicht von ihr zu weichen. Ich nahm mir vor, morgen so früh wie möglich den Arzt zu holen, wenn es ihr schlechter gehen sollte. Ich fürchtete, es werde ein richtiges Nervenfieber zum Ausbruch kommen.
»Das sind die Folgen der Angst, die ihr der Fürst eingejagt hat«, dachte ich und zitterte dabei; unwillkürlich mußte ich an seine Erzählung von der Frau denken, die ihm ihr Geld gelassen und ihm Schmähworte ins Gesicht geschleudert hatte.
Zweites Kapitel
Zwei Wochen waren vergangen. Nelly war in der Genesung. Ein Nervenfieber hatte sie nicht gehabt; aber sie war sehr krank gewesen, Ende April, an einem hellen, klaren Tag, stand sie vom Bett auf. Es war in der Karwoche.
Das arme Geschöpf! Ich kann meine Erzählung nicht in der früheren Anordnung fortsetzen. Es ist schon viel Zeit vergangen bis zum jetzigen Augenblick, wo ich all diese Ereignisse der Vergangenheit niederschreibe; aber bis heute kann ich nur mit schwerem, bitterem Gram an das blasse, magere Gesichtchen denken und an diesen langen, tiefen Blick ihrer schwarzen Augen, wenn wir manchmal allein waren und sie mich von ihrem Bett aus ansah, lange ansah, als ob sie mich auffordern wollte, zu erraten, was in ihrer Seele vorging; aber wenn sie sah, daß ich es nicht erriet und in meiner bisherigen Verständnislosigkeit verharrte, dann lächelte sie leise vor sich hin und streckte mir auf einmal freundlich ihr heißes Händchen mit den mageren, dünn gewordenen Fingerchen entgegen. Jetzt ist das alles vergangen, und alles ist schon bekannt geworden; aber auch jetzt kenne ich noch nicht das ganze Geheimnis dieses kranken, gequälten, beleidigten kleinen Herzens.
Ich fühle, daß ich mich von meiner Erzählung ablenken lasse; aber ich mag in diesem Augenblick einzig und allein an Nelly denken. Merkwürdig: jetzt, wo ich im Krankenhaus in meinem Bett liege, allein, von allen verlassen, die ich so viel und so innig geliebt habe, jetzt kommt mir manchmal irgendein unbedeutender Zug aus jener Zeit, den ich damals kaum beachtet und bald wieder vergessen hatte, plötzlich ins Gedächtnis und gewinnt auf einmal in meinem Geist eine ganz andere, wesentliche Bedeutung, die mir jetzt das klarmacht, was ich bisher nicht zu begreifen vermochte.
Während der ersten vier Tage ihrer Krankheit waren wir, der Arzt und ich, um sie in großer Sorge; aber am fünften Tag führte mich der Arzt beiseite und sagte mir, es sei kein Grund mehr zu Befürchtungen und sie werde sicher gesund werden. Der Arzt war eben jener mir schon lange bekannte, gutmütige und wunderliche alte Junggeselle, den ich bereits bei Nellys erster Krankheit gerufen hatte und dessen großer, am Hals hängender Stanislausorden ihr so interessant gewesen war.
»Also es ist nichts mehr zu befürchten?« sagte ich erfreut.
»Nein; sie wird jetzt gesund werden; aber dann wird sie sehr bald sterben.«
»Sterben? Aber warum denn?« rief ich, ganz starr über diesen Ausspruch.
»Ja, sie wird dann unfehlbar bald sterben. Die Patientin hat einen organischen Herzfehler und wird bei den geringsten ungünstigen Einwirkungen wieder bettlägerig werden. Vielleicht wird sie dann noch einmal genesen; aber darauf wird sie von neuem krank werden und schließlich sterben.«
»Und gibt es wirklich keine Möglichkeit, sie zu retten? Nein, es kann nicht sein!«
»Und doch muß es so kommen. Allerdings, wenn man alle ungünstigen Einwirkungen von ihr fernhielte, ihr ein ruhiges, stilles Leben verschaffte, ihr mehr Vergnügen bereitete, dann könnte die Patientin noch vor dem Tod bewahrt bleiben, und es kommen sogar Fälle vor... unerwartete, merkwürdige Ausnahmefälle... kurz, bei einer Vereinigung vieler günstiger Einwirkungen kann die Patientin sogar für lange Zeit gerettet werden; aber eine radikale Heilung ist ausgeschlossen.«
»Aber, mein Gott, was ist da zu tun?«
»Sie muß meine Weisungen befolgen, ein ruhiges Leben führen und die Pulver regelmäßig einnehmen/Ich habe gemerkt, daß dieses Mädchen launisch, von ungleichmäßigem Wesen und sogar sehr spottlustig ist; sie hat sehr wenig Lust, die Pulver regelmäßig einzunehmen, und hat das soeben deutlich bewiesen.«
»Ja, Doktor. Sie ist in der Tat ein eigentümliches Wesen; aber ich führe das alles auf ihre krankhafte Reizbarkeit zurück. Gestern war sie sehr folgsam; heute aber, als ich ihr die Arznei reichen wollte, stieß sie, wie unabsichtlich, an den Löffel, so daß alles verschüttet wurde. Und als ich ihr ein neues Pulver zurechtmachen wollte, riß sie mir das ganze Schächtelchen weg und warf es auf den Fußboden; dann aber brach sie in Tränen aus... Aber anscheinend weinte sie nicht darüber, daß ich sie veranlassen wollte, die Pulver einzunehmen«, fügte ich nach kurzem Nachdenken hinzu.
»Hm! Irritation der Nerven. Das frühere große Unglück« (ich hatte dem Arzt eingehend und offenherzig vieles von Nellys Geschichte erzählt, und meine Erzählung hatte ihn sehr ergriffen), »all das hängt miteinander zusammen, und daher rührt auch ihre Krankheit. Vorläufig ist das einzige Mittel, daß sie die Pulver einnimmt; das muß sie unbedingt tun. Ich will noch einmal hingehen und ihr ernstlich auseinandersetzen, daß es ihre Pflicht ist, den ärztlichen Ratschlägen zu gehorchen und... ganz besonders... die Pulver zu nehmen.«
Wir verließen beide die Küche wieder, in welcher unser Gespräch stattgefunden hatte, und der Arzt näherte sich von neuem dem Bett der Kranken. Aber Nelly hatte, wie es schien, alles gehört: wenigstens hatte sie, während wir sprachen, den Kopf vom Kissen gehoben, ein Ohr nach unserer Seite hingewandt und die ganze Zeit über mit Anstrengung gelauscht; ich hatte das durch die Spalte der halbgeöffneten Tür bemerkt. Als wir aber zu ihr traten, war die Schelmin wieder unter die Decke geschlüpft und sah uns spöttisch lächelnd an. Das arme Kind war in diesen Tagen der Krankheit sehr abgemagert; ihre Augen waren ganz eingesunken, und die Fieberhitze war immer noch nicht gewichen. Um so seltsamer kontrastierte mit ihrem Gesicht der mutwillige Ausdruck und der streitsüchtig glänzende Blick, über den der Arzt, der gutmütigste aller Deutschen in Petersburg, sich nicht genug wundern konnte.
In ernster, eindringlicher Weise, obgleich bemüht, seiner Stimme einen möglichst milden, freundlichen, zärtlichen Klang zu geben, setzte er ihr auseinander, daß die Pulver notwendig und heilsam seien und folglich jeder Kranke die Pflicht habe, sie einzunehmen. Nelly hob schon den Kopf ein wenig in die Höhe; aber auf einmal stieß sie durch eine anscheinend ganz zufällige Bewegung des Armes an den Löffel, und die ganze Arznei floß wieder auf den Fußboden. Ich war überzeugt, daß sie es mit Absicht getan hatte.
»Das ist eine sehr unangenehme Unvorsichtigkeit«, sagte der alte Mann ruhig, »und ich vermute, daß Sie es mit Absicht getan haben, was sehr tadelnswert ist. Aber... wir können den Schaden reparieren und noch ein Pulver zurechtmachen.«
Nelly lachte ihm gerade ins Gesicht. Der Arzt wiegte langsam den Kopf hin und her.
»Das ist sehr häßlich«, sagte er, als er ein neues Pulver zurechtgemacht hatte, »sehr, sehr tadelnswert.«