Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Aber ich kann nicht schildern, welch ein Schlag mich zu Hause erwartete. Ich war schnell nach Hause gegangen, kam hinauf und sah, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich trat ins Zimmer: niemand da. Ich war starr. Ich blickte ringsumher: auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, und auf diesem stand mit Bleistift in großer, unregelmäßiger Schrift geschrieben:
»Ich bin von Ihnen weggegangen und werde nie wieder zu Ihnen zurückkehren. Aber ich habe Sie sehr lieb. Ihre treue Nelly.«
Ich schrie vor Schreck auf und stürzte aus der Wohnung.
Viertes Kapitel
Ich war noch nicht auf die Straße gelangt und war noch nicht darüber ins klare gekommen, was ich jetzt tun solle, als ich auf einmal sah, daß vor unserem Tor eine Droschke anhielt und aus dieser Droschke Alexandra Semjonowna ausstieg, die Nelly an der Hand führte. Sie hielt sie fest, als fürchtete sie, daß sie zum zweitenmal davonlaufen könnte. Ich stürzte auf die beiden los.
»Nelly, Was ist nur mit dir!« rief ich. »Wo bist du hingegangen, und warum?«
»Warten Sie, keine Überhastung; kommen Sie so schnell wie möglich in Ihre Wohnung; da sollen Sie alles erfahren«, sagte Alexandra Semjonowna mit ihrem flinken Mundwerk. »Was ich Ihnen für Dinge erzählen werde, Iwan Petrowitsch!« flüsterte sie mir eilig im Gehen zu. »Sie werden staunen!... Kommen Sie nur; Sie sollen sogleich alles hören.«
Man konnte ihr am Gesicht ansehen, daß sie sehr wichtige Neuigkeiten zu erzählen hatte.
»Geh, Nelly, geh, leg dich ein bißchen hin!« sagte sie, als wir in die Wohnung traten. »Du bist gewiß müde; das ist keine Kleinigkeit, wieviel du umhergelaufen bist, und nach der Krankheit strengt das an; leg dich hin, liebes Kind, leg dich hin! Wir beide aber wollen ein Weilchen hinausgehen und sie nicht stören; mag sie schlafen!«
Sie blinzelte mir zu, ich möchte mit ihr hinauskommen, in die Küche.
Aber Nelly legte sich nicht hin; sie setzte sich auf das Sofa und verbarg das Gesicht in beiden Händen.
Wir gingen hinaus, und Alexandra Semjonowna erzählte mir geschwind, was sich zugetragen hatte. Später erfuhr ich noch weitere Einzelheiten. Das Ganze hatte sich folgendermaßen begeben.
Als Nelly zwei Stunden vor meiner Rückkehr aus meiner Wohnung weggegangen war und mir den Zettel zurückgelassen hatte, lief sie zuerst zu dem alten Arzt. Seine Adresse hatte sie schon vorher in Erfahrung gebracht. Der Arzt erzählte mir, er sei ganz starr gewesen, als er Nelly bei sich erblickt habe, und habe die ganze Zeit, während sie bei ihm gewesen sei, seinen Augen nicht getraut. »Ich glaube es auch jetzt noch nicht«, fügte er am Schluß seiner Erzählung hinzu, »und werde es niemals glauben.« Und doch war Nellys Besuch bei ihm eine Tatsache. Er saß ruhig in seinem Zimmer, in seinem Lehnstuhl, im Schlafrock, beim Kaffee, als sie hereingelaufen kam und, bevor er hatte zur Besinnung kommen können, sich an seine Brust warf. Sie weinte, umarmte und küßte ihn, küßte ihm die Hände und bat ihn inständig, wiewohl in unzusammenhängenden Worten, er möchte sie zu sich ins Haus nehmen; sie sagte, sie wolle und könne nicht mehr mit mir zusammen leben; daher sei sie von mir weggegangen; es sei ihr sehr schmerzlich; sie wolle sich nie mehr über ihn lustig machen und nie mehr von neuen Kleidern reden und werde sich gut betragen und aus den Büchern lernen und werde auch lernen, ihm seine Vorhemden zu waschen und zu plätten (wahrscheinlich hatte sie sich ihre ganze Rede unterwegs zurechtgelegt, vielleicht auch schon früher), und sie werde auch gehorsam sein und sogar jeden Tag so viele Pulver einnehmen, wie er wolle. Und wenn sie früher einmal gesagt habe, daß sie ihn heiraten wolle, so sei das nur Scherz gewesen; sie denke gar nicht daran. Der alte Deutsche war so betäubt, daß er die ganze Zeit über mit offenem Mund dasaß, die Hand, in der er die Zigarre hatte, in die Höhe hielt und die Zigarre vergaß, so daß sie ihm ausging.
»Mademoiselle«, sagte er endlich, nachdem er den Gebrauch seiner Zunge einigermaßen wiedererlangt hatte, »Mademoiselle, soweit ich Sie verstanden habe, bitten Sie mich, ich möchte Sie bei mir wohnen lassen. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Sie sehen, ich wohne sehr beschränkt und habe keine große Einnahme... Und überhaupt, so plötzlich, ohne vorhergehende Überlegung... Es ist schrecklich! Und überhaupt sind Sie, soviel ich sehe, von zu Hause weggelaufen. Das ist sehr tadelnswert und unzulässig... Und überhaupt habe ich Ihnen nur erlaubt, ein wenig spazierenzugehen, bei heiterem Wetter, unter Aufsicht Ihres Wohltäters; und da verlassen Sie Ihren Wohltäter und kommen zu mir gelaufen, während Sie doch Ihre Gesundheit in acht nehmen sollten. Und überhaupt... überhaupt, ich verstehe die ganze Sache nicht...«
Nelly ließ ihn nicht ausreden. Sie fing von neuem an zu weinen und ihn anzuflehen; aber nichts half. Der Alte geriet in immer größeres Erstaunen und begriff die Geschichte immer weniger. Schließlich gab Nelly es auf, rief: »Ach, mein Gott!« und lief aus dem Zimmer. »Ich war den ganzen Tag krank«, fügte der Arzt am Schluß seiner Erzählung hinzu, »und mußte zur Nacht Medizin einnehmen.«
Nelly aber lief zu Masslobojews. Sie hatte sich auch deren Adresse vorher verschafft und fand zu ihnen hin, wiewohl nur mit Mühe. Masslobojew war zu Hause. Alexandra Semjonowna schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie Nellys Bitte, sie zu sich zu nehmen, hörte. Auf ihre Fragen, warum sie das denn wolle, ob sie es denn bei mir so schlecht habe, gab Nelly keine Antwort und warf sich schluchzend auf einen Stuhl. »Sie schluchzte so furchtbar, so furchtbar«, erzählte mir Alexandra Semjonowna, »daß ich dachte, sie werde davon sterben.« Nelly bat, sie wenigstens als Stubenmädchen, als Köchin zu nehmen, sagte, sie werde ausfegen und werde Wäsche waschen lernen. (Auf dieses Wäschewaschen gründete sie, wie es schien, besondere Hoffnungen und hielt das aus irgendwelchem Grund für das stärkste Lockmittel zu ihrer Aufnahme.) Alexandra Semjonownas Meinung war, sie bis zur Aufklärung der Sache bei sich zu behalten und mir Nachricht zu geben. Aber Filipp Filippowitsch widersetzte sich dem entschieden und befahl, den Flüchtling sogleich wieder zu mir zu bringen. Unterwegs umarmte Alexandra Semjonowna sie und küßte sie, wovon Nelly noch heftiger zu weinen anfing. Bei diesem Anblick brach auch Alexandra Semjonowna in Tränen aus. So weinten sie beide auf dem ganzen Weg.
»Aber warum in aller Welt, warum willst du denn nicht bei ihm wohnen bleiben? Hat er dir denn etwas zuleide getan, wie?« fragte Alexandra Semjonowna, in Tränen zerfließend.
»Nein, er tut mir nichts zuleide.«
»Nun, also warum denn?«
»Einen Grund habe ich nicht; aber ich will nicht bei ihm wohnen bleiben... ich kann es nicht... ich bin immer so schlecht gegen ihn... und er ist so gut... aber bei Ihnen werde ich nicht schlecht sein; ich werde arbeiten«, sagte sie unter krampfhaftem Schluchzen.
»Warum bist du denn gegen ihn so schlecht, Nelly?« »Einen Grund habe ich nicht...«
»Weiter als dieses ‘einen Grund habe ich nicht’ konnte ich von ihr nichts herausbekommen«, schloß Alexandra Semjonowna ihren Bericht und wischte sich die Tränen ab. »Was ist sie für ein armes, unglückliches Wesen! Das ist wohl eine Art von Kinderkrankheit? Wie denken Sie darüber, Iwan Petrowitsch?«
Wir gingen zu Nelly hinein; sie lag auf dem Bett, das Gesicht in den Kissen vergraben, und weinte. Ich kniete vor ihr nieder, ergriff ihre Hände und küßte sie. Sie entriß mir ihre Hände und begann noch heftiger zu schluchzen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. In diesem Augenblick trat der alte Ichmenew ins Zimmer.