Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Ja.«
Ich überwand mich und horchte begierig auf. Zu antworten hatte ich ihm nichts weiter.
»Einzig deswegen, mein Freund, weil ich bei Ihnen etwas mehr Vernunft und klaren Blick für die Dinge bemerkte als bei unseren beiden Dummköpfen. Allerdings mochten Sie auch schon vorher wissen, wer ich bin, mochten es erraten haben, allerlei über mich kombiniert haben; aber ich wollte Sie dieser Mühe überheben und beschloß, Ihnen anschaulich zu zeigen, mit wem Sie es zu tun haben. Es ist ein großes Ding um so einen tatsächlichen Eindruck. Lernen Sie mich verstehen, mon ami! Sie wissen jetzt, mit wem Sie es zu tun haben; Sie lieben das Mädchen, und daher hoffe ich jetzt, daß Sie all Ihren Einfluß (und Sie besitzen Einfluß auf sie) aufbieten werden, um ihr gewisse Unannehmlichkeiten zu ersparen. Sonst wird sie Unannehmlichkeiten haben, und ich versichere Sie, versichere Sie mit aller Bestimmtheit: solche, über die nicht zu spaßen sein wird. Nun, und endlich der dritte Grund meiner Offenherzigkeit gegen Sie ist der (aber Sie haben ihn ja gewiß schon erraten, mein Lieber): ich wollte wirklich einmal meinem Ekel über diese ganze Angelegenheit Ausdruck geben, und zwar gerade vor Ihren Ohren...«
»Und Sie haben Ihre Absicht erreicht«, sagte ich, zitternd vor Erregung. »Ich gebe zu, daß Sie mir Ihren ganzen Ingrimm und Ihre ganze Verachtung für mich und uns alle auf keine Weise besser hätten zum Ausdruck bringen können als gerade durch diese Offenherzigkeit. Sie haben nicht gefürchtet, daß Sie sich durch Ihre Offenherzigkeit einem Menschen wie mir gegenüber kompromittieren könnten; noch mehr: Sie haben sich nicht einmal vor mir geschämt. Sie glichen tatsächlich jenem Irrsinnigen im Mantel. Sie haben mich nicht für einen Menschen erachtet.«
»Sie haben es erraten, mein junger Freund«, erwiderte er, sich erhebend. »Sie haben alles erraten; man sieht, daß Sie Literat sind. Ich hoffe, wir scheiden voneinander in aller Freundschaft. Brüderschaft werden wir aber wohl nicht zusammen trinken?«
»Sie sind betrunken, und nur deshalb antworte ich Ihnen nicht so, wie es sich gehören würde...«
»Wieder die Redefigur der Verschweigung eines Gedankens! Sie haben nicht gesagt, wie es sich denn gehören würde zu antworten, hahaha! Für Sie zu bezahlen, erlauben Sie mir wohl nicht?«
»Bemühen Sie sich nicht; ich werde selbst für mich bezahlen.«
»Nun, versteht sich. Wir haben wohl nicht denselben Weg?«
»Ich werde nicht mit Ihnen fahren.«
»Leben Sie wohl, mein lieber Poet! Ich hoffe, Sie haben mich verstanden...«
Er ging mit etwas unsicherem Schritt hinaus, ohne sich nach mir weiter umzusehen. Der Diener war ihm beim Einsteigen in die Equipage behilflich. Ich schlug meinen Weg ein. Es war zwischen zwei und drei Uhr. Es regnete; die Nacht war dunkel.
Vierter Teil
Erstes Kapitel
Ich will nicht weiter schildern, wie wütend ich war. Obgleich ich auf alles gefaßt gewesen war, war ich doch überrascht; er war ganz unerwartet, sozusagen in seiner ganzen Häßlichkeit, vor mich hingetreten. Indes waren, wie ich mich erinnere, meine Empfindungen trübe und undeutlich: ich fühlte mich niedergeschmettert, zu Boden gedrückt; es war mir, als ob ein schwerer Kummer immer schmerzlicher an meinem Herzen söge; ich ängstigte mich um Natascha. Ich ahnte, daß ihr viele Qualen bevorstanden, und sann in unklarer Weise darauf, wie man ihr diese Qualen ersparen, wie man ihr diese letzten Augenblicke vor der endgültigen Lösung des Knotens erleichtern könne. Daß die Lösung erfolgen mußte, daran konnte kein Zweifel sein. Sie nahte heran, und wie sie ausfallen werde, war leicht zu erraten.
Ich merkte gar nicht, wie ich nach Hause kam, obgleich der Regen mich auf dem ganzen Weg durchnäßte. Es war schon drei Uhr morgens. Kaum hatte ich an die Tür meiner Wohnung geklopft, als ich ein Stöhnen hörte und die Tür eilig aufgeschlossen wurde, wie wenn Nelly sich gar nicht schlafen gelegt, sondern die ganze Zeit über dicht an der Schwelle auf mich gewartet hätte. Es brannte eine Kerze. Ich sah Nelly ins Gesicht und erschrak: ihr Gesicht sah ganz entstellt aus; die Augen brannten wie im Fieber und hatten einen wilden, scheuen Blick, als ob sie mich nicht erkenne. Ihr Kopf glühte.
»Nelly, was ist dir? Bist du krank?« fragte ich, indem ich mich zu ihr beugte und den Arm um sie schlang.
Sie drückte sich zitternd an mich, als ob sie etwas fürchtete, und begann hastig und stoßweise zu reden, wie wenn sie nur auf mich gewartet hätte, um es mir recht schnell zu erzählen. Aber ihre Worte waren unzusammenhängend und seltsam; ich verstand nichts; sie redete irre.
Ich führte sie schleunigst zum Bett; aber sie drückte sich fortwährend fest an mich, als ob sie sich ängstigte und mich bäte, sie vor jemand zu beschützen; und als sie schon im Bett lag, griff sie immer noch nach meiner Hand und hielt sie fest, aus Furcht, daß ich wieder fortgehen könnte. Mein Nervensystem war dermaßen angegriffen und erschüttert, daß ich, während ich sie so ansah, in Tränen ausbrach. Ich war selbst krank. Als sie meine Tränen sah, blickte sie mich lange und unverwandt mit gewaltsam angespannter Aufmerksamkeit an, als bemühe sie sich, mit ihren Gedanken über etwas ins klare zu kommen. Es war ihr anzusehen, daß sie dies große Anstrengung kostete. Endlich schimmerte auf ihrem Gesicht etwas auf, was mit einem Gedanken Ähnlichkeit hatte; nach einem starken epileptischen Anfall war sie gewöhnlich eine Zeitlang außerstande, mit ihren Gedanken zurechtzukommen und deutlich zu reden. So war es auch jetzt: sie strengte sich aufs äußerste an, um mir etwas zu sagen, und da sie merkte, daß ich sie nicht verstand, streckte sie ihre kleine Hand aus und begann, mir die Tränen abzuwischen; dann umschlang sie meinen Hals, zog mich zu sich herab und küßte mich.
Es war klar: Sie hatte in meiner Abwesenheit einen Anfall gehabt, und dieser war gerade in dem Augenblick eingetreten, als sie dicht an der Tür stand. Als er vorübergegangen war, hatte sie wahrscheinlich lange nicht zu sich kommen können. In diesem Stadium des Leidens pflegt sich die Wirklichkeit mit den Fieberphantasien zu vermischen, und es waren ihr irgendwelche schrecklichen, beängstigenden Vorstellungen gekommen. Gleichzeitig war sie sich unklar bewußt geworden, daß ich zurückkommen müsse und an die Tür klopfen werde, und daher hatte sie, dicht an der Schwelle auf dem Fußboden liegend, auf meine Rückkehr gewartet und war auf mein erstes Klopfen aufgestanden.
»Aber wie ist es zugegangen, daß sie sich gerade an der Tür befand?« dachte ich und bemerkte plötzlich zu meinem Erstaunen, daß sie ihren kleinen Pelz anhatte (ich hatte ihn ihr eben erst bei einer mir bekannten alten Trödlerin gekauft, die manchmal zu mir in die Wohnung kam und mir ihre Ware auf Kredit gab); folglich hatte sie vorgehabt, irgendwohin auszugehen, und war wahrscheinlich schon im Begriff gewesen, die Tür zu öffnen, als der Anfall sie plötzlich überraschte. Wohin hatte sie aber gehen wollen? Hatte sie sich vielleicht damals schon im Fieberwahn befunden?