Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Ärgern Sie sich nicht über mich!« antwortete Nelly, die sich vergebens bemühte, nicht von neuem loszulachen; »ich werde die Pulver bestimmt einnehmen... Aber haben Sie mich lieb ?«
»Wenn Sie sich lobenswert betragen, werde ich Sie sehr liebhaben.«
»Sehr lieb?«
»Ja, sehr lieb.«
»Aber jetzt haben Sie mich nicht lieb?«
»O doch, auch jetzt.«
»Aber werden Sie mich küssen, wenn ich Sie küssen will?«
»Ja, wenn Sie es verdienen werden.«
Hier konnte Nelly sich wieder nicht mehr beherrschen und brach von neuem in ein Gelächter aus.
»Die Patientin hat ein heiteres Temperament; aber jetzt merken wir an ihr nur Nervosität und Launenhaftigkeit«, flüsterte mir der Arzt mit sehr ernstem Gesicht zu.
»Nun gut, ich werde das Pulver schlucken!« rief Nelly auf einmal mit ihrem schwachen Stimmchen. »Aber wenn ich erwachsen und groß bin, werden Sie mich dann auch heiraten?«
Wahrscheinlich gefiel ihr dieser neue mutwillige Einfall sehr; ihre Augen brannten nur so, und ihre Lippen zuckten vor Lachen in Erwartung der Antwort des etwas erstaunten Arztes.
»Nun ja«, antwortete er, über diesen neuen Einfall unwillkürlich lächelnd, »nun ja, wenn Sie ein gutes, wohlerzogenes Mädchen sein werden, und wenn Sie folgsam sein und...«
»... und die Pulver nehmen werden?« fiel Nelly ein.
»Ei, ei! Nun ja, auch die Pulver nehmen!« − »Ein prächtiges Mädchen«, flüsterte er mir von neuem zu; »in ihr steckt viel Herzensgüte und Verstand; aber, allerdings... heiraten... was für ein sonderbarer Einfall!«
Er brachte ihr von neuem die Medizin. Aber diesmal wandte Nelly nicht einmal List an, sondern stieß einfach mit der Hand von unten nach oben gegen den Löffel, so daß die ganze Medizin hinausflog, dem armen alten Mann gerade auf das Vorhemd und ins Gesicht. Nelly lachte laut auf, aber nicht mit dem früheren gutmütigen, heiteren Lachen. In ihrem Gesicht blitzte ein harter, böser Ausdruck auf. Diese ganze Zeit über hatte sie meinen Blick vermieden und nur den Arzt angesehen und wartete nun mit einem spöttischen Lächeln, durch das jedoch ihre innere Unruhe nur schlecht verdeckt wurde, was der ›komische Alte‹ jetzt tun werde.
»Oh! Also doch wieder!... Wie schade! Aber... ich kann ja noch ein Pulver zurechtmachen!« sagte der alte Mann, indem er sich mit dem Taschentuch das Gesicht und das Vorhemd abwischte.
Das machte auf Nelly einen starken Eindruck. Sie hatte erwartet, daß wir zornig werden würden; sie hatte gemeint, wir würden sie schelten und ihr Vorwürfe machen, und hatte dies vielleicht in diesem Augenblick unbewußtermaßen sogar gewünscht, damit sie einen Grund hätte, sogleich loszuweinen, krampfhaft loszuschluchzen, die Pulver wieder wie vorher zu verschütten, sogar vor Ärger etwas zu zerschlagen und durch all das ihrem launenhaften, kranken Herzchen eine Art von Erleichterung zu verschaffen. Solche Launen kommen vor, und nicht allein bei Kranken, und nicht allein bei Nelly. Wie oft bin ich im Zimmer auf und ab gegangen mit dem unbewußten Wunsch, es möchte mich doch jemand recht schnell beleidigen oder ein Wort sagen, das sich als Beleidigung auffassen ließe, damit ich recht schnell an etwas meinem Herzen Luft machen könnte! Frauen aber, die auf diese Weise ‘ihrem Herzen Luft machen’, vergießen die aufrichtigsten Tränen, und die gefühlvollsten unter ihnen verfallen sogar in Weinkrämpfe. Das ist ein sehr einfacher, ganz gewöhnlicher, überaus häufiger Vorgang, wenn ein anderer, oft niemandem bekannter Kummer im Herzen sitzt, den der Betreffende wohl aussprechen möchte, aber niemandem aussprechen darf.
Aber überrascht durch die engelhafte Güte des von ihr beleidigten alten Mannes und durch die Geduld, mit der er ihr von neuem ein drittes Pulver zurechtmachte, ohne ihr auch nur ein Wort des Vorwurfs zu sagen, wurde Nelly auf einmal sanft und still. Das spöttische Lächeln verschwand von ihren Lippen; eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht; die Augen wurden ihr feucht: sie blickte mich flüchtig an und wandte sich sofort wieder ab. Der Arzt brachte ihr die Medizin. Sie schluckte sie friedlich und schüchtern hinunter, ergriff die rote, dicke Hand des alten Mannes, hob langsam den Kopf in die Höhe und blickte ihm in die Augen.
»Sie... sind mir gewiß böse, weil ich so schlecht bin«, begann sie, konnte aber nicht weiterreden, kroch unter die Bettdecke, verbarg ihr Köpfchen und fing laut und krampfhaft zu schluchzen an.
»O mein Kind, weinen Sie nicht... das tut nichts... das sind die Nerven; trinken Sie etwas Wasser!« Aber Nelly hörte nicht auf ihn.
»Beruhigen Sie sich; regen Sie sich nicht so auf!« fuhr er fort; er beugte sich über sie und schluchzte selbst beinah; denn er war ein sehr gefühlvoller Mensch. »Ich verzeihe Ihnen und werde Sie heiraten, wenn Sie sich gut betragen werden und ein braves Mädchen sein und...«
»... die Pulver nehmen werden!« erscholl es unter der Bettdecke hervor mit einem seinen, wie ein Glöckchen klingenden, nervösen, von Schluchzen unterbrochenen, mir wohlbekannten Lachen.
»Ein gutes, dankbares Kind!« sagte der Arzt triumphierend und fast mit Tränen in den Augen. »Armes Mädchen!«
Seitdem bildete sich zwischen ihm und Nelly eine seltsame, wunderliche Freundschaft heraus. Mir gegenüber wurde Nelly dagegen immer finsterer, nervöser und reizbarer. Ich wußte nicht, worauf ich das zurückführen sollte, und wunderte mich darüber, um so mehr, da dieser Umschwung in ihrem Verhalten ganz plötzlich erfolgt war. In den ersten Tagen ihrer Krankheit hatte sie sich gegen mich überaus zärtlich und freundlich benommen; sie schien sich an mir gar nicht satt sehen zu können, ließ mich nicht von ihrer Seite, ergriff meine Hand mit ihrem heißen Händchen, zog mich auf den Stuhl neben ihrem Bett nieder, und wenn sie bemerkte, daß ich finster und aufgeregt war, so bemühte sie sich, mich zu erheitern, scherzte und spielte mit mir und lächelte mir zu, indem sie augenscheinlich ihre eigenen Leiden unterdrückte. Sie wollte nicht, daß ich nachts arbeitete oder aufsaß, um sie zu warten, und wurde traurig, als sie sah, daß ich nicht auf sie hörte. Manchmal bemerkte ich an ihr eine sorgenvolle Miene; sie fragte mich über mich selbst aus, warum ich traurig sei und was ich auf dem Herzen hätte; aber merkwürdig: sobald das Gespräch auf Natascha kam, verstummte sie sofort oder begann von etwas anderem zu reden. Sie vermied es anscheinend, von Natascha zu sprechen, und das überraschte mich. Wenn ich nach Hause kam, freute sie sich. Wenn ich nach meinem Hut griff, so machte sie ein betrübtes Gesicht und verfolgte mich in eigentümlicher Weise, gewissermaßen vorwurfsvoll, mit den Augen.
Am vierten Tag ihrer Krankheit saß ich den ganzen Abend über und sogar noch lange nach Mitternacht bei Natascha. Wir hatten damals etwas miteinander zu besprechen. Als ich von zu Hause wegging, hatte ich meiner Patientin gesagt, ich würde sehr bald zurückkommen; denn ich hatte selbst damit gerechnet. Als es sich nun zufällig so traf, daß ich länger bei Natascha bleiben mußte, war ich wegen Nelly beruhigt: sie war nicht allein geblieben. Alexandra Semjonowna saß bei ihr. Diese hatte von Masslobojew, der auf einen Augenblick zu mir gekommen war, erfahren, daß Nelly krank sei und ich, so vollständig allein, viel Mühe und Sorge hätte. O Gott, in welche Aufregung die gute Alexandra Semjonowna da geriet!
»Dann wird er also auch nicht zum Mittagessen zu uns kommen!... Ach, mein Gott! Und er ist ganz allein, der arme Mensch, ganz allein! Nun, da wollen wir uns ihm jetzt behilflich zeigen. Jetzt bietet sich eine Gelegenheit; die dürfen wir nicht unbenutzt lassen.«
Sogleich erschien sie bei uns und brachte in der Droschke ein ganz großes Bündel mit. Nachdem sie mir schnell mit kurzen Worten erklärt hatte, sie werde jetzt nicht wieder fortgehen und sei gekommen, um mir zu helfen, band sie das Bündel auf. Darin waren Obstgelees, Eingemachtes, wie es eine Kranke essen kann, junge Hühner und eine Henne, für den Fall, daß die Kranke zu genesen beginne, Äpfel zum Braten, Apfelsinen, Kiewer getrocknete Früchte (falls der Arzt es erlauben sollte), endlich Wäsche, Bettücher, Servietten, Frauenhemden, Binden, Kompressen − als sollte ein ganzes Lazarett damit versorgt werden.