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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Danach schickte Reyna niemanden mehr.

Bald war es soweit, daß er seine allwöchentlichen Spielschlachten mit Bonestruca am Damebrett fürchtete, denn er wußte nie, ob der Mönch ihm als scharfsinniger Gegner entgegentreten würde oder als übellauniger Mann, dem Vernunft und Seelenruhe immer mehr entglitten.

Eines Mittwoch abends empfing ihn Maria Juana an der Tür der finca und führte ihn in das hintere Zimmer, wo Bonestruca am Tisch saß, vor sich einen Stapel alter Schriften und nicht das Damebrett. Der Mönch betrachtete sein Gesicht in einem Handspiegel.

Anfangs ließ Bonestruca Jonas Gruß unbeantwortet. Dann fragte er, den Blick noch immer auf den Spiegel gerichtet: »Seht Ihr Böses, wenn Ihr mich anschaut, Arzt?«

Jona wählte seine Antwort mit Bedacht: »Ich sehe ein sehr schönes Gesicht.«

»Ebenmäßige Züge, würdet Ihr sagen?«

»Höchst wohlgeformt, Senor.«

»Das Gesicht eines gerechten Mannes?«

»Ein Gesicht, das erstaunlich unschuldig ist, als hätten ihm die Jahre nichts anhaben können.«

»Kennt Ihr das lange Gedicht mit dem Titel Die göttliche Komödie von dem Florentiner Dante Alighieri?«

»Nein, Senor.«

»Schade.« Bonestruca nahm eins der zerfledderten Blätter vom Tisch und begann zu lesen:

»Hütt' ein Gesicht wie Biedermanns Gesicht, gar gütig anzu-schaun, von zarter Haut, der überige Leib war eine Schlange. Zwei Tatzen hatt' es, haarig bis zur Achsel, auf Brust und Kücken und an beiden Seiten war's ganz bemalt mit Knoten und mit Ringlein... «

Nun sah er Jona an. »Das ist aus dem ersten Teil des Gedichts mit dem Titel >Inferno<. Die Beschreibung eines entstellten und abscheulichen Ungeheuers aus den tiefsten Kreisen der Hölle.«

Jona wußte nicht, was er antworten sollte. Er meinte sich zu erinnern, daß dieser Florentiner Dichter schon lange tot war, denn sonst hätte er sich vielleicht gefragt, ob Dante diesen Mönch gekannt hatte.

Bonestruca starrte weiter in den Spiegel.

»Soll ich das Brett holen und die Steine aufstellen?« fragte Jona und ging zum Tisch. Dabei sah er die Rückseite des Spiegels und erkannte, daß er aus Silber war, wenn auch stark angelaufen. Am unteren Ende des Handgriffs entdeckte er das Zeichen des Silberschmieds: HT. Und wußte sofort, daß es einer der Spiegel war, die sein Vater für den Grafen von Tembleque angefertigt hatte.

»Fray Bonestruca«, sagte er und hörte dabei die verräterische Spannung in seiner Stimme, doch Bonestruca schien sie nicht zu bemerken. Seine Augen waren auf das Spiegelbild gerichtet, doch blicklos, wie die eines Blinden oder eines Menschen, der mit offenen Augen schlief.

Mit einer Hast, die er nicht zügeln konnte, griff Jona nach diesem Stück, das sein Vater angefertigt hatte. Doch als er es Bone-struca aus der Hand zu nehmen versuchte, merkte er, daß dessen Finger steif und unbeweglich waren. Er bemühte sich, den Spiegel dem Griff des Mönchs zu entwinden, bis ihm plötzlich der Gedanke kam, daß Bonestruca den Wahnsinn vielleicht nur vorschützte und alles mitbekam. Entsetzt verließ er ihn und stürzte zur Tür.

»Senor?« frage Maria Juana, als er das vordere Zimmer betrat, doch in seiner Verwirrung eilte er an ihr vorbei und floh aus der

finca.

Als er am folgenden Nachmittag nach den Patientenbesuchen zu seinem Haus zurückritt, wartete Maria Juana vor der Scheune auf ihn. Sie saß in dem Schatten, den ihr angebundener Esel warf, und stillte ihr Kleines.

Er lud sie ins Haus ein, doch sie lehnte ab, weil sie zu ihren anderen Kindern zurückkehren müsse, wie sie sagte. »Was soll ich nur mit ihm tun?« fragte sie.

Jona konnte nur den Kopf schütteln. Die Frau erfüllte ihn mit großem Mitleid. Er stellte sich vor, wie sie einmal gewesen sein mußte, ein törichtes Mädchen vielleicht, jünger und hübscher. Hatte Bonestruca ihr die Angst vor ihm genommen und sie verführt? War sie beim ersten Mal geschändet worden? Oder war sie eine ruchlose Dirne gewesen, die es vielleicht höchst unterhaltsam fand, sich mit einem so merkwürdigen Geistlichen niederzulegen, ohne zu wissen, was für ein Leben ihr bevorstand?

»Er wird immer unberechenbarer.«

»Wann hat das angefangen?«

»Vor einigen Jahren. Es wird immer schlimmer. Was ist die Ursache?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht hat es etwas mit der Lues zu tun, die er lange hatte.«

»Er hat seit vielen Jahren nicht mehr an der Lues gelitten.«

»Ich weiß, aber das ist das Wesen dieser Krankheit. Vielleicht leidet er jetzt wieder an ihr.«

»Kann man denn nichts tun?«

»Um Euch die Wahrheit zu sagen, Senora, ich weiß weder etwas über die Ursache eines gestörten Geistes, noch kann ich Euch an einen Kollegen verweisen, der in der Behandlung dieser Krankheit beschlagener ist. Der Wahnsinn ist für uns Geheimnis und Magie... Wie lange saß er gestern abend noch bewegungslos vor dem Spiegel?«

»Sehr lange, bis kurz vor Mitternacht. Ich gab ihm dann heißen Wein, und er trank ihn und fiel ins Bett und schlief sofort ein.«

Jona selbst hatte schlecht geschlafen, nachdem er noch lange wach gesessen und beim Kerzenschein über den Wahnsinn gelesen hatte. Im Jahr zuvor hatte er das Einkommen von zwei Monaten darangegeben, um die medizinische Bibliothek, die Nuno hinterlassen hatte, um ein Traktat mit dem Titel De Parte Opera-tiva zu erweitern. Darin schrieb Arnau de Vilanova, daß es zu

Wahnsinn komme, wenn ein Übermaß an Galle trockne und das Hirn erhitze, was Ruhelosigkeit, Geschrei und Angriffslust zur Folge habe. »Wenn Fray Bonestruca... sich aufregt, müßt Ihr ihm einen Aufguß aus Tamarinde und Borretsch in kaltem Wasser geben.« Für Zeiten wie am Abend zuvor, als Bonestruca wie betäubt gewesen war -Vilanova sagte, die Franzosen nannten solche Anfälle folie pamlytique-, gab Avicenna an, daß der Patient gewärmt werden müsse, und Jona verschrieb gemahlenen Paprika vermischt mit heißem Wein.

Maria Juana war verzweifelt. »In letzter Zeit verhält er sich so merkwürdig. Er ist fähig zu... unbesonnenen Handlungen. Ich fürchte um unsere Zukunft.«

Es war ein hartes Leben für diese Frau und ihre Kinder, die so abhängig waren von dem buckligen Mönch. Jona schrieb ihr das Rezept aus und hieß sie, damit zu Fray Medinas Apotheke zu gehen. Und während er sein Pferd absattelte, sah er ihr nach, wie sie auf ihrem Esel davonritt.

Er hätte gern ein paar Tage gewartet, bevor er zu der finca zurückkehrte, doch er ging schon am nächsten Morgen wieder hin, weil er um die Frau und ihre Kinder fürchtete.

Doch als er ankam, saß Bonestruca untätig im hinteren Zimmer des Hauses. Maria Juana flüsterte ihm zu, daß er geweint habe. Der Mönch erwiderte Jonas Gruß mit einem Nicken.

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