Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
»Euer Vater wäre stolz auf Euch, Padre Espina.«
»Ich kann Euch nicht genug danken, Senor. Ihr habt mir meinen Vater zurückgegeben.«
»Darf ich morgen wiederkommen, um meine Patienten zu besuchen?«
Padre Espina war sichtlich verlegen. Jona wußte, daß er nicht undankbar erscheinen wollte, jedoch auch nicht zuviel gestatten konnte, ohne sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. »Ihr könnt morgens noch einmal kommen. Aber ich muß Euch warnen, es kann gut der letzte Besuch sein, der Euch gestattet wird.«
Als er am nächsten Morgen wiederkehrte, erfuhr er, daß Dona Sancha Berga in der Nacht gestorben war.
Don Berenguer nahm die Nachricht vom Tod seiner Mutter gelassen auf. »Ich bin froh, daß sie frei ist«, sagte er.
Den überlebenden Familienmitgliedern hatte man an diesem Morgen mitgeteilt, daß sie rechtskräftig wegen Ketzerei verurteilt waren und man sie demnächst bei einem Autodafe hinrichten würde. Jona wußte, es gab keine taktvolle Art, über das zu sprechen, was seine Seele belastete.
»Don Berenguer, Verbrennen ist die schlimmste Art zu sterben.«
Sie sahen sich an und wußten beide, was es bedeutete: schreckliche, lang dauernde Schmerzen, verkohlendes Fleisch, kochendes Blut.
»Warum sagt Ihr mir etwas so Grausames? Glaubt Ihr, ich weiß das nicht?«
»Es gibt eine Möglichkeit, dem zu entkommen. Ihr müßt Euch wieder mit der Kirche versöhnen.«
Berenguer schaute ihn an und sah einen vorwufsvollen Christen, den er zuvor noch nicht gekannt hatte. »Muß ich das wirklich, Senor?« fragte er kalt. »Es ist zu spät. Das Urteil ist in Erz gegossen.«
»Zu spät, um Euer Leben zu retten, aber nicht zu spät, um Euch ein schnelles Ende durch die Garrotte zu erkaufen.«
»Glaubt Ihr, ich habe mir nur aus einer Laune heraus ins Fleisch geschnitten und mich an den Glauben meiner Mutter gebunden, nur um ihm gleich wieder zu entsagen? Habe ich Euch nicht von meiner Entschlossenheit erzählt, als Jude zu sterben?«
»Ihr könnt in Eurem Herzen als Jude sterben. Ihr braucht ihnen nur zu sagen, daß Ihr bereut, und könnt Euch so Erleichterung erkaufen. Ihr seid auf ewig Jude, weil nach dem jüdischen Gesetz der Glaube von der Mutter an das Kind weitergeben wird. Wie Eure Mutter von einer jüdischen Mutter geboren wurde, so auch Ihr. Keine Erklärung kann das ändern. Nach dem uralten Gesetz Moses seid Ihr ein Jude, und indem Ihr sagt, was sie hören wollen, erkauft Ihr Euch nur eine schnelle Erdrosselung und entgeht der Qual eines langsamen und schrecklichen Todes.«
Berenguer schloß die Augen. »Und doch wäre es der Weg eines Feiglings, der mich des letzten edlen Augenblicks, der einzigen Befriedigung, die ich in meinem Sterben finden kann, berauben würde.«
»Nein, feige wäre es nicht. Die meisten Rabbis sind der Ansicht, daß es keine Sünde ist, wenn man unter Zwang konvertiert.«
»Was wißt Ihr denn von Rabbis und dem mosaischen Gesetz?« Berenguer starrte ihn an. Jona sah in den Augen des anderen Mannes, wie ihm die Erkenntnis dämmerte.
»Mein Gott«, sagte Berenguer.
»Könnt Ihr Euch mit den anderen Mitgliedern Eurer Familie in Verbindung setzen?«
»Manchmal führt man uns zur gleichen Zeit in den Hof. Dort ist es möglich, ein paar Worte zu wechseln.«
»Ihr müßt ihnen sagen, daß sie Jesus suchen sollen, um die Gnade eines schnelleren Todes zu erlangen.«
»Meine Schwester Monica und ihr Mann Andres sind fromme Christen. Ich werde meinem Bruder Geraldo raten zu tun, was Ihr vorschlagt.«
»Man wird mir nicht mehr gestatten, Euch noch einmal zu besuchen.« Jona ging zu Berenguer, umarmte ihn und küßte ihn auf beide Wangen.
»Auf daß wir uns an einem glücklicheren Ort wiedersehen«, sagte Don Berenguer. »Gehet in Frieden.«
»Der Friede sei mit Euch«, erwiderte Jona und rief die Wache.
An diesem Mittwochabend, mitten in einem Spiel, das Jona gewann, verließ Fray Bonestruca das Brett und begann, vor seinen
Kindern herumzutollen. Eine Weile wirkte es recht bezaubernd. Bonestruca schnitt Grimassen und gab leise, fröhliche Geräusche von sich, während er hin und her hüpfte. Seine Kinder lachten und deuteten auf ihn, und Dionisio lief zu seinem kaspernden Vater und warf eine kleine Holzkugel nach ihm.
Der Mönch alberte immer weiter. Sein Grinsen verschwand, die Geräusche klangen weniger fröhlich, dafür immer kehliger, doch er hüpfte und tollte weiter. Sein Gesicht wurde rosig vor Anstrengung und dann dunkel und verzerrt, aber die große Gestalt tanzte und wirbelte herum, die schwarze Kutte wehte, der Buckel hüpfte, und das Gesicht wurde häßlich vor Zorn.
Die Kinder verstummten und sahen verängstigt drein. Sie flohen vor ihm, starrten ihn mit weit aufgerissenen Augen an, und das Mädchen Hortensia öffnete den Mund wie zu einem tonlosen Schrei. Maria Juana, ihre Mutter, sprach leise mit ihnen und führte sie aus dem Zimmer. Jona wäre am liebsten auch gegangen, doch er konnte es nicht. Er saß am Tisch und sah zu, wie der schreckliche Tanz allmählich langsamer wurde. Schließlich hörte er ganz auf, und Bonestruca sank vor Erschöpfung auf die Knie.
Kurz darauf kam Maria Juana zurück. Sie wischte dem Mönch mit einem feuchten Tuch das Gesicht und ging wieder hinaus, um Wein zu holen. Bonestruca trank zwei Gläser und ließ sich dann von ihr zurück zu seinem Stuhl fuhren.
Es dauerte eine Weile, bis er den Kopf hob. »Manchmal überkommen mich solche Anfälle.«
»Verstehe«, sagte Jona.
»Ach wirklich? Und was genau versteht Ihr daran?«
»Nichts, Senor. Das ist nur eine Redensart.«
»Das ist mir auch schon in der Gesellschaft von Priestern und Mönchen geschehen, mit denen ich arbeite. Sie beobachten mich.«
Ist das nur die Einbildung des kranken Mannes? fragte sich Jona.
»Sie haben mich bis hierher verfolgt. Sie wissen von Maria Juana und den Kindern.«
Das dürfte stimmen, dachte Jona. »Was werden sie tun?«
Bonestruca zuckte die Achseln. »Ich vermute, sie warten, um zu sehen, ob diese Anfälle nur etwas Vorübergehendes sind.« Mit einem Stirnrunzeln sah er Jona an. »Was meint Ihr, was die Ursache ist?«
Es war eine Form des Wahnsinns. Das dachte sich Jona, konnte es aber nicht sagen. Nuno hatte ihm einmal bei einem Gespräch über Geisteskrankheiten gesagt, daß er in der Krankengeschichte der Patienten, die er behandelt hatte, eine Gemeinsamkeit entdeckt habe. Die Gemeinsamkeit bestand darin, daß die Betroffenen in ihrer Jugend am malum venereum gelitten hatten und erst Jahre später dem Wahnsinn anheimgefallen waren. Nuno hatte diese Beobachtungen nicht zu einer Theorie verfestigt, sie waren ihm aber doch so bedeutsam erschienen, daß er sie an seinen Lehrling weitergegeben hatte, und jetzt fielen sie Jona wieder ein.