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Nachtasyl

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Nachtasyl
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Medwedew,  der Lukas Worte nicht verstanden hat: Seh doch einer! Wir kennen uns hier alle mit'nander … und du - wer bist du denn? Rasch ab mit wütendem Schnauben.

Luka: Ist böse geworden, der Herr Kavalier … oho! Recht sonderbar, Brüder, scheinen hier eure Sachen zu liegen …

Pepeclass="underline"  Jetzt läuft er zur Wassilissa, er will sich beklagen …

Bubnow: Mach keine Dummheiten, Wassilij! Willst hier den Tapfern rausbeißen … Tapferkeit, mein Sohn, ist gut, wenn du in 'n Wald gehst, nach Pilzen … Hier richtest du nichts damit aus … Sie nehmen dich beim Wickel, eh du dich versiehst …

Pepeclass="underline"  Das wollen wir sehen! Wir Jaroslawer Jungen sind viel zu schlau, uns fängt man nicht so mit bloßen Händen … Wollt ihr Krieg haben - schön, dann werden wir Krieg führen …

Luka: Es wäre wirklich besser, Junge, du gingest fort von hier …

Pepeclass="underline"  Wohin denn? Sag mal …

Luka: Geh … nach Sibirien!

Pepeclass="underline"  He he! Nee, da wart ich doch lieber, bis sie mich auf Staatskosten hinschicken …

Luka: Nein, wirklich, folge mir! Geh hin! Kannst dort deinen Weg machen … Man braucht dort solche Jungen, wie du einer bist!

Pepeclass="underline"  Mir ist mein Weg vorgezeichnet! Mein Vater hat sein Lebtag in den Gefängnissen gesessen, und das hat er mir vermacht … Wie ich noch ganz klein war, nannten mich die Leute schon Dieb und Spitzbubenjunge.

Luka: Ein schönes Land - Sibirien! Ein goldnes Land! Wer gut bei Kräften ist und nicht auf 'n Kopf gefallen, der fühlt sich dort - wie die Gurke im Frühbeet!

Pepeclass="underline"  Sag mal, Alter - warum lügst du immer?

Luka: Wie?

Pepeclass="underline"  Bist wohl taub geworden? Warum du lügst, frag ich …

Luka: Wann hab ich gelogen?

Pepeclass="underline"  In einem fort lügst du … Dort ist's nach deiner Meinung schön, hier ist 's schön … Es ist doch nicht wahr! Warum lügst du also?

Luka: Glaub mir! Oder geh hin, überzeug dich … Wirst mir Dank wissen … Was drückst du dich hier um? Und … warum bist du so auf Wahrheit erpicht? Überleg's doch: die Wahrheit - die kann für sich zur Schlinge werden …

Pepeclass="underline"  Laß sie zur Schlinge werden … Mir ist's gleich …

Luka: Bist doch 'n Sonderling! Warum willst du selbst den Hals hineinstecken?

Bubnow: Was schwatzt ihr beiden eigentlich? Versteh euch nicht … Was für 'ne Wahrheit tut dir not, Wasjka? Wozu soll sie dir? Die Wahrheit über dich selber - die kennst du doch … und alle Welt kennt sie …

Pepeclass="underline"  Halt den Schnabel, krächze nicht! Er soll mir erst sagen … hör mal, Alter - gibt's einen Gott? Luka lächelt und schweigt.

Bubnow: Die Menschen sind wie die Späne, die der Strom wegträgt … Das Haus steht fertig da … aber die Späne sind weg …

Luka  leise: Wenn du an ihn glaubst - gibt's einen; glaubst du nicht, dann gibt's keinen … Woran du glaubst - das gibt's … Pepel blickt schweigend, in starrem Erstaunen, auf den Alten.

Bubnow: Ich geh jetzt Tee trinken … kommt ihr mit in die Schenke? He?

Luka  zu Pepeclass="underline" Was guckst du?

Pepeclass="underline"  So … Sag mal - du meinst also …

Bubnow: Na, dann geh ich allein … Ab nach der Tür, in der er auf Wassilissa stößt.

Pepeclass="underline"  Du meinst also … daß …

Wassilissa  zu Bubnow: Ist Natascha zu Hause?

Bubnow: Nein. Ab.

Pepeclass="underline"  Ah … da bist du ja …

Wassilissa  an Annas Lager tretend: Ist sie noch am Leben?

Luka: Stör sie nicht!

Wassilissa  nähert sich der Tür zu Pepels Kammer: Wassilij! Ich habe mit dir zu reden … Luka geht nach der Tür zum Hausflur, öffnet sie und schließt sie wieder geräuschvoll. Dann steigt er vorsichtig auf die Pritsche und von da auf den Ofen.

Wassilissa  aus Pepels Kammer: Wasja, komm her!

Pepeclass="underline"  Ich komme nicht … ich will nicht …

Wassilissa: Was ist denn? Was bist du so böse?

Pepeclass="underline"  Langweilig ist's … die ganze Wirtschaft hier hab ich satt …

Wassilissa: Und mich … hast du auch satt?

Pepeclass="underline"  Auch dich … Wassilissa zieht das Tuch, das ihrer Schultern bedeckt, fest an und preßt die Arme gegen die Brust. Sie tritt zu Annas Bett, blickt vorsichtig hinter den Vorhang und kehrt dann zu Pepel zurück.

Pepeclass="underline"  Na … so rede …

Wassilissa: Was soll ich reden? Zur Liebe läßt sich keiner zwingen … meine Art ist's nicht, um Liebe zu betteln … Ich dank dir für deine Aufrichtigkeit …

Pepeclass="underline"  Aufrichtigkeit?

Wassilissa: Na ja … du sagst, du hast mich satt … oder ist's nicht wahr? Pepel sieht sie schweigend an.

Wassilissa  rückt näher an ihn heran: Was guckst du? Du siehst mich wohl nicht?

Pepel  tief Atem holend: Schön bist du, Wasjka … Wassilissa legt den Arm um seinen Hals; er schüttelt ihren Arm mit einer Schulterbewegung ab. Und doch hat mein Herz dir nie gehört … Ich hab mit dir gelebt, und so weiter … aber wirklich geliebt hab ich dich nie …

Wassilissa  leise: So … o … Nu … un …

Pepeclass="underline"  Nun hätten wir nichts weiter zu reden mit'nander! Gar nichts weiter … laß mich ungeschoren …

Wassilissa: Hast an einer andern Gefallen gefunden?

Pepeclass="underline"  Das geht dich nichts an … Wenn's so wäre - dich nehm ich doch nicht zur Brautwerberin …

Wassilissa  mit vielsagender Miene: Wer weiß … vielleicht könnt ich ein Wort für dich einlegen …

Pepel  mißtrauisch: Bei wem denn?

Wassilissa: Du weißt, wen ich meine … verstell dich doch nicht! Ich rede gern von der Leber weg … Leiser. Ich will dir's nur sagen … du hast mich tief gekränkt … mir nichts, dir nichts hast du mir 'nen Hieb versetzt, wie mit der Peitsche … Sagtest immer, du liebst mich, und mit einemmal …

Pepeclass="underline"  Mit einemmal? Ganz und gar nicht … Schon lange hab ich so gedacht … du hast keine Seele, Weib … Eine Frau muß 'ne Seele haben … Wir Männer sind Tiere … wir kennen's nicht anders … uns muß man erst anlernen zum Guten … und du, wozu hast du mich angelernt? …

Wassilissa: Was war, das war … Ich weiß, der Mensch ist nicht frei in seinem Innern … Liebst du mich nicht mehr - schön! Es soll mir recht sein …

Pepeclass="underline"  Na also! Abgemacht! Wir trennen uns in Freundschaft, ohne Zank und Streit … wunderschön!

Wassilissa: Halt, nicht so rasch! Während all der Zeit, die ich mit dir lebte … wartete ich immer, ob du mir nicht heraushelfen würdest … aus dem Sumpf hier … ob du mich nicht von meinem Manne, vom Onkel … von diesem ganzen Leben hier befreien würdest … Und vielleicht hab ich dich gar nicht geliebt, Wasja … vielleicht liebte ich in dir nur … meine eigne Hoffnung, meinen Traum … Verstehst du? Ich hatte gehofft, du würdest mich herausziehen …

Pepeclass="underline"  Bist doch kein Nagel, und ich bin keine Zange … Ich dachte selber, du würdest mit deiner Schlauheit … denn schlau bist du und gewandt …

Wassilissa  neigt sich dicht über ihn: Wasja! Wir wollen uns gegenseitig helfen …

Pepeclass="underline"  Wie denn?

Wassilissa  leise, doch mit Nachdruck: Meine Schwester gefällt dir, ich weiß es …

Pepeclass="underline"  Dafür schlägst du sie auch so grausam! Das sag ich dir, Wasja: rühr sie nicht mehr an!

Wassilissa: So wart doch! Nicht so hitzig! Es läßt sich alles in Ruhe abmachen, im Guten … Heirate sie, wenn du willst! Ich gebe dir noch Geld dazu … dreihundert Rubel! Treib ich mehr auf, geb ich dir noch mehr …

Pepel  rückt auf seinem Platz hin und her: Halt mal … wie meinst du das? Wofür?

Wassilissa: Befreie mich von meinem Manne! Nimm diese Last von mir …

Pepel  pfeift leise: Ei, si-ieh doch! Das hast du dir schlau ausgedacht … Der Mann ins Grab, der Liebhaber in die Zwangsarbeit, und du selber …

Wassilissa: Aber Wasja! Warum denn Zwangsarbeit? Du brauchst doch nicht selbst … deine Kameraden! Und wenn du's auch selber tust - wer erfährt's denn? Natascha wird die Deine … bedenke doch! Geld wirst du haben … wirst wegziehen von hier, irgendwohin … Mich erlösest du für immer … und auch für die Schwester wird's gut sein, daß sie von mir fortkommt. Ich kann sie nicht sehen, ohne rasend zu werden … ich hasse sie deinetwegen … und kann mich nicht beherrschen … Ich schlage sie so hart, daß ich selber vor Mitleid mit ihr weine … Aber - ich schlage sie eben. Und ich werde sie weiter schlagen!

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