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Nachtasyl

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Nachtasyl
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Anna: O Gott … die arme Natschenka!

Luka: Wer prügelt sich denn da herum?

Anna: Unsere Wirtinnen … die beiden Schwestern …

Luka:  tritt näher an Anna heran: Um was geht's denn?

Anna: Um nichts … beide sind satt … und gesund …

Luka: Und du … wie heißt du?

Anna: Anna heiß ich … Wenn ich dich so anseh … bist du ganz meinem Vater ähnlich … meinem Väterchen … ebenso liebreich bist du … und so weich …

Luka: Weil sie mich tüchtig geklopft haben, darum bin ich weich … Kichert leise.

Zweiter Aufzug

Dieselbe Bühneneinrichtung. Abend. Auf der Pritsche neben dem Ofen sitzen Satin, der Baron, Schiefkopf und der Tatar beim Kartenspiel. Kleschtsch und der Schauspieler sehen dem Spiel zu. Bubnow spielt auf seiner Pritsche mit Medwedew eine Partie Dame. Luka sitzt auf dem Hocker neben Annas Bett. Das Quartier ist durch zwei Lampen erhellt: die eine hängt an der Wand neben den Kartenspielern, die andere neben Bubnows Pritsche.

Der Tatar: Einmal spiel ich noch - dann hör ich auf …

Bubnow: Schiefkopf! Sing doch! Stimmt ein Lied an. »Auf und nieder geht die Sonne …«

Schiefkopf  einfallend: »Dunkel bleibt mein Kerker doch …«

Der Tatar  zu Satin: Misch die Karten! Aber misch sie ordentlich! Wir wissen schon, was für 'n Bruder du bist …

Bubnowund Schiefkopf  singen zweistimmig:

»Auf und ab die Posten wandern - a - ach!

Tag und Nacht vor meinem Loch …«

Anna: Schläge und Kränkungen … hab ich ertragen … die waren mein Los … solange ich lebte …

Luka: Ach, du armes Weibchen! Gräm dich nicht zu sehr!

Medwedew: Wohin ziehst du? Gib doch acht!

Bubnow: Aha! So, und so, und so …

Der Tatar  droht Satin mit der Faust: Was versteckst du die Karte? Ich hab's gesehn … Du!

Schiefkopf: Laß ihn laufen , Hassan! Sie betrügen uns doch, so oder so … Sing weiter, Bubnow!

Anna: Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich mal satt war. Mit Zittern und Zagen … hab ich jedes Stückchen Brot gegessen … Gebebt hab ich ewig und mich geängstigt … um ja nicht mehr zu essen als ein andrer … Mein Leben lang bin ich in Lumpen gegangen … mein ganzes, unglückliches Leben lang … Warum das alles?

Luka: Du armes Kind! Bist müde, was? Laß schon gut sein …

Der Schauspieler  zu Schiefkopf: Spiel den Buben aus … den Buben, zum Kuckuck!

Der Baron: Und wir haben den König!

Kleschtsch: Die überstechen jedesmal!

Satin: Das sind wir so gewöhnt …

Medwedew: Eine Dame!

Bubnow: Auch ich hab eine … da!

Anna: Ich sterbe …

Kleschtsch  zum Tataren: Da - sieh doch, sieh! Schmeiß die Karten hin, Fürst - schmeiß hin, sag ich dir!

Der Schauspieler: Meinst du, er weiß nicht, was er zu tun hat?

Der Baron: Sieh dich vor, Andrjuschka, daß ich dich nicht zur Tür rauswerfe!

Der Tatar: Gib noch mal! Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht … So geht's mir auch … Kleschtsch schüttelt den Kopf und geht zu Bubnow hinüber.

Anna: In einem fort denk ich: Mein Gott … soll ich denn auch dort … in jener Welt … solche Qualen erdulden?

Luka: Nicht doch … gar nichts wirst du erdulden! Lieg nur hübsch still … und sei nicht bange … Ruhe wirst du dort finden! Dulde noch ein Weilchen … wir alle müssen dulden, meine Liebe … jeder duldet das Leben auf seine Weise. Er erhebt sich und geht mit raschen Schritten in die Küche.

Bubnow  singt: »Wacht, soviel ihr wollt und wandert …«

Schiefkopf: »Sorgt euch nicht, daß ich entflieh …«

Beide  zweistimmig:

»In die Freiheit möcht ich gerne - a - ach!

Doch die Kette brech ich nie …«

Der Tatar: Halt! In 'n Ärmel hat er eine Karte gesteckt!

Der Baron  verlegen: Na … soll ich sie vielleicht in deine Nase stecken?

Der Schauspieler  in überzeugtem Tone: Du hast dich geirrt, Fürst! Keinem Menschen fällt's ein …

Der Tatar: Ich hab's gesehn! So 'n Gauner! Ich spiel nicht weiter!

Satin  die Karten zusammenlegend: So geh doch deiner Wege, Hassan … Daß wir Gauner sind, weißt du - warum spielst du also mit uns?

Der Baron: Vierzig Kopeken hat er verloren, und Spektakel macht er für drei Rubel! Das will 'n Fürst sein …

Der Tatar  heftig: Man muß ehrlich spielen!

Satin: Aber warum denn?

Der Tatar: Was heißt »warum?«

Satin: Na, so … warum?

Der Tatar: Das weißt du nicht?

Satin: ich weiß es nicht. Weißt du es? Der Tatar spuckt ärgerlich aus. Alle lachen über ihn.

Schiefkopf: Bist 'n komischer Kauz, Hassan! Überleg doch maclass="underline" wenn die es mit der Ehrlichkeit versuchen, sind sie in drei Tagen verhungert …

Der Tatar: Was geht's mich an? Ehrlich muß man leben!

Schiefkopf: Ewig schwatzt er dasselbe! Wollen lieber Tee trinken gehn … Los, Bubnow! …

Bubnow:

»Ach, ihr Ketten, meine Ketten,

Und ihr Wachen erzbewehrt …«

Schiefkopf: Komm, Hassan! Singend ab. »Kann euch nimmermehr zerschlagen …« Der Tatar droht dem Baron mit der Faust und folgt dann seinen Kameraden.

Satin  zum Baron, lachend: Na, Euer Hochwohlgeboren - da haben wir uns wieder mal glänzend blamiert! Das will 'n gebildeter Mensch sein - nicht mal 'ne Volte schlagen kann er …

Der Baron  achselzuckend: Weiß der Teufel, wie die Karte …

Der Schauspieler: Kein Talent … kein Selbstvertrauen … ohne das wird's eben nie was Rechtes …

Medwedew: Eine Dame hab ich … und du hast zwei … hm - ja!

Bubnow: Auch eine kann's schaffen, wenn du richtig spielst … du bist am Zuge!

Kleschtsch: Die Partie ist verloren, Abram Iwanytsch!

Medwedew: Das geht dich gar nichts an - verstanden? Halt's Maul …

Satin: Dreiundfünfzig Kopeken gewonnen …

Der Schauspieler: Die drei Kopeken sind für mich … Übrigens, wozu brauch ich drei Kopeken?

Luka  kommt aus der Küche: Na, habt ihr den Tataren hochgenommen? Jetzt geht ihr 'n Schnäpschen trinken - hm?

Der Baron: Komm mit uns!

Satin: Möcht gern mal sehen, wie du bist, wenn du einen weg hast …

Luka: Sicher nicht besser, als wenn ich nüchtern bin …

Der Schauspieler: Komm, Alter … ich will dir 'n paar hübsche Couplets vordeklamieren …

Luka: Couplets? Was ist das?

Der Schauspieler: Gedichte, verstehst du …

Luka: Gedichte? Was sollen sie mir, die … Gedichte?

Der Schauspieler: Na, die sind so spaßig … oder manchmal auch traurig …

Satin: Kommst du, Coupletsänger? Ab mit dem Baron.

Der Schauspieler: Ich komme gleich nach. Zu Luka. Da ist zum Beispiel ein Gedicht … ein alter Mann kommt darin vor … wie ist doch gleich der Anfang? … Ich hab's wahrhaftig vergessen! Reibt sich die Stirn.

Bubnow: Deine Dame ist futsch … Zieh!

Medwedew: Teufel noch eins! Warum hab ich nicht dahin gezogen?

Der Schauspieler: Früher, wie mein Organismus noch nicht mit Alkohol vergiftet war, hatt ich ein famoses Gedächtnis … jawohl, Alter! Jetzt … ist alles zu Ende für mich … ich habe dieses Gedicht immer mit großem Erfolg vorgetragen … unter frenetischem Applaus! Du weißt jedenfalls nicht, was das ist … Applaus! Das ist … wie Branntwein, Bruder! … Wenn ich so vortrat, in dieser Haltung … setzt sich in Positur und dann loslegte … und Er schweigt. Nichts weiß ich mehr … nicht ein Wort hab ich behalten! Und es war doch mein Lieblingsgedicht … ist das nicht schrecklich, Alte?

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