Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Schieß los«, sagte er nur und kam ihr dabei so nahe wie schon seit Tagen nicht mehr.
So leise, dass er sie kaum verstand, erzählte sie ihm von Leonid, wie sie ihn im Wald getroffen und sich am gestrigen Abend mit ihm verabredet hatte. Dabei vermied sie es, auf intime Einzelheiten einzugehen. Theisen schien nicht zu bemerken, dass sie ihm den wahren zeitlichen Ablauf unterschlug und die Geschichte so geschickt einfädelte, dass bei ihm zweifelsfrei der Eindruck entstand, sie habe die vergangene Nacht allein und bis zum frühen Morgen im Camp verbracht. Noch einmal warf sie einen raschen Blick in die Umgebung, um zu prüfen, ob Kolja sich nicht in der Nähe befand.
»Gegen vier Uhr früh heute Morgen habe ich unbemerkt das Camp verlassen«, log sie. »Die Sache mit der Magnetfeldmessung vom Tag zuvor ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Zusammen mit Leonid wollte ich herausfinden, um was es sich handelte, bevor Bashtiri und seine Leute die Spur aufnehmen konnten. Mir lag nicht daran, ein weiteres Forschungsverbot zu riskieren. Es reicht vollkommen, wenn unser Oligarch den See für sich beansprucht.«
»Und dann seid ihr tatsächlich auf diesen ominösen Bunker gestoßen?« Die Sache mit der Katakombe schien Theisen weit mehr zu interessieren als das Auftauchen des unbekannten Ewenken. Dabei hatte er nicht auf den Klang seiner Stimme geachtet und viel zu laut gesprochen.
Mit einem lang gezogenen »Sch...« legte Viktoria ihm den Zeigefinger auf die Lippen, damit er schwieg oder wenigstens leiser sprach.
»Kolja weiß auch davon«, fuhr sie flüsternd fort. »Er war schließlich dabei, als ich am Tag zuvor die Magnetfeldmessung vorgenommen habe. Wie sich später herausstellte, hatte er sich schon vor uns ans Werk gemacht und den Einstieg ausgegraben.«
Theisen hörte angespannt zu, während sie beim weiteren Verlauf der Geschichte weitgehend bei der Wahrheit blieb. Mit wenigen Worten erzählte sie von der unvorhergesehenen Begegnung mit Kolja und dessen überraschendem Bekenntnis, im Auftrag der russischen Regierung zu arbeiten.
»Er will keinesfalls, dass irgendjemand sonst von dem Bunker erfährt. Noch nicht einmal Bashtiri und Lebenov sollen eingeweiht werden.«
Theisen schüttelte verständnislos den Kopf. »Kolja arbeitet also für die Regierung?« Er lächelte abfällig. »Was hat das schon zu bedeuten! Tun das hierzulande nicht alle irgendwie? Früher hat der Kommunismus die Leute zusammengehalten, heute tun es die großen Staatskonzerne, von denen kein Einziger ohne das Wohlwollen des Präsidenten existieren kann.«
»Du hast mich nicht verstanden«, zischte Viktoria. »Er arbeitet im Auftrag der Regierung - unerkannt. Zudem trug er eine Pistole mit Schalldämpfer und machte damit eine ziemlich professionelle Figur.«
Theisen zog eine Braue hoch und stieß einen leisen Pfiff aus. »Vielleicht ist er Angehöriger des FSB?« Er grinste wissend.
»FSB? Du meinst den russischen Inlandsgeheimdienst?«
»Ja! Allerdings hat der Federalnaja Slushba Besopasnosti oder auch Föderaler Sicherheitsdienst, wie er sich nennt, mittlerweile sogar Befugnisse, im Ausland tätig zu werden. Ich hätte es mir beinahe denken können. Es ist also immer noch so, dass kein westlicher Wissenschaftler sich in der Russischen Föderation bewegen kann, ohne observiert zu werden.«
»Woher weißt du das? Kolja hat mir tatsächlich gestanden, dass er unsere Arbeit überwachen soll. So wie es scheint, hat man Professor Ro-dius nur engagiert, um die Meteoritentheorie vor internationalem Publikum zu untermauern. In Wahrheit geht es wohl um etwas anderes.«
Theisen setzte eine spöttische Miene auf. »Ich kann mir denken, um was es den Russen geht. Sie brauchen den Meteor, damit sie das neue Abwehrsystem problemlos an den bestehenden Abrüstungsverträgen mit den USA vorbeimanövrieren können. Dass man damit auch mühelos einer nuklearen Bedrohung entgegenwirken kann, wird somit unter den Tisch gekehrt. Star Wars lässt grüßen.« Er schnitt eine verächtliche Grimasse und schüttelte den Kopf. »Und dein neuer Freund? Dieser sibirische Tarzan. Was hat er mit der Sache zu tun?«
»Im Grunde genommen nichts. Allem Anschein nach ist er ein netter Kerl. Ich wollte nicht, dass er in Schwierigkeiten gerät, weil Bash-tiri und Lebenov denken, dass er für den Tod des Soldaten verantwortlich ist.«
Theisen lächelte matt, offenbar unschlüssig, wie er all diese neuen Erkenntnisse einordnen sollte.
»Hättest du Kolja nicht sagen können, dass dein Lebensretter noch unten im Bunker sitzt? Zumal er als Mann der Regierung nicht auf Bashtiris Seite zu stehen scheint.«
»Um Himmels willen! Leonid ist desertiert. Er war als Offizier im Tschetschenienkrieg. Alle denken, er sei tot. Das war auch der Grund, warum er sich im Camp nicht blicken lassen konnte, nachdem er mich gerettet hatte. Wenn irgendjemand von offizieller Seite erfährt, dass er noch lebt, könnte das einen ziemlichen Ärger für ihn und seine Familie bedeuten.«
»Und wenn du ihn da unten sitzen lässt, geht er drauf. Habe ich recht?«
»Du bist ein schlaues Kerlchen.« Viktoria seufzte genervt.
»Und was springt für mich dabei heraus?«
»Sven, hast du immer noch nicht begriffen? Wir haben da etwas gefunden, das Licht in all unsere Rätsel bringen könnte! Da waren jede Menge merkwürdige Apparaturen. Vielleicht ist deine Außerirdischentheorie ja gar nicht so falsch?« Viktoria wusste, dass sie Theisen mit solchen Vermutungen locken konnte. Obwohl er wie sie Geophysik studiert hatte, war ihm die Theorie über einen Meteor, der vor einhundert Jahren die Erde gestreift haben sollte, viel zu profan, um bei ihm Begeisterung auszulösen. Insgeheim hatte er schon bei der Abreise aus Deutschland auf eine Sensation gehofft, irgendetwas, das ihn aus seinem wissenschaftlichen Alltag herausreißen würde. Schließlich hatte noch im Sommer 2004 eine russische Expedition stattgefunden, die allen Ernstes behauptete, entlang der steinigen Tunguska Teile eines abgestürzten außerirdischen Raumschiffes gefunden zu haben. Angeblich wurde der Fund in einem Labor in Krasnojarsk untersucht. Doch dann war die Meldung irgendwo versickert.
Theisen warf einen argwöhnischen Blick in die Umgebung. Während die Mittagssonne glitzernd auf der glatten Oberfläche des Sees ruhte, war im Camp eine hektische Betriebsamkeit zu verzeichnen. Lebenov hatte die verbliebenen Wachleute angewiesen, doppelt Streife zu laufen. Unter den momentanen Umständen war an eine vernünftige Forschungsarbeit überhaupt nicht mehr zu denken. Viktoria war sich darüber im Klaren, dass sie von ihrer außerplanmäßigen Exkursion spätestens am Nachmittag zurück sein mussten. Und bis dahin benötigten sie in Absprache mit Rodius eine vernünftige Ausrede, um sich unbehelligt vom Lager entfernen zu können.
Doch plötzlich baute sich ein großer, finster drein blickender Bursche vor ihr auf: Fjodor, einer von Bashtiris Bodyguards. Mit seinem schwarzen Kampfanzug, einer besonders dunklen Sonnenbrille und dem kurz geschorenen Schädel machte er dem Klischee seiner Berufsgruppe alle Ehre.