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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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»Vielleicht mehr, als du meinst.« Isana zerrte an ihrer Halskette, als wolle sie sie abreißen. »Dies ist das Symbol der Heiler. Meine Tante hat es getragen - und du und ich auch. Heiler tötet man nicht, so verlangen es die alten Regeln.«

»Und du meinst tatsächlich, deshalb wäre ich noch am Leben?«

Isana zuckte mit den Achseln. »Könnte doch sein, oder? Sonst hätten sie dich doch sicherlich schon geholt und so lange in den See getaucht, bis dir die Augen aus dem Kopf quellen und nur noch ein paar letzte Luftblasen aufsteigen - so haben sich das jedenfalls Taru und ein paar andere Hitzköpfe immer wieder ausgemalt.«

»Vielleicht hast du ja recht und das ist tatsächlich der Grund, warum sie mich bislang verschont haben«, gab Arri zu. »Und trotzdem: Ich wäre froh, sie hätten mich schon längst zum See gebracht. Dann wär ich jetzt wenigstens bei Dragosz.«

»So etwas darfst du nicht einmal denken!« Isana ließ ihre Kette mit einem Ruck los. »Schließlich hast du doch einen Sohn!«

»Ja. Ich habe einen Sohn. Oder vielleicht doch nicht?« Arri zerrte ärgerlich an ihren Fesseln. »Siehst du ihn hier vielleicht irgendwo? Darf ich ihn denn stillen? Weiß ich überhaupt, ob er noch am Leben ist!«

»Natürlich ist er am Leben!« In Isanas Augen blitzte blanker Zorn auf. »Ich habe ihn noch heute Morgen gesehen!«

»Das hätte ich auch gerne«, sagte Arri bitter.

»Ja, natürlich.« Isana schüttelte wild den Kopf. »Aber glaube bloß nicht, dass sie dich noch einmal zu ihm lassen!«

Isana hatte das schnell und unbedacht hervorgestoßen, doch ihre Worte trafen Arri wie Axthiebe. Als man ihr das Bündel Leben nach der Geburt in den Arm gelegt hatte, waren alle vorangegangen Schmerzen und Entbehrungen vergessen gewesen. Ein Traum vollkommener Glückseligkeit, neben dem alles andere zur Bedeutungslosigkeit versank, das war der Augenblick gewesen, als Dragosz zu ihr in die Hütte gestürmt war, die er während der Geburt nicht hatte betreten dürfen.

»Es ist ein Junge«, hatte er dann begeistert ausgestoßen. »Es ist ein Junge, Arri! Kyrill wird einst meine Nachfolge antreten!«

Erst da hatte sie erfahren, welchen Namen Dragosz und die Ältesten für den Fall gewählt hatten, dass sie einen gesunden Jungen zur Welt brächte. Aber das war ihr gleich. Frauen gebaren Kinder, Männer bestimmten über ihr Schicksal, so war es bei den Rakern Brauch.

Für sie zählte dagegen in diesem wunderbaren Augenblick nur, dass die Geburt gelungen war. Gesund, kräftig und voller Lebensmut, das war Kyrill, und das hatte sie schon gewusst, als der kleine Kerl sie zum ersten Mal angesehen hatte und sich mit wildem Strampeln das hatte holen wollen, was sie ihm von da an in verschwenderischem Maße hatte zukommen lassen: Zuwendung.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Isana, die Arris Erstarrung wohl richtig deutete, »Abdurezak wird den kleinen Mann mit Sicherheit wie seinen Augapfel hüten. Schließlich ist er der künftige Herrscher der Raker!«

Gerade platschte ein besonders dicker Tropfen von der schadhaften Stelle im Dach auf Arris Wange und rann langsam wie eine salzige Träne ihre Wange und ihren Hals hinab. »Ja, natürlich«, sagte sie voller Gram. »Ein Säugling macht sich ganz besonders gut als Herrscher. Noch dazu einer, dessen Mutter eine Drude ist, die das halbe Dorf vergiftet hat.«

»Na, das wäre mir aber aufgefallen, wenn du eine Drude wärst, die doch nichts anderes im Sinn hat, als Menschen zu verderben ...« Isana schüttelte den Kopf. »Nein, es ist etwas ganz anderes, das mir Sorgen macht.«

»Du machst dir Sorgen? Aber warum denn?« Arri verlagerte das Gewicht, soweit es die verfluchte Fußfessel zuließ. »Du bist doch jetzt die Heilerin ...«

»Darauf lege ich keinen Wert!«, unterbrach sie Isana ungeduldig. »Ich habe noch so viel zu lernen! Ich kann dich doch gar nicht ersetzen!«

»Aber du bist die Tochter deiner Mutter«, erinnerte sie Arri. »Und die Schwester deiner Mutter war eine große Heilerin, die dich von klein an in ihre Geheimnisse eingeweiht hat.«

»Ja«, murmelte Isana fast unhörbar. »Das war sie. Und das hat sie getan.« Sie schüttelte sich, wieder ganz das Kind, das nicht erwachsen werden wollte. »Aber das ist nicht das, was ich meine. Du weißt, was ich von Taru halte.«

»Ja«, antwortete Arri. »Nämlich nichts.«

Isana sah hoch, und Arri entdeckte die tiefe Traurigkeit in ihren Augen. »Nein, ich halte sogar eine ganze Menge von ihm. Taru ist stark, ein wahrer Krieger. Aber er ist auch noch ein richtiger Kindskopf. Das ist gefährlich.«

»Das klingt ...«

»Etwas merkwürdig aus meinem Mund, weil auch ich dir noch wie ein Kind vorkomme?« Isana schüttelte den Kopf. »Nein, das bin ich nicht mehr. Und selbst wenn, dann würde das keine Rolle spielen. Taru ist ganz anders als ich. Er kennt keine Grenzen. Er glaubt schon jetzt, alles erreichen zu können. Schlimmer noch: Er will Dragosz’ Nachfolge antreten, und das sofort - koste es, was es wolle.«

Arri sah sie an, und sie begriff nicht - aber auch nur, weil sie es nicht begreifen wollte. In Wirklichkeit kroch ihr ein Grauen den Rücken hinauf, das nicht ganz unerwartet kam. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie es tief in ihrem Herzen schon immer gewusst hatte. Taru betrachtete sich seit Kindesbeinen als Dragosz’ Nachfolger, und er hatte mehr als nur einmal auf ziemlich hässliche Weise seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, dass - auch wenn Arri eine Tochter gebar - sein Erbrecht damit dennoch erhalten bliebe.

»Dem jüngsten Bruder steht die Herrschaft über die Raker zu«, fuhr Isana fort, und plötzlich lag eine Härte in ihrer Stimme, wie Arri sie noch nie zuvor an ihr vernommen hatte. »Jedem Bruder, auf den das zutrifft. Auch dem Sohn einer Heilerin, die als Giftmischerin verurteilt wird.«

Arri starrte sie wortlos an. »Ich weiß, was du meinst«, begann sie schließlich. »Taru will sichergehen, dass ihm niemand Dragosz’ Nachfolge streitig machen kann.«

»Ja, ich meine, dass er seinem verhassten Halbbruder etwas antun wird, nur damit dieser ihm später nicht seine Pläne durchkreuzen kann!« Isana nickte grimmig. »So etwas soll früher auch schon mal vorgekommen sein, wenn man den alten Geschichten glaubt, die Abdurezak am Feuer der Alten erzählt. Und er hasst dich aus tiefstem Herzen, Arri. Was meinst du wohl, welche Gefühle er deinem Sohn entgegenbringt?«

Arri schüttelte den Kopf. »Du kannst mir glauben, dass ich schon mehr als einmal darüber nachgedacht habe. Aber so ohne Weiteres wird das Taru nicht möglich sein. Das würden ihm Abdurezak und der Ältestenrat niemals durchgehen lassen.«

»Ihm vielleicht nicht«, gab Isana zu. »Aber was ist, wenn Kyrill einen Unfall hat? Wenn ihn jemand fallen lässt, vielleicht sogar direkt ins Wasser, vielleicht auch auf harten Boden? Oder wenn ihm jemand wie dieser Idiot Rar - ganz aus Versehen - so lange etwas auf seinen Kopf fallen lässt, bis er tot ist?«

Arri öffnete den Mund, um Isanas Einwand als pure Phantasie abzuweisen, aber dann schloss sie ihn wieder. Das Schlimme war ja, dass dieses zarte Mädchen mit den zornig blitzenden Augen vollkommen recht hatte. Sie hatte ja selbst von den alten Geschichten gehört, die der Schamane in der langen Tradition der Raker an sein Volk weitergab, manchmal an einem lauen Sommerabend, aber meist, wenn sie sich in der Kälte des Winters um die wenigen Feuer scharten, die ihnen dann Wärme spendeten.

Es waren Geschichten, die das Leben um die Erbfolge gesponnen hatte, Geschichten von starken Kriegern, die Brüder waren und sich doch hassten, weil sie einander die Rolle des alleinigen Herrschers nicht zubilligten. Geschichten wie die von Dragosz, einem Herrscher also, der unerwartet früh von den Göttern abgerufen worden war, und einem mehr oder weniger offenen Kampf, der daraufhin unter seinen männlichen Nachkommen entbrannt war.

»Das Erbrecht ...«, begann Arri.

»Ist eindeutig, ich weiß«, Isana nickte heftig. »Aber denk an den Streit zwischen Ragok und Dragosz, der unser Volk entzweit hat ...«

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