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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Mit einem Lächeln erzählte er, daß der Jude, der vorgab, ein Alter Christ zu sein, schon bald verhaftet würde.

Eine schlaflose Nacht und den ganzen nächsten Tag lang plagten Jona die schlimmsten Befürchtungen. Er war bereit zu fliehen, um sein Leben zu retten, anderereits kannte er Bonestrucas Denkweise inzwischen gut genug, um zu vermuten, daß diese Erwähnung eines falschen Alten Christen vielleicht nichts anderes war als eine Falle. Angenommen, Bonestruca wollte nur sehen, ob der Arzt den Köder schluckte und sich aus dem Staub machte? Wenn der Inquisitor nichts anderes hatte als einen Verdacht, wäre Jona gut damit beraten, sein Leben wie gewohnt weiterzuführen.

An diesem Morgen hielt er seine alltägliche Sprechstunde im

Behandlungszimmer ab. Am Nachmittag besuchte er Patienten. Er war eben nach Hause zurückgekehrt und sattelte das Pferd ab, als zwei Soldaten des alguacil den Weg zum Haus entlanggeritten kamen.

Er hatte so etwas erwartet und war bewaffnet. Warum sollte er sich jenen ergeben, die ihn vor die Inquisition bringen wollten? Wenn sie versuchten, ihn zu verhaften, konnte er sich mit seinem Schwert vielleicht gegen sie verteidigen, und falls er dabei umkam, war das immer noch besser als der Tod in den Flammen.

Aber einer der Reiter beugte sich respektvoll zu ihm hinab.

»Senor Callico, der alguacil bittet Euch, uns unverzüglich zum Gefängnis von Saragossa zu begleiten, denn dort werden Eure Fähigkeiten als Arzt benötigt.«

»Inwiefern?« fragte Jona, alles andere als überzeugt.

»Ein Jude hat versucht, sich seinen Pimmel abzuschneiden«, erwiderte der Soldat unverblümt, und sein Begleiter kicherte.

»Wie heißt der Jude?«

»Bartolome.«

Es war ein Schlag, der Jona fast körperlich traf. Er erinnerte sich an das wunderschöne Haus, an den aristokratischen Mann, mit dem er sich in dem prächtigen Arbeitszimmer voller Karten und Skizzen so geistreich unterhalten hatte.»Don Berenguer Bartolome? Der Kartograph?«

Der Soldat zuckte die Achseln, doch sein Begleiter nickte und spuckte aus.

»Genau der«, sagte er.

Im Gefängnis saß hinter einem Tisch ein Priester in schwarzer Soutane, der wahrscheinlich die Aufgabe hatte, die Namen all derer zu notieren, die Gefangene besuchen wollten.

»Wir haben den Arzt gebracht«, sagte der Soldat.

Der Priester nickte. »Don Berenguer hat seinen Wasserbecher zerbrochen und sich mit einer Scherbe selbst beschnitten«, er-klärte er Jona und bedeutete der Wache, die äußere Tür zu öffnen. Der Soldat führte Jona einen Gang entlang zu einer Zelle, in der Berenguer auf dem Boden lag. Er schloß die Tür auf, ließ Jona eintreten und verschloß sie dann wieder.

»Wenn Ihr fertig seid, ruft nach mir, und ich lasse Euch wieder heraus«, sagte er und ging davon.

Berenguers Hose war steif vor Blut. Ein Ehrenmann und ein Abkömmling von Ehrenmännern, dachte Jona, ein geachteter Bürger, dessen Großvater die Küste Spaniens kartographiert hatte. Nach Blut und Urin stinkend, lag er auf dem Zellenboden.

»Es tut mir leid, Don Berenguer.«

Berenguer nickte. Er stöhnte, als Jona ihm die Hose öffnete und auszog.

Jona hatte immer eine Flasche mit starkem Schnaps in seiner Arzttasche. Berenguer nahm sie gierig an und trank unaufgefordert in großen Schlucken.

Der Penis sah entsetzlich aus. Jona erkannte, daß Berenguer einen Großteil der Vorhaut abgeschnitten hatte, Reste waren jedoch noch vorhanden, und die Schnittränder waren stark ausgefranst. Er wunderte sich, daß Berenguer es mit nichts als einer Scherbe überhaupt geschafft hatte. Er wußte, daß die Schmerzen sehr schlimm sein mußten, und es tat ihm leid, ihm noch mehr zuzufügen, holte aber dennoch ein Skalpell aus der Tasche, stutzte die ausgefransten Ränder zurecht und beendete die Beschneidung. Der Mann auf dem Boden stöhnte und trank gierig den letzten Schluck aus der Flasche.

Danach lag er schwer atmend am Boden, während Jona eine lindernde Salbe auftrug und einen lockeren Verband anlegte.

»Zieht die Hose nicht wieder an. Wenn Euch kalt ist, deckt Euch zu, haltet aber die Decke mit den Händen von Euch entfernt.«

Die beiden sahen sich an.

»Warum habt Ihr das getan? Was bringt es Euch?«

»Das würdet Ihr nicht verstehen«, sagte Don Berenguer.

Jona seufzte und nickte. »Ich komme morgen wieder, wenn man es mir erlaubt. Habt Ihr irgendeinen Wunsch?«

»...Wenn Ihr meiner Mutter ein wenig Obst bringen könntet... «

Jona war entsetzt. »Dona Sancha Berga ist hier?«

Berenguer nickte. »Wir alle. Meine Mutter. Meine Schwester Monica und ihr Gatte Andres, und mein Bruder Geraldo.«

»Ich werde tun, was ich kann«, erwiderte Jona betroffen und rief die Wache, damit sie ihm die Zelle aufsperre.

In der Eingangshalle, bevor Jona sich nach dem Zustand der anderen Mitglieder der Familie Berenguer erkundigen konnte, fragte ihn der Priester, ob er auch nach Dona Sancha sehen könne. »Sie braucht dringend einen Arzt«, sagte der Priester. Er schien ein anständiger junger Mann zu sein, der sich Sorgen machte.

Als Jona zu Dona Sancha gebracht wurde, sah er die schöne alte Frau auf ihrem Lager liegen wie eine geknickte Blume. Sie starrte ihn blicklos an, und er erkannte, daß ihre catarata gereift waren, beinahe so weit fortgeschritten, daß eine Operation angebracht wäre, aber Jona wußte, daß er den Star in diesen Augen nie stechen würde.

»Hier ist Callico, der Arzt, Senora«, sagte er sanft.

»... Ich bin... verletzt, Senor.«

»Wie seid Ihr zu diesen Verletzungen gekommen, Senora?«

»...Man hat mich auf das Streckbett gespannt.«

Er sah, daß die Folter ihr die rechte Schulter ausgekugelt hatte, und er mußte zwei Wachen zu Hilfe rufen, um sie ihr wieder einzurenken. Während der Prozedur schrie sie leise, und danach konnte sie nicht aufhören zu weinen.

»Senora. Ist die Schulter jetzt nicht besser?«

»Ich habe meine schönen Kinder ins Verderben gestürzt«, flüsterte sie.

»Wie geht es ihr?« fragte der Priester.

»Sie ist alt, ihre Knochen sind weich und spröde. Ich bin mir sicher, daß sie vielfache Brüche hat. Ich glaube, sie stirbt«, erwiderte Jona. Voller Verzweiflung ritt er vom Gefängnis nach Hause.

Als er am nächsten Tag mit Rosinen, Datteln und Feigen zurückkehrte, mußte er feststellen, daß Don Berenguer noch immer an starken Schmerzen litt.

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