Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
— Und der Sack, was war mit dem Sack?
— Es war ein Jutesack, wie sie ihn verwenden für Reis oder Gewürze, ein Jutesack aus Sansibar, auf dem ein Name geschrieben stand, der Name eines der größten Händler dieser Stadt, ihr kennt ihn alle, es war der Name des Banyan, der mich als Junge auf dem Sklavenmarkt für einige Münzen erworben hatte.
— Du bist an diesem Tag von Dschinns überwältigt worden, Baba Sidi. Deine Gebete in der Zeit danach haben deinen Verstand wieder befreit.
— Ich habe danach nie mehr wieder gebetet, nicht so, wie du das Gebet verstehst.
— Wie es vorgeschrieben ist!
— Mir nicht, das habe ich erkannt, als der Mganga die Hörner in meine Richtung schüttelte. Ich unterwerfe mich Gott, ja, aber die fünf Gebete, sie sind nicht mir vorgeschrieben worden. Vielleicht dir, Baba Quddus, vielleicht den Arabern, aber nicht mir. Ich habe Vorfahren, und sie heißen nicht Mohammed und nicht Abu Bakr und nicht einmal Bilal, ich habe andere Vorfahren, nur weiß ich nicht, wie sie heißen. Der rechte Glaube, er kann mir die Namen meiner Vorfahren nicht nennen. Er ist machtlos. Der rechte Glaube, er verspricht mir ein besseres Morgen, aber ich will den Weg ins Gestern finden. Der rechte Glaube, er behauptet, es gebe nur eine Richtung, die Richtung gegen Mekka, weil es nur einen Mittelpunkt gebe, den Allmächtigen, aber in den Augen des Mganga habe ich eine andere Richtung gesehen, viele andere Richtungen, und du hast recht, mein Verstand war vielleicht benommen, mein Herz aber war befreit.
— Wenn das Herz weint, weil es etwas verloren hat, lacht der Geist, weil er es gefunden hat. Ein altes arabisches Sprichwort.
— Deswegen, Bruder, deswegen scheust du selbst am Freitag die Gemeinschaft des Gebetes. Du hast es uns noch nie so deutlich erklärt.
— Heute abend muß ich euch einiges sagen, was ich bislang verschwiegen habe, weil es wichtig ist, wenn auch traurig und ernst.
— Sei mir nicht böse, Baba Sidi, ich werde weiterhin für dich beten. Gott soll entscheiden, was wir nicht klären können.
— Betet im stillen, soviel ihr wollt. Aber in den Senken zwischen den Gebeten herrscht die Neugier, und ich möchte wissen, wie die Geschichte weitergeht. Die Wazungu, waren sie beeindruckt von der Kraft des Mganga?
— Bwana Burton schmunzelte, er war zufrieden, er war mit sich selbst zufrieden. Er schlug mir auf die Schulter, ein schrecklicher Brauch der Wazungu, und er sagte: Ein Präsent zur rechten Zeit bringt den Reisenden sehr weit. Ich versuchte ihm zu erklären, was keiner Erklärung bedurfte. Ein so heiliger Mann lasse sich nicht durch eine Mütze, und sei sie noch so schön in Surat gewoben worden, beeinflussen. Der Mganga, sagte ich geduldig, wie zu einem Kind, war vom Geist besessen, das konnte jeder sehen. Um so besser, sagte Bwana Burton mit einem fetten Grinsen, das ich gerne geschlachtet hätte, dann hat unser Geschenk den Geist bestochen. Die Geister lassen sich nicht bestechen, sagte ich, und er erwiderte: Wenn sie ansprechbar sind, dann kann man sie auch korrumpieren. Er hatte unrecht, Bwana Burton, ich war mir sicher, er hatte unrecht, aber ich konnte es ihm nicht beweisen. Aus Scham, denn ich hatte die Mütze dem Mganga überhaupt nicht angeboten, ich wollte ihn nicht beleidigen. Und außerdem saß sie so gut auf meinem Kopf.
— Dieser Mann fürchtete sich also nicht vor Geistern.
— Nein. Aber er hatte Verwendung für sie. Nach diesem Abend begann er jedem, der sich ihm widersetzte, mit Dawa zu drohen. In seiner Sprache gibt es einen merkwürdigen Namen für Dawa, sie nennen es das schwarze Handwerk. Er wäre, glaube ich, gerne ein Meister dieses schwarzen Handwerks gewesen. Du hast dich lustig gemacht über den Mganga, aber du glaubst ernsthaft an die Macht von Dawa? Und er antwortete mir in einer Sprache, die in seinem Land die Sprache des schwarzen Handwerks ist: Ignoramus et ignorabimus, sagte er, und es klang so gut in meinen Ohren, ich vertrieb mir den nächsten Tag damit, meine Schritte in dieser Zauberformel zu wiegen: Igno-ramus-et’igno-rabimus.
— Was bedeutet das?
— Ich weiß es nicht, ich habe die Bedeutung vergessen.
Hongo. Immer. Überall. Kaum sind sie angekommen, wird es schon eingefordert. Fast ein Bestandteil der Begrüßung. Welch ein Empfang! Zahlt Hongo, sonst lassen wir euch nicht durch. An jedem Halt. Primitive Häuptlinge, die sich das Vorrecht von Fürsten anmaßen. Hongo! Der Bastard aller Zölle dieser Welt. Ihr müßt zahlen. Für nichts und wieder nichts. An diese Zwergtyrannen des Busches. An eine schier endlose Zahl von Gierhälsen. In jedem Dorf gibt es einen Vorsteher, der heißt Phazi. Oder so ähnlich. Die Titel ändern sich, je weiter sie ins Inland dringen. Nicht aber die Unersättlichkeit. Während er ihnen das Gastgeschenk überreicht, stieren sie schon danach, ob er nicht noch mehr im Gepäck hat. Die Vorsteher haben Berater. Mwene Goha, das ist der oberste Kammerherr, was für eine absurde Bezeichnung, Hüttenherr würde besser passen, oder Lehmherr, er ist die rechte Hand des Häuptlings, sein oberster Vielfraß. Unter ihm walten drei Ränge von Ältesten, ein Senat unter Schirmakazie. Ihnen unter die Augen zu treten bedeutet, zu weiteren Geschenken aufgefordert zu werden. Für die sichere Durchreise. Hongo verkleidet sich mal als Bitte, mal als Drohung. Fremde, kann der Gruß lauten, was für ein schönes Ding habt ihr uns von der Küste mitgebracht? Und wenn das schöne Ding durch alle Hände gewandert ist, heißt es: Wir sind uns noch immer fremd, aber der Schmerz über die Fremdheit ist gelindert. Das ist Erpressung, schimpft Burton. Doch niemand übersetzt seine Worte. Seine Geschenke sind prächtig. Mal vierzig Stoffbahnen, mal hundert Halsketten aus Korallenperlen, aber sie reichen nicht aus, denn sie müssen mit dem ersten und dem zweiten und dem dritten Rang geteilt werden, und die Vorsteher — einer von ihnen hat an seinem imperialen Titel Vorsteher Großer Mann Des Vorrangs so schwer zu tragen, daß er sich seinem Volke niemals nüchtern zeigt — haben ein ganzes Dorf mit Frauen und Kindern zu ernähren. So betrachtet erscheinen die Geschenke fast bescheiden, eine kleine Geste des abhängigen Gastes. Wie wollen diese Kreaturen vorankommen, tobt Burton, wenn sie die ersten Besucher, die ihr Land in friedlicher Absicht bereisen, ausnehmen. Es muß doch in ihrem Interesse sein, den Handel zu fördern, und es ist mit Sicherheit nicht der richtige Weg, das ganze Land zu hongoisieren. Burton muß sich Sorgen machen. Sie sind noch weit von Kazeh entfernt, doch die Vorräte neigen sich schon dem Ende zu. Sie müssen es nur bis nach Kazeh schaffen. Von dort aus wird er Nachschub von der Küste ordern können. Er hätte tausend Träger mitnehmen müssen, um die Erwartungen an seine Großzügigkeit zu befriedigen. Es ist widerwärtig, diesen Parasiten so viel in den Rachen schieben zu müssen. Sie knechten ihre eigene Bevölkerung. Wenn es um ihre Finanzen schlecht bestellt ist, organisieren sie Überfälle auf benachbarte Völker, entführen deren Kinder und deren Frauen und verkaufen diese an die nächste Sklavenkarawane — der Preis wird als Mehrwert auf die Hongo-Steuer geschlagen. Ihre eigenen Untertanen dürfen sie nur bei Ehebruch als Sklaven verkaufen oder bei Schwarzer Magie, je nach Schwere des Vergehens. Der Mganga allein entscheidet über Schuld oder Unschuld, meist durch eine Probe mit kochendem Wasser. Wenn die eingetauchte Hand Wunden aufweist, ist das Verbrechen bewiesen. Entlarvte Hexen werden umgehend verbrannt. Mehrmals sind sie an Aschehäuflein vorbeigekommen, geschwärzte Menschenknochen und einige Stücke halbverglühter Holzkohle. Auch das ist Hongo, bezahlt von den Unglücklichen, die in diesen unseligen Breiten leben müssen. Weiter. Sie müssen alles Hongo überstehen, um Kazeh zu erreichen.