Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
SIDI MUBARAK BOMBAY
Nichts war Bwana Speke wichtiger als seine Gewehre. Jeden Abend säuberte er sie, fettete sie ein, er behandelte sie liebevoller als die Lasttiere. Am Tage gab er das Gewehr nie aus der Hand, er hielt immer nur nach dem einen Ausschau. Während manche von uns auf den Weg achteten, auf den Himmel, auf die Frauen am Wegrand oder auf die Wurzeln über dem Boden, spähte Bwana Speke nur nach Tieren. Plötzlich hörten wir einen Schuß, und wenn wir uns schnell genug umdrehten, sahen wir einen Vogel vom Himmel fallen oder eine Antilope durch den Busch brechen. Es geschah einige Male am Tage und wir gewöhnten uns daran, es war wie selbstverständlich. Bwana Speke bereitete sich nicht vor, er pirschte sich nicht heran, er entfernte sich höchstens wenn nötig einige Schritte vom Pfad und schoß. Und er traf immer. Vereinzelte Beute zuerst, bis wir in das Land der vielen, vielen Tiere kamen, wir durchquerten dieses Land, wir durchliefen es, und wir ließen ein Land der vielen toten Tiere hinter uns.
— Wie das?
— Du willst ein Rätsel mit uns teilen?
— Kein Rätsel, meine Freunde, oder vielleicht doch ein Rätsel, ein Rätsel über das, was der Mensch ist, und das, was der Mensch tut.
— Das Rätsel wird schwieriger.
— Meine Brüder, die meisten von euch wissen nichts über das Jagen. Ihr habt Sansibar nicht verlassen, und in Sansibar streifen die wilden Tiere durch die Luft. Ihr seid Meister des Fischens, aber Fischen ist nicht Jagen. Wenn die Zanzibari etwas jagen, dann die Affen von ihren Feldern. Meine Vorfahren, sie waren Meister der Jagd, sie haben gejagt mit Geduld, denn der Wald gibt nur dem geduldigen Jäger, und mit Waffen, die nicht schärfer waren als die Zähne der wilden Tiere. Sie waren andächtig, bevor sie auf die Jagd gingen, und sie waren andächtig, nachdem sie von der Jagd zurückgekommen waren. Wenn sie eine große Antilope erlegen konnten, war das Fest in unserem Dorf groß. Solche Jäger waren meine Vorfahren, und die Brüder, die ich in meinem ersten Leben hatte, sie sind bis zum heutigen Tag solche Jäger, dessen bin ich mir sicher.
— Bestimmt, Baba Sidi, bestimmt. Was hast du vor? Willst du uns Graubärtige noch zu Jägern erziehen?
— Ich bin ganz froh, nichts über die Jagd wissen zu müssen. Kennt ihr die Geschichte, wie der Hodja zur Löwenjagd geschickt wird, und als er zurückkehrt, strahlt er, also fragen sie ihn, wie viele Löwen hast du getötet, und er antwortet: keinen einzigen. Wie vielen bist du nachgejagt, fragen sie weiter, und er antwortet: keinem einzigen. Wie viele hast du gesehen, setzen sie nach, und er antwortet: keinen einzigen. Wieso bist du dann so fröhlich, fragen sie, und er antwortet: Wenn du auf Löwenjagd gehst, ist kein einziger mehr als genug.
— Oh, Baba Ibrahim, oh oh, das ist gut, ich hatte diese Geschichte vergessen, sie ist wunderbar.
— Hört mir zu, und laßt den Hodja mal Hodja sein. Als wir die Savanne erreichten, wo sich die Herden über die Ebene erstreckten wie ein Teppich, hätte ich fast meine Zunge verschluckt. Bwana Speke forderte mich auf, ihn zu begleiten, und wir trotteten über die Ebene, bis er einen geeigneten Platz ausfindig gemacht hatte, eine Kopje zum Beispiel, oder einen breiten Baobab. Er legte an, er begann zu schießen, bis mir die Ohren wund wurden, und wer es sich ansehen konnte, der sah, wie die Tiere umfielen, ein Tier nach dem anderen, wie Ballen, die weggeworfen werden. Nach dem ersten Schuß versuchten die Tiere zu entkommen, sie schnaubten voll Schrecken, sie waren weit weg, aber ich spürte Angst durch ihre Nüstern tosen, sie wußten nicht immer, wohin sie fliehen sollten, und die Herden waren so groß, Bwana Speke hatte Zeit für viele weitere Schüsse. Die Tiere, die getroffen wurden, die Tiere, die umfielen, ich zählte sie zu Dutzenden, ich konnte die Tiere nicht mehr sehen, der Staub, den ihre Hufe aufwirbelten, schluckte sie, und es gab nur noch eine Masse Leben und eine Masse Tod und einen wilden Wirbel dazwischen.
— Sieh die Stuten, wie sie rasen,
ihre Hufe Funken schlagen,
wie sie früh am Morgen stürmen,
und im Staubessprühen brechen
durch des Gegners Reihen!
— Und es geht weiter, Baba Quddus, wie glorreich es weitergeht, jedes Wort trifft, so genau wie die Schüsse von Bwana Speke:
Wahrlich, voller Undank ist der Mensch,
wahrlich, hierfür ist er selbst sich Zeuge,
wahrlich, was ihn antreibt, ist nur Gier.
— Im Namen Gottes.
— Solange Bwana Speke einen Schuß abfeuern konnte, der die Aussicht auf Tod in sich trug, schoß er. Er war wie ein aufgeregtes Kind, und manchmal trieb ihn die Aufregung hinter den Herden her, er lief mit langen, starken Schritten und schoß in die fliehenden Herden hinein. Er konnte nicht auf ein bestimmtes Tier zielen, das war unmöglich, er zielte nur dorthin, wo seine Kugeln Blut finden konnten. Sein Gesicht glänzte dabei, es war wie das Gesicht von Baba Burhan zu Bakri Id, es war voller Glück, es war voller Rausch.
— Und du?
— Ich mußte ihm die Gewehre reichen, ich mußte sie tragen, ich mußte auf sie aufpassen, es waren häßliche Tage, an denen er jagte.
— Was für Tiere schoß er, Großvater?
— Alles, alles, was sich bewegte. In dieser Hinsicht war er bescheiden. Sogar Krokodile und Nilpferde, das war besonders widerlich, denn wir mußten am Ufer warten, bis die Kadaver an die Wasseroberfläche stiegen.
— Wieso bleiben sie nicht unter Wasser?
— Weil sich in ihrem Magen fängt, was beim Furzen auch aus dir herausbricht, mein Lichtblick. Du mußt dir vorstellen, Tausende von Fürzen, die blähen das Nilpferd auf, bis es so prall und rund ist wie einer meiner besten Freunde.
— Ich weiß, wen du meinst, Großvater, ich weiß es genau.
— Gut, mein Liebling. Aber behalte es für dich.
— Wieso denn? Er weiß es doch auch.
— Ihr hattet jede Menge Fleisch zum Essen.
— Nein! Hört zu, ihr werdet jetzt ein neues Staunen kennenlernen. Bwana Speke zeigte kein Interesse an dem Fleisch. Nicht einmal an den Hörnern. Wir eilten weiter. Wir ließen die toten Tiere zurück, und ich weiß nicht, ob jemand sie gegessen hat, denn nicht immer waren Dörfer in der Nähe. Nur einmal, als er eine schwangere Antilope schoß, da befahl er, wir sollten sie aufschlitzen und die Leibesfrucht für ihn kochen.
— Nein!
— Wir weigerten uns, die Träger, die er zuerst aufforderte, sie weigerten sich, und dann richtete er seinen Befehl an mich, und ich weigerte mich auch, wie könnte ich so etwas tun, ich würde Geister in die Welt setzen, die mich peinigen würden, solange ich lebte. Er wurde wütend, er schlug mir ins Gesicht.
— Er hat dich geschlagen!
— Ich verlor einen meiner Vorderzähne, hier, dieses Loch, das hab ich Bwana Speke zu verdanken.
— Das hast du zugelassen?
— Was sollte ich tun? Er war der Herrscher der Karawane. Er beschimpfte uns auch, wir seien verrückt, weil wir an irgendwelche Dummheiten glauben.
— Und der andere Mzungu?
— Er hielt sich aus diesem Streit heraus. Seine Worte waren oft gewalttätig, aber er selbst? Ich sah ihn nie töten. Ich weiß nicht, was er über das Jagen von Bwana Speke dachte, aber einige Male lehnte er seinen Wunsch ab, wir sollten halten, weil die Gegend so einladend sei für eine Jagd. Bwana Speke war dann verärgert, doch er verbarg es vor Bwana Burton. Nur wenn wir beide alleine waren, dann schimpfte er, und obwohl ich fast nichts verstand, hörte ich die Wut in seiner Stimme. Je länger wir reisten, desto öfter waren sie sich uneinig. Ich glaube, Bwana Speke fiel es schwer, ein Untergebener zu sein. Die Karawane hatte zwei Kommandanten, so sah er es, zwei Anführer, die zugleich Rivalen waren. Ich hatte mich getäuscht, ich hatte geglaubt, die beiden wären Freunde, aber später, viel später, auf der zweiten Reise, als mein Englisch besser war und Bwana Speke offener mit mir redete, da begriff ich, auf dem ersten Teil der Reise stand er an der Schwelle zum Haß, sein Ehrgeiz zerfraß seine Gefühle der Dankbarkeit und der Verbundenheit, und als es zu dem Streit kam, der alles in Frage stellte, da schwappte sein Haß über und ertränkte alles andere. Noch vor dem Ende der Reise, noch bevor wir die rettende Küste wieder erreichten, sollte er mir vorwerfen, daß ich Bwana Burton geholfen hätte, ihn zu vergiften. So stark war sein Haß.