Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
SIDI MUBARAK BOMBAY
Es waren anstrengende Tage, meine Brüder, hinterhältige Tage, als wir die Wunden unserer heutigen Narben erhielten, Tage, die uns in noch qualvollere Nächte zogen. Die Luft stand, die Moskitos schwirrten, die Kälte befingerte uns mit rauhen Händen, ein Räuber, der sein Opfer immer wieder filzt. Es war, als wollte die Nacht uns all dessen berauben, was in uns war. Einmal trieben uns Heerscharen von schwarzen Ameisen aus den Zelten, sie bissen zwischen unsere Finger und zwischen unsere Zehen, sie bissen in jede weiche Stelle unserer Körper. Die Maulesel, die noch dünnhäutiger sind als Baba Ali, sie schrien und schrien, bis sie wahnsinnig wurden, und jeder von uns glaubte, der nächste Biß werde auch ihn in den Wahnsinn treiben. Der Jemadar, der ansonsten herumstolzierte, als sei er der kleine Bruder der Wazungu, schlich durch das Lager wie ein Vorfahre, der in Vergessenheit geraten war. Nicht nur er, alle waren kopflos, die Belutschen und die Träger. Es wurde geflüstert am Feuer, es wurde beraten, und die Lösung, die aus diesem Flüstern herauskroch, sie lautete: Flucht. Ich schwieg und wandte meine Ohren ab, denn ich wollte mich daran nicht beteiligen, und ich wollte Bwana Burton nicht anlügen. Als wir endlich Schlaf fanden, ein Schlaf, der so schmeckte wie kalter Tschai ohne Zucker, wußten wir, was uns erwartete: Der nächste Morgen würde aufgehen in neuer Verzweiflung, in neuer Einsamkeit.
— Einsam wie eine Witwe.
— Wie eine Witwe, deren zweiter Mann soeben gestorben ist, und die beschlossen hat, nie wieder zu heiraten.
— Baba Ilias, welche Erleuchtung ist in dich gefahren? Ein Bild von dir, das ich mir tatsächlich vorstellen kann.
— Es ist nicht von mir, es ist von einem Somali-Freund.
— Dann rufe bitte künftig die Weisheiten deiner Freunde herbei, anstatt dich auf deine eigenen zu verlassen.
— Wie ist das möglich, Baba Sidi? Habt ihr die ganze Zeit gelitten? Kenne ich dich so schlecht? Ich kann mir nicht vorstellen, du hättest nicht auch dein Vergnügen gehabt?
— Natürlich, du hast recht. Die Leiden des Tages und der Nacht, wir hätten sie nicht überstanden ohne die Freuden des Abends. Ich spreche nicht von dem Essen, oh nein, das Essen war am Anfang ausreichend, nicht mehr als ausreichend, und wer so viel läuft und so viel schleppt wie wir, der ißt viel und rümpft nicht die Nase über das, was in seinem Blechteller liegt, nein, ich denke an die Zeit nach dem Essen, als wir all das Glück nachholten, das uns unter der Sonne versagt geblieben war. Wir tanzten und wir sangen, und als wir merkten, wie gering Bwana Burton und Bwana Speke unsere Tänze und Gesänge schätzten, begannen wir, über sie zu spotten. Einer der Träger war ein Mann mit krummen Beinen, die er beim Tanzen in alle Richtungen schüttelte, wir lachten über seine ungelenke Gelenkigkeit und über seinen schiefen Gesang, der etwa so ging:
Ich bin der Frij, ich bin der Frij,
mein Bruder Spek, mein Bruder Spek,
ist hin und weg, ist hin und weg,
wir spenden ihm ’ne fette Kuh,
damit er findet seine Ruh’.
Und am Ende des Liedes riefen wir alle inbrünstig aus: Amiiiiiin! Als hätten wir ein Gebet vernommen, das alle Dschinns besiegt. Als er unseren Gesang hörte, und natürlich nicht verstand, dachte Bwana Speke wohl, es handele sich um ein Loblied zu seinen Ehren, denn er richtete sich vor seinem Zelt auf, kam zu uns ans Feuer und sang uns eines seiner Lieder, ein Lied, das sich auf den Schultern eines Trauernden aufrichtete, ein Lied, das gut zu einer Beerdigung gepaßt hätte. Aber er sang aus vollem Hals und aus vollem Herzen, und am Ende seines Liedes zeigten wir laut unsere Begeisterung, worauf er einige Tanzschritte vorführte, die er leider bald unterbrach, wahrscheinlich weil er unser Lachen hörte. Ja, meine Brüder, das hat uns Stärke gegeben, als wir erfahren durften, wie lächerlich die Wazungu sein können.
Sie dringen ein in den Regenwald. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Der Horizont, geschluckt. Der Pfad ist vergittert von Lianen, jede einzelne dick wie ein Tau. Die ausladenden Kronen haben sich zu einem dunkelgrünen Dach verflochten, gestützt von grauen Pfeilern, wie in einem heiligen Hain, zu dem nur die schattige Seite der Geräusche durchdringt. Die schwarze glitschige Erde unter dem dichten Gestrüpp schluckt jeden ihrer Schritte. An sumpfigen Stellen können sie sich nur auf Baumwurzeln verlassen. Die Grasbüschel sind so scharf wie frisch geschliffene Klingen, die Bäume von Epiphyten befallen, reptilienhaften Schmarotzern, die an den Wipfeln zu falschen Vogelnestern ausästen. Der Pfad wird von Kriechern und Kletterern erdrosselt. Wer den Weg tötet, murmeln die Träger, tötet auch den Wanderer. Und es stinkt, als läge hinter jedem Baum die Leiche eines Unglücklichen. Die Packen fallen von den Eseln, die Belutschen verfluchen das Unglück und überlassen das Aufladen den anderen. Wenn sie vom Himmel mehr sehen als Fetzen eines verschmutzten Leichentuches, ist er dicht und grau und niedrig, wie Rauch, der nicht abziehen kann. Die Luft überzieht ihre Haut mit einem Miasma, ein Schmutzfilm, der sich nicht abwaschen läßt, auch wenn sie Wasser fänden und sich eifrig abschrubben würden.
Sie wußten von Anfang an, es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Krankheiten einnisten würden. Aber sie hatten nicht vorhergesehen, daß die Malaria sie beide gleichzeitig überwältigen würde. Sie machen halt knapp hinter der Baumgrenze, wo sich erste Lichtungen zur Steppe ausdehnen. Burton liegt auf dem Boden, unfähig, sich zu bewegen, und er spürt im Inneren ein anderes, ein feindselig gesinntes Wesen, das seine Pläne durchkreuzen will. Irgendwann schreit er: Bevor ich weitermache, will ich wissen, um was es geht. Ihr könnt mich nicht zu diesem endlosen Kampf zwingen, ohne etwas in Aussicht zu stellen. Jene, die ihm antworten, ohne ihm eine richtige Antwort zu geben, die Köpfe, die aus Brüsten wachsen, die mit behaarten Zungen nach ihm lecken, runzlige Weiber, die ihn auspeitschen, und er schreit, sie hätten ihn verwechselt, und sie grinsen hämisch und krächzen ein Lied, das er nicht versteht, zuerst, dann erfaßt er Bruchstücke, die Wörter stürzen herab wie Schmetterlinge ohne Flügel, und er versucht, sie mit einem Netz einzufangen, das aus seinen Händen wächst, und wenn er alle flüchtigen Wörter eingefangen hat, muß er lange in das Netz starren, bis er sie zu einem Sinn zusammenstecken kann: Es gibt kein schöneres Entzücken, es gibt kein größeres Glück als das Krachen der Knochen, die wir brechen, von morgens früh bis spät am Tag. Er blickt auf, die Hexen nicken verzückt, du hast uns verstanden und jetzt gib uns deine Glieder. Wir werden Löcher in sie bohren, wir spucken in sie hinein, du bist so schön behaart, jedes Härchen werden wir dir ausreißen. Gib uns deine Glieder, wir versprechen dir vollendeten Schmerz.
Er wacht auf. Er hat das Gefühl, alles ausgeschwitzt zu haben, was er je getrunken hat. Seine Zunge ist wie eine Raupe, eingesponnen in Bitterkeit. Seine Beine gehorchen ihm nur widerwillig. Er streckt sie wieder aus. Er ruft nach Bombay, der ihm Wasser bringt. Er erkundigt sich nach Speke. Der sei schon aufgestanden.
Burton schleppt sich zum Zelteingang und blickt hinaus. Der Himmel ist verhangen. Er hat das Gefühl, als sei ihm eine gewaltige Schuld erlassen worden. Speke ist in der Nähe. Es ist tröstlich, ihn zu sehen. Er grüßt ihn. Die Wörter rinnen ihm zäh aus dem Mund. Spekes Gesicht ist so straff, als sei seine Haut zum Trocknen auf eine Trommel gespannt worden. Er kommt ans Zelt, beugt sich zu Burton hinab. Wir haben die erste Attacke zurückgeschlagen, sagt er. Dann streckt er seine Hand aus und berührt sanft Burtons Wange. Es wirkt ungelenk, aber es ist ein Zeichen der Verbundenheit. Burton schöpft Hoffnung. Ich werde mich ein wenig ausruhen, sagt er. Dann können wir weiter. Wir sehen uns. Und er kriecht in sein Zelt zurück.