Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Speke, mein verwirrendes Rätsel Speke, denkt er in der zerbrechlichen Stille, die dem Fieber folgt. Er darf ihn nicht ungerecht beurteilen, weil er so schwer einzuschätzen ist. Er hat sich bislang bewährt. Er erledigt seine Aufgaben zuverlässig; er beschwert sich nie über die Härten des Reisens — wenn es einen spartanischen und einen athenischen Grundtypus von Menschen gibt, dann ist Speke eindeutig der spartanischen Seite zuzurechnen. In sich gekehrt, ruhig und ausgeglichen. Er ist zwar selten gutgelaunt, aber auch nie mißmutig, nie verdrießlich. Gewiß, es gibt manches an ihm, was ihn ärgert. Von Anfang an hat ihn das grenzenlose Desinteresse gestört, das Speke seiner Umwelt gegenüber an den Tag legt. Alle Landschaften, die sie bislang durchschritten haben, fand er fad, die Menschen uninteressant — das einzige, was Leidenschaft in ihm weckt, sind die wilden Tiere, die er erlegen kann. Als könne er sich dem Leben nur nähern, indem er sich seiner bemächtigt.
Burton war vorgewarnt: Kurz nachdem sie sich kennenlernten, als Speke von einem Ausflug ins Landesinnere an die Küste Somalias zurückkehrte, trugen seine Träger so schwer, als sollten sie eine weitere Arche Noah beladen. Eine Reprise unter umgekehrten Vorzeichen, denn von jedem Tier gab es ein einziges prächtiges Exemplar, und dieses war nicht nur tot, sondern auch schon aufgebrochen und ausgeweidet. Ich bin ein Jäger, hatte Speke erklärt, als er an Bord kam, und ein Sammler. Deswegen gefällt es mir in diesen Breiten so gut.
Leider hat sich dieses Gefallen rasch abgenutzt. Es ist kein gutes Zeichen, daß ihm schon nach wenigen Wochen langweilig ist. Wie wird es erst in einigen Monaten sein? Speke hat ihn angelächelt, er hat ihn tatsächlich angelächelt, das ist gut, er hat sich doch bewährt, alles ist gut, wieso nagt es in seinem Inneren, wieso sieht er nur Enttäuschungen voraus, die seine Menschenkenntnis bloßstellen werden, zum wiederholten Male.
Das Fieber wallt wieder auf. Er trinkt einige Schlucke und macht sich auf den Anfall gefaßt.
SIDI MUBARAK BOMBAY
Es gab Tage, an denen wir frühmorgens aufwachten, lange vor Sonnenaufgang, und das erste, was wir fühlten, war der Schmerz, den der Tag uns bereiten würde. An einem solchen Morgen aufzustehen, das erfordert Mut, in der Kälte verhöhnen dich deine eigenen Hoffnungen, du spürst das Gewicht der Ballen, die auf die Schultern deiner Mitleidenden gehievt werden, du kämpfst im Getümmel um den leichtesten, du spürst, wie verwachsen deine Füße sind, du möchtest dich zusammenkauern wie ein Wehrloser, der die Schläge der Tage nicht mehr erträgt, und du sehnst dich nach einem Abgrund, der alles verschluckt. An solchen Morgen sahen wir klar, wir hatten den Anfang weit hinter uns gelassen und wir waren noch weiter vom Ende entfernt, und wir sahen, wie verkümmert wir waren, und wir erkannten, wie sehr wir Hilfe brauchten. Die Erde lächelte uns nicht mehr an, es war an der Zeit, einen Mganga aufzusuchen.
— Gott behüte uns!
— Nein, Sidi, nicht schon wieder diese Geschichte, diese Schande!
— Ach, ich weiß nicht, wieso du dich so aufregst, Baba Quddus, ich habe das Gefühl, unsere Brüder hier genießen ein wenig Schande, besonders auf Kosten anderer. Außerdem stammte der Vorschlag nicht von mir, damals wußte ich nichts von einem Mganga. Es war der Wunsch von Salim bin Said, es war der Wunsch aller Nyamwezi. Ihr wollt einen Zauberer aufsuchen? Kann das nicht warten, bis wir diese Etappe hinter uns gebracht haben? Die Wazungu haben reagiert, wie manche von euch reagiert hätten, sie haben reagiert, wie ich es von ihnen erwartet hatte. Vor allem Bwana Speke, der kaum etwas wußte und kaum etwas verstand, der aber glaubte, es gebe nichts, was er nicht durchschaute. Auch Bwana Burton äußerte sich abschätzig, zunächst, reine Zeitverschwendung, sagte er, doch dann dachte er nach, er war ein Mensch, der seine Meinungen gelegentlich überprüfte, so wie die Menschen in den Dörfern ihre Häuser nach der Regenzeit überprüfen, und manchmal änderte er dann seine Meinung, manchmal errichtete er sogar ein völlig neues Haus. Leise sagte er: Was kann es schon schaden? Ich sehe nicht, antwortete ich, wie es uns schaden könnte. Im Gegenteil — seine Stimme richtete sich auf —, es kann uns von Nutzen sein. Also trat er vor die gesamte Männerschaft und begrüßte diesen Vorschlag mit Feuer in seinen Worten, und als wir einen Mganga gefunden hatten, zog er mich zur Seite und bat mich, dem Mann ein Geschenk in Aussicht zu stellen, für eine gute Prophezeiung, fügte er hinzu, und in seinen Händen hielt er auf einmal eine jener Korbmützen aus Indien, eine schöne, weiße Mütze, und er rieb seinen Daumen an ihr, als genieße er es, den Stoff zu berühren. Der Mganga, dem wir uns anvertrauten, war ein Mann von hoher Geburt, seine Würde überragte ihn um eine Haupteslänge, er hatte einen bunten Stoff um seine Stirn gebunden, es hingen viele Ketten um seinen Hals, und jede dieser Ketten war mit unterschiedlichen Perlen, mit unterschiedlichen Muscheln, besetzt. Er war ein Mann, den ich mir auf unserer Seite wünschte, denn ich spürte, in ihm war eine Kraft umzäumt, die jederzeit aus ihm herausbrechen konnte. Als sich das Schweigen auf uns alle gelegt hatte, nahm er eine starke Prise Schnupftabak, holte seine Gurde heraus, die Medizin enthielt, und begann sie zu schütteln, worauf es in ihr rasselte, als sei sie voller Kieselsteine. Seine Stimme donnerte von weit unten, als wurzele sie in der Erde. Ich hatte so eine Stimme noch nie gehört. Es war seine Stimme, doch sie gehörte nicht ihm allein. Sie klarte auf, langsam näherte sie sich der Luft. Ich sage euch, meine Brüder, ich hatte so etwas noch nie zuvor erlebt. Ich war erstaunt, und doch wirkte er vertraut auf mich, wie ein Mensch, dem du zum ersten Mal begegnest und dessen Gesicht dir trotzdem bekannt ist. Ich war gebannt. Als seine Stimme hoch und leicht war, die Vögel hätten ihr nicht folgen können, legte der Mganga die Gurde auf den Boden, sie rollte ein wenig zur Seite, die Gurde wackelte, und ich hatte das Bedürfnis, ich weiß nicht wieso, ich war mir in diesem Augenblick fremd, ich wollte den Kürbis beruhigen, ich wollte ihn anfassen, ich streckte meine Hand aus, zum Kürbis hin, aber er lag zu weit entfernt von mir, und es war mir nicht möglich, mehr zu bewegen als meine Hand. Der Mganga holte zwei Ziegenhörner aus seinem Sack, einem Jutesack, den ich an diesem Ort nicht erwartete und über den ich euch später noch etwas sagen muß, sie waren mit Schlangenhaut zusammengebunden, diese Ziegenhörner, und mit kleinen eisernen Glocken verziert. Er packte die Hörner an der Spitze und schwang sie im Kreis, er richtete sie gegen Bwana Burton, er richtete sie auf mich, er richtete sie auf die Träger und auf die Belutschen, und ich konnte nichts anderes sehen als diese Hörner, die vor meinen Augen tanzten, und nichts anderes hören als das Murmeln und das Flüstern und das Spucken des Mganga, der seinen Oberkörper hin und her wiegte, der die Hörner schneller und schneller schüttelte, und die Glocken erklangen immer lauter. Ich zitterte. Später erfuhr ich, die anderen haben auch gezittert, auch sie waren wie gelähmt. Hätte der Mganga seine Hand ausgestreckt, ich wäre ihm gefolgt. Ich spürte, er stand mit den Geistern im Einklang, er war verbunden mit den Geistern der Vorfahren, und in mir war ein Schmerz, als würden vergessene Vorfahren mein Herz aus mir herausschneiden, der Mganga stand in Verbindung, dachte ich, mit dem Geist seines Vaters und mit dem Geist seines Großvaters, und ich wußte nicht einmal, wie mein Vater und mein Großvater aussahen, wie ihre Stimmen klangen. Öffne mich, flehte ich ihn stumm an, zeige mir den Weg zurück. Aber der Mganga war fertig, er riß seine Augen auf, räudigere Augen habt ihr nie gesehen, nur ein Narr hätte keine Angst empfunden vor den Geheimnissen, die hinter diesen Augen glühten. Er drehte sich zur Seite und sprach sein Urteil, und es klang wie das Wort eines heiligen Mannes: Wir hätten Feinde, aber unsere Feinde seien nicht mächtiger als wir, sie seien nicht entschlossener als wir. Unsere Reise werde erfolgreich verlaufen. Wir atmeten auf, langsam, als sei noch nicht sicher, ob wir uns diesen Atemzug erlauben durften. Es werde viel Streit, aber wenig Morden geben. Wir würden eine große Menge an Elfenbein einfahren. Wir würden zurückkehren zu Frau und Familie. Unter jenen, die keine Frau hätten, werde einer seine Frau auf dieser Reise finden, ein anderer werde die Treue einer Wartenden belohnen, und ein Dritter werde die Frau verlassen, die ihm geschenkt werden würde. Bevor wir uns auf einen großen, tiefen See wagten, sollten wir ein farbiges Huhn opfern. Das war eine leichte Aufgabe, die Aussichten waren beruhigend, wir waren erleichtert und beglückt.