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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Jona nickte taktvoll. »Nun... Ihr habt die Lues an Eure... an Maria Juana weitergegeben.«

»Das stimmt.«

»Und sie hat bei der Geburt jedes Eurer Kinder damit angesteckt. Es war die Lues, die den Mädchen die Beine so verbogen hat.«

»Warum sind dann die Beine meines Sohns gerade?«

»Die Krankheit wirkt sich nicht bei jedem gleich aus.«

»Dann war es also die Lues, die ihnen die krummen Beine gegeben hat! Und ich dachte schon, es sei ein Erbe meines eigenen, ungestalten Körpers, obwohl keines der Kinder mit einem Buckel geboren wurde.«

Bonestruca schien fast glücklich darüber, daß diese Krankheit daran schuld war und nicht seine eigenen mißgebildeten Knochen.

»Die Pusteln vergehen schließlich wieder«, sagte der Mönch fröhlich.

Aber die krummen Beine und die auseinanderstehenden Zähne nicht, dachte Jona. Und wer weiß, welche anderen Tragödien die Lues in ihr Leben bringt.

Er untersuchte die Kinder und verschrieb eine Salbe für die Pusteln des Säuglings. »Ich werde sie mir in einer Woche noch einmal ansehen«, sagte er. Als Bonestruca ihn fragte, was er ihm schulde, nannte Jona sein übliches Honorar für einen Hausbesuch und bemühte sich dabei um einen sachlichen, geschäftsmäßigen Ton. Ihm stand nicht der Sinn nach einer Freundschaft mit Fray Bonestruca.

Am nächsten Tag brachte ein Mann namens Evaristo Montalvo seine betagte Frau, Blasa de Gualda, zum Arzt.

»Sie ist blind, Senor.«

»Gestattet mir, sie anzusehen«, sagte Jona und führte die Frau ins helle Licht vor dem Fenster.

Deutlich sah er die Trübung in beiden Augen. Sie war fortgeschrittener als die ähnliche Trübung, die er vor kurzem in den Augen von Dona Sancha Berga, Don Berenguer Bartolomes Mutter, festgestellt hatte. Diese hier war so ausgereift, daß die Linsen der Frau einen gelblichweißen Farbton angenommen hatten.

»Könnt Ihr mir helfen, Senor?«

»Ich kann nicht versprechen, Euch zu helfen, Senora. Aber ich kann es versuchen, wenn Ihr das wollt. Dazu wäre allerdings eine Operation erforderlich.«

»Ihr wollt mir in die Augen schneiden?«

»Ja, schneiden. Ihr habt in beiden Augen eine Krankheit, die man catarata nennt. Die Linsen sind getrübt, und das verhindert, daß Ihr seht, so wie eine Sonnenblende verhindert, daß Licht in ein Fenster fällt.«

»Ich will wieder sehen, Senor.«

»Ihr werdet nie wieder so sehen können, wie Ihr es in Eurer Jugend konntet«, sagte er sanft. »Auch wenn wir erfolgreich sind, werdet Ihr entfernte Gegenstände nicht erkennen können. Ihr werdet nur wieder sehen können, was dicht vor Euch ist.«

»So würde ich wenigstens wieder kochen können. Und vielleicht sogar nähen, mh?«

»Vielleicht... aber wenn es mißlingt, seid Ihr mit Sicherheit für immer blind.«

»Blind bin ich jetzt schon, Senor. Ich bitte Euch deshalb, diese... Operation zu versuchen.«

Jona bat sie, früh am nächsten Morgen wiederzukommen. An diesem Nachmittag richtete er den Operationstisch her und alle Instrumente, die er brauchen würde, und den ganzen Abend saß er beim Licht der Öllampe da und las mehrere Male, was Teodorico Borgognoni über das Starstechen geschrieben hatte.

»Ich brauche deine Hilfe«, sagte er zu Reyna. Indem er ihr die Lider anhob, zeigte er ihr, wie sie die Augen der Patientin offenhalten mußte, damit sie nicht blinzelte.

»Ich glaube aber nicht, daß ich zusehen kann, wie du ins Auge schneidest«, sagte sie.

»Du kannst den Blick abwenden, aber du mußt ihr die Augen unbedingt offenhalten. Kannst du das tun?«

Reyna nickte zweifelnd, erwiderte aber, daß sie es versuchen wolle.

Als Evaristo Montalvo am nächsten Morgen mit Blasa de Gualda ins Behandlungszimmer kam, schickte Jona den alten Mann zuerst auf einen langen Spaziergang, bevor er Blasa zwei Becher mit starkem Schnaps gab, in dem er Schlafpulver aufgelöst hatte.

Er und Reyna halfen der alten Frau auf den Tisch und fesselten sie dann mit starken Gewebestreifen, die breit genug waren, um ihr nicht ins Fleisch zu schneiden, an Hand- und Fußgelenken sowie der Stirn so darauf fest, daß sie sich nicht mehr bewegen konnte.

Er nahm das kleinste Skalpell aus der Fierro-Sammlung und nickte Reyna zu. »Laß uns anfangen.«

Als die Lider angehoben waren, setzte er eine Reihe winziger Schnitte rund um die Linse des linken Auges.

Blasa zog scharf den Atem ein.

»Es dauert nicht lange«, sagte Jona. Er benutzte die schmale, scharfe Klinge als Hebel, um die getrübte Linse anzuheben und zur Seite zu kippen. Dann wiederholte er den Vorgang im rechten Auge.

Als er fertig war, dankte er Reyna und hieß sie die Lider loslassen. Sie banden Blasa vom Tisch los und bedeckten ihre Augen mit kühlen, feuchten Tüchern.

Nach einer Weile nahm Jona die Tücher wieder ab und beugte sich über sie. Ihre geschlossenen Augen tränten, oder sie weinte, und er wischte ihr sanft die Wangen.

»Senora de Gualda. Öffnet die Augen.«

Ihre Lider hoben sich. Sie blinzelte gegen das Licht und sah dann zu ihm hoch.

»... Ihr habt ein sehr gutes Gesicht, Senor«, sagte sie.

Jona hatte gehofft, Bonestruca würde bei seinem nächsten Besuch auf der finca am Fluß abwesend sein, doch als der Mönch ihn an der Tür begrüßte, verbarg er seine Enttäuschung. Die Kinder, die sich inzwischen von den Mühen der Reise erholt hatten, wirkten kräftiger und recht frohgemut, und Jona sprach über ihre

Ernährung mit ihrer Mutter, die mit beiläufigem Stolz erklärte, ihre Kinder seien an reichlich Fleisch und Eier gewöhnt.

»Und ich bin an erstklassigen Wein gewöhnt«, sagte Bone-struca leichthin, »den ich jetzt unbedingt mit Euch teilen will.«

Es war offensichtlich, daß er eine Ablehnung nicht dulden würde, und so ließ sich Jona in ein Arbeitszimmer führen, wo er wieder einmal um seine Fassung ringen mußte, denn dieses Zimmer enthielt Erinnerungsstücke an den Kampf des Mönchs gegen die Juden: eine Sammlung von Gebetsriemen, ein Käppchen und - ein unglaublicher Anblick für Jona - eine Torarolle.

Der Wein war wirklich gut. Während Jona nippte und sich bemühte, die Torarolle nicht anzustarren, musterte er seinen Gastgeber, der sein Todfeind war, und fragte sich, wie schnell er dem Haus dieses Mannes würde entfliehen können.

»Kennt Ihr das Damespiel?« fragte Bonestruca.

»Nein, von einem Damespiel habe ich noch nie etwas gehört.«

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