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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Es ist ein ausgezeichnetes Spiel, das den Verstand anregt. Ich bringe es Euch bei«, sagte er, und zu Jonas Verärgerung stand er auf und holte aus einem Regal ein quadratisches Spielbrett, das er auf den kleinen Tisch zwischen ihnen legte, sowie zwei Stoff-säckchen.

Das Brett war in helle und dunkle Quadrate unterteilt, insgesamt vierundsechzig, wie Bonestruca sagte. Jedes der Säckchen enthielt zwölf kleine, glatte Steine; die Steine in dem einen Säckchen waren schwarz, die in dem anderen dagegen hellgrau. Bonestruca gab Jona die schwarzen Steine und sagte ihm, er müsse sie auf die dunklen Quadrate der ersten drei Reihen des Bretts setzen, während er selbst dies auf seiner Seite mit den hellen Steinen tat. »So haben wir uns sechs Reihen Soldaten aufgestellt, und jetzt sind wir im Krieg, Senor!«

Der Mönch zeigte ihm, daß man mit einem Stein nur schräg nach vorne zu einem angrenzenden Quadrat ziehen durfte. »Schwarz eröffnet. Wenn einer meiner Soldaten auf einem an-grenzenden Feld steht und sich dahinter ein leeres Feld befindet, muß er gefangen, das heißt übersprungen, und entfernt werden. Die Soldaten dürfen sich nur vorwärts bewegen, aber wenn ein Held die hinterste Reihe des Gegners erreicht, wird er zum Monarchen gekrönt, indem man einen Stein derselben Farbe auf ihn legt. So ein Doppelstein kann sich nach vorne und nach hinten bewegen, denn niemand darf einem König vorschreiben, wohin er gehen soll.

Eine Armee ist besiegt, wenn alle Soldaten des Gegners gefangen sind oder sich nicht mehr bewegen können.« Bonestruca brachte alle Steine wieder in die Ausgangsposition. »Und jetzt, Arzt, greift mich an!«

Sie spielten fünf Kriegsspiele. Die ersten zwei Schlachten waren für Jona schnell vorüber, aber er lernte dabei, daß er nicht einfach nur aufs Geratewohl ziehen durfte. Ein paarmal verleitete Bonestruca ihn zu einem törichten Zug, indem er einen seiner Soldaten opferte, um dann mehrere von Jonas Steinen zu schlagen. Nach einer Weile konnte Jona eine Falle bereits erkennen und sie vermeiden.

»Ah, Ihr lernt schnell«, sagte der Mönch. »Ihr werdet in kürzester Zeit ein würdiger Gegner sein, das sehe ich jetzt schon.«

Was Jona sehen konnte, war, daß das Spiel eine beständige Überwachung des Bretts erforderte, um die Absichten des Gegners erkennen und die eigenen Möglichkeiten abschätzen zu können. Er merkte sich, was Bonestruca tat, um ihn in Fallen zu locken. Am Ende des fünften Spiels beherrschte er bereits einige der möglichen Verteidigungszüge.

»Ah, Senor, Ihr seid so schlau wie ein Fuchs oder ein General«, sagte Bonestruca, doch dank seines geschliffenen Verstands hatte er Jona in allen Spielen sehr schnell besiegt.

»Ich muß jetzt gehen«, sagte Jona widerstrebend.

»Dann müßt Ihr wiederkommen und noch einmal mit mir spielen. Morgen nachmittag oder übermorgen?«

»Ich fürchte, meine Nachmittage sind mit Patienten ausgefüllt.«

»Ich verstehe, ein vielbeschäftigter Arzt. Und wenn wir uns am Mittwoch abend hier wiedertreffen? Kommt, so früh Ihr könnt, ich werde hiersein.«

Warum nicht? fragte sich Jona. »Gut, ich komme«, sagte er. Er war begierig darauf zu verstehen, wie Bonestrucas Verstand arbeitete, und das ließ sich am Damespiel gut ablesen.

Am Mittwoch abend kehrte er in die finca am Fluß zurück. Er saß mit Bonestruca im Arbeitszimmer, trank den guten Wein, knackte Mandeln und aß von den angebotenen Speisen, während sie aufs Spielbrett starrten und ihre Züge machten.

Jona studierte das Brett und das Gesicht seines Gegners, um zu erkennen, wie der Mönch dachte, doch Bonestrucas Züge verrieten ihm nichts.

Mit jeder Runde, die sie spielten, lernte er ein bißchen mehr über das Damespiel und ein klein wenig auch über Bonestruca. An diesem Abend spielten sie fünf Spiele, wie auch schon beim ersten Mal.

»Die Spiele dauern jetzt schon viel länger«, bemerkte Bone-struca. Als er vorschlug, sich am Mittwoch der folgenden Woche wiederzutreffen, sagte Jona so bereitwillig zu, daß der Mönch lächelte.

»Ah, ich sehe, das Spiel hat Eure Seele gepackt.«

»Nein, nur meinen Verstand, Fray Bonestruca.«

»Dann nehme ich mir bei unseren nächsten Spielen Eure Seele vor«, sagte Bonestruca.

Jona brauchte noch zwei Dame-Abende, bis er das erste Spiel gewann, und dann gewann er wieder einige Wochen nicht mehr. Aber danach gewann er häufiger, und je besser er Bonestrucas Strategie durchschaute, desto härter umkämpft waren und desto länger dauerten die Spiele.

Er hatte den Eindruck, daß Bonestruca so Dame spielte, wie er das Leben spielte, indem er täuschte, sich verstellte und seinen Gegner foppte. Der Mönch begrüßte ihn immer mit einer entwaffnenden, sonnigen Freundlichkeit, aber Jona konnte sich in seiner Gegenwart nie so recht entspannen; zu deutlich war ihm bewußt, daß knapp unter dieser Oberfläche etwas Dunkles lauerte.

»Ganz so erstklassig scheint Euer Verstand doch nicht zu sein, Arzt«, sagte Bonestruca verächtlich nach einem leichten Sieg. Und doch bestand er nach jedem Spieleabend darauf, daß Jona sehr bald wieder mit ihm spiele.

Jona bemühte sich, ihm ebenbürtig zu werden. Er vermutete, daß Bonestruca ein Maulheld war, der durch die Angst seines Gegenübers noch mächtiger wurde, aber Schwäche zeigte, wenn der andere sich nicht einschüchtern ließ.

»Ich bin erst kurze Zeit in Saragossa, und doch habe ich schon einen Juden entlarvt«, sagte der Mönch eines Mittwoch abends und übersprang einen von Jonas Soldaten.

»Oh?« entgegnete Jona beiläufig. Er machte einen Zug, um den Angriff abzuwehren.

»Ja, einen rückfälligen Juden, der vorgibt, ein Alter Christ zu sein.«

Hatte Bonestruca ihn durchschaut? Würde der Mönch ihn jetzt vernichten? Jona hielt den Blick aufs Brett gerichtet. Er schob einen Soldaten auf ein Feld, wo Bonestruca ihn übersprang, und übersprang dann zwei von Bonestrucas Steinen. »Eure Seele freut es, einen Juden zu fangen. Ich höre das an Eurer Stimme«, sagte er und wunderte sich dabei über die Gelassenheit in seiner eigenen Stimme.

»Denkt darüber nach. Steht nicht geschrieben, daß, wer Wind sät, Sturm ernten wird?«

Zum Teufel mit ihm, dachte Jona, hob den Blick vom Brett und sah dem Mönch in die Augen. »Steht aber nicht auch geschrieben, daß selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen?«

Bonestruca lächelte. Offensichtlich bereitete ihm der Wortwechsel Freude. »So steht es geschrieben, bei Matthäus. Aber... bedenkt: >Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er tot ist. Und wer lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben.< Ist es dann nicht eine barmherzige Tat, eine unsterbliche Seele vor der Hölle zu retten? Denn genau das tun wir, wenn wir Juden mit Christus versöhnen, bevor wir sie den Flammen übergeben. Wir beenden ein trauriges Leben im Irrtum und gewähren ihnen Frieden und Herrlichkeit in alle Ewigkeit.«

»Und was geschieht mit einem, der sich dieser Versöhnung verweigert?«

»Matthäus rät uns: >Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde verführt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verlorengeht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.<«

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