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Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.

Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:

Sommer 2008. Hundert Jahre sind vergangen, seit in Sibirien eine verheerende Explosion stattgefunden hat. Viktoria Vandenberg versucht mit zwei anderen deutschen Forschern dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Hat es sich um den Einschlag eines Meteoriten gehandelt? Leo, ein junger Hirte, erzählt Viktoria von seiner neunzigjährigen Großmutter, deren Vater zu den ersten Wissenschaftlern vor Ort gehörte. Die Alte beschwört Viktoria, ihre Nachforschungen einzustellen: Geister, böse Schamanen seien am Werk. Als sämtliche Stromgeneratoren ausfallen, scheinen die Prophezeiungen in Erfüllung zu gehen, erst recht als eine Serie von geheimnisvollen Todesfällen über die Forschergruppe hereinbricht. Doch Viktoria gibt nicht auf. Sie begreift, dass Leo den Schlüssel zu einer Wahrheit besitzt, die weitaus unglaublicher erscheint als ein Meteoriteneinschlag.
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»Ausgerechnet Wassiljoff.« Im fahlen Licht des Vollmondes setzte Aslan ein ironisches Lächeln auf. Seine schwarzen Augen glänzten, während er auf seinem Bett saß und sich eine Zigarette drehte.

Leonard wandte sich zu seinem muslimischen Kameraden hin und sah ihn im Halbdunkel abschätzend an. »Du glaubst mir nicht?«

Aslan seufzte leise und fuhr ein letztes Mal mit der Zungenspitze über das Papier, bevor er die Zigarette zu einem krummen weißen Stäbchen rollte. »Du erzählst mir die Geschichte nun schon seit beinahe zwei Jahren. Lässt sie dich denn niemals los?«

Aslan steckte sich das Stäbchen zwischen die Lippen und zündete es mit einem Streichholz an. Für einen Moment waren seine ausgemergelten Züge im Licht des Feuers zu sehen.

Leonard legte sich auf den Rücken und faltete die Hände über seinem Bauch. Aslan zog gierig an der Zigarette und blies einen weißen Schwaden in Leonards Richtung.

Leonard wedelte den Rauch in eine andere Richtung. »Ich saß körperlos oben unter der Zimmerdecke und habe gesehen, wie du bei Pri-manov für mich und mein Leben gebettelt hast, Bruder. Wie sollte ich das vergessen?«

Aslan schluckte. Ihn beschämte die Dankbarkeit, die Leonard ihm seit jenen Tagen entgegenbrachte, und die Tatsache, dass sich der deutsche Kamerad an alles genau erinnern konnte, was ihm während der Bewusstlosigkeit widerfahren war, ließ ihn erschauern.

»Du warst so gut wie tot«, sagte der Turkmene. »Ich hätte das auch für jeden anderen getan.«

»Vielleicht war ich wirklich tot, und niemand hat es bemerkt«, erwiderte Leonard, und dabei erinnerte er sich an die plötzliche Anwesenheit des Schamanen und seiner mysteriösen Helfer. Bisher hatte er niemandem erzählt, wie sie seinen Körper zerschnitten und wieder zusammengesetzt hatten. Es war zu gespenstisch. Wie hätten die anderen ihm glauben sollen?

»Der alte Wassiljoff hatte nicht soviel Glück«, bemerkte er dunkel. »Er ist drei Tage nach meiner Rettung gestorben. Manchmal kann ich sein Gesicht im Schlaf sehen. Dann lächelt er und winkt mir zu. Es ist, als ob man ihn von allen Leiden erlöst hätte. Es gibt Tage, da beneide ich ihn um die Freiheit, die er offensichtlich erlangt hat.«

»Leonard, was redest du da?« Aslan zog gierig an seiner Zigarette. Ein Glimmen, und dann fiel die Asche zu Boden. »Sag bloß, du wolltest ihm folgen?«

»Manchmal.« Leonard schaute gegen die obere Bretterwand, wo sich Licht und Schatten vereinten. »Manchmal denke ich darüber nach, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn ich mit Katja an jenem verdammten Sonntag im Bett geblieben wäre, anstatt zu dieser verteufelten Kundgebung zu gehen.«

»Du vermisst sie sehr, nicht wahr? Obwohl ihr euch nicht versprochen wart.«

Leonard wandte sich Aslan erneut zu und lächelte schwach. »Es ist Liebe, Aslan. Das hat nichts mit Versprechungen zu tun. Ich würde meine rechte Hand dafür geben, wenn sie und das Kind endlich bei mir sein könnten. Schon alleine deshalb würde ich nie auf eine solche Idee kommen, meinem Leben einfach ein Ende zu bereiten - nicht solange es noch einen Sinn hat.«

»Ich habe mich oft gefragt, worin der Sinn des Lebens besteht, aber eine Antwort, Allah möge mir verzeihen, habe ich nicht gefunden.«

»Irgendeinen Grund wird unser Dasein schon haben. Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass alle physikalischen Berechnungen nur eine Farce sind und etwas völlig anderes hinter der Welt steckt, als man allgemein vermuten würde, etwas, das sich nicht mit mathematischen Formeln ausdrücken lässt.«

»Vielleicht hat Allah mit Hilfe von Tschutschana ein Wunder vollbracht. Und Wunder lassen sich nun mal nicht wissenschaftlich erklären.«

»Das sagt ausgerechnet ein Physiker deines Kalibers?« Leonard lachte leise.

»Ein gläubiger Physiker«, ergänzte Aslan.

»Du hast mir nie den wahren Grund deiner Deportation verraten.« Leonard erkannte die Gunst der Stunde, tiefer in Aslans Gemüt eindringen zu können als je zuvor.

Der Turkmene sah ihn nachdenklich an, als zögerte er einen Moment, doch dann entspannte sich seine Miene, und er setzte zu einer Antwort an.

»Meine Familie zählt sich zu den Dschadiden. Wir sind strenggläu-bige Muslime. Trotzdem oder gerade deshalb verfolgen wir eine rationalistische Interpretation der religiösen Schriften. Schon unsere Vorväter waren fasziniert vom Fortschritt und der Technologie, was nicht dagegen spricht, sein Volk auf den Pfad des Islams zu führen.«

»Seid ihr deshalb verfolgt worden? Deine Familie und du?«

»Mein Bruder war der Meinung, die Bolschewiki würden auch uns eine bessere Zukunft versprechen. Er organisierte Protestkundgebungen gegen den russischen Imperialismus, wie er es nannte. Es kam zu Unruhen. Menschen starben im Kugelhagel der Milizen. Er wollte, dass ich ihm helfe, eine Bombe zu bauen, um damit die gesamte Kom-mandatur von A+gabat in die Luft zu sprengen.«

Mit einem Ruck hob Leonard seinen Kopf und sah ihn gebannt an.

»Und habt ihr es getan?«

»Nicht wir. Ich habe nur die Pläne geliefert. Mein Bruder und seine Kommilitonen wurden in einem geheimen Keller erwischt, während sie sich an den Nachbau gemacht hatten. Ich hatte gleich kein gutes Gefühl bei der Sache. Unter den Studenten gab es etliche Spione, die für ein paar Rubelchen sogar ihre eigene Großmutter verkauft hätten.«

»Und was ist dann geschehen?«

»Man hat sie als Terroristen und Kollaborateure abgeurteilt und aufgehängt. Noch am gleichen Tag. An einer riesigen Linde mitten in der Stadt. Ein einziger dicker Ast, der sich unter der Last von sechs leblosen Körpern bog.«

Aslan schluckte heftig, bevor er weitersprechen konnte.

»Mein Vater hat den Henker auf Knien angebettelt, meinen Bruder herunterschneiden zu dürfen. Doch man verwehrte ihm die Erlaubnis. Erst nach einer Woche durften die Leichen beerdigt werden. Du kannst dir vorstellen, welche Qual dies - neben dem Verlust eines Sohnes - für einen gläubigen Muslim bedeutet. Bei uns muss ein Toter noch vor Sonnenuntergang in die Erde gebracht werden, so verlangt es das Gesetz.«

»Und was war mit dir? Haben sie herausgefunden, dass du etwas mit der Sache zu tun hattest?«

»Nein. Aber das mussten sie auch gar nicht. Unsere ganze Familie wurde verhaftet. Und mich hat man anschließend auserkoren, sie zu retten.« Aslan lachte spöttisch. »Wenn ich nicht tue, was der Zar von mir verlangt, werden sie allesamt elendig in diesem verdammten Kerker vor die Hunde gehen.«

Er schwieg einen Moment, während Leonard darüber nachdachte, dass nicht nur er ein Schicksal zu bewältigen hatte, das ihm ein Mehr an Verantwortung abverlangte, als er zu tragen vermochte.

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