Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Ein Schluchzen entfuhr ihrer heiseren Kehle. Sie drehte sich zur Seite und versteckte ihr Gesicht hinter einem Kissen, das sie mit verkrampften Fäusten vors Gesicht presste, während sie laut zu weinen begann.
Doktor Parlowa zeigte so etwas wie Mitgefühl und nahm ihr vorsichtig das Kissen ab. Mit der Hilfe eines Sanitäters, den Lebenov hinzurufen ließ, spritzte sie ein Gegenmittel in die bläulich hervortretende Vene, das Polina zur Ruhe kommen ließ. Dann schickte sie die Männer für eine Weile hinaus, um das Mädchen weiter zu untersuchen.
»Die gynäkologische Untersuchung hat keinen Befund ergeben«, erklärte die Ärztin wenig später draußen vor der Baracke auf einer kleinen Veranda. Dabei wandte sie sich ihren beiden Auftraggebern zu und dämpfte für einen Moment ihre Stimme. »Außer dem Sperma des Soldaten haben wir nichts Ungewöhnliches feststellen können. Allerdings ähnelt die Beobachtung des Mädchens den Aussagen von Wanja Biborow«, gab sie mit einem Seufzer zu bedenken. »Angeblich hat sich sein Kamerad ebenfalls in ein Monster verwandelt, das beinahe genauso aussah.«
Doktor Parlowa sah Lebenov und Bashtiri abwechselnd an. »Es klingt vielleicht verrückt, aber auf dem Flug nach Krasnojarsk hat er über nichts anderes geredet.«
Lebenov schaute teilnahmslos auf die Tür, hinter der sich das Mädchen in einem erlösenden Schlaf befand. »Wir sollten sie fürs Erste in eine geschlossene Anstalt einweisen lassen, genau wie Biborow. Vielleicht kann man dort herausfinden, was diesen psychotischen Schub ausgelöst hat. Und dann muss man die Blutproben untersuchen. Möglicherweise haben sie doch etwas eingeworfen, bevor es zur Sache ging.«
»Ich kann es nicht ausschließen«, bestätigte Doktor Parlowa mit einem langsamen Nicken. »Allerdings habe ich noch von keiner Droge gehört, die ein spezielles, gleich aussehendes Monster im Hirn erzeugt.«
Für einen Moment schreckte Leonid auf, obwohl er glaubte, die Nähe des Alten gespürt zu haben. Geduckt, hinter seinem Felsvorsprung blinzelte der junge Ewenke in das grelle Licht, das wie ein Scheinwerfer von oben in sein düsteres Gefängnis herein fiel. Ajaci bellte kurz auf, dann stieß er ein lang gezogenes Heulen aus, als Leonid plötzlich und unerwartet aus dem unheimlichen Loch herauskletterte. Taichin, der in einer gebückten Haltung vor dem Einstieg stand, atmete schwer, während er Leonid seine faltige Hand entgegenstreckte, um ihm heraufzuhelfen. Leonid schlug das Angebot seines Großonkels mit einem dankbaren Lächeln aus und richtete sich zu voller Größe auf.
Taichin war nur wenig kleiner als er selbst - eine Seltenheit unter den alten Tungusen, weil die meisten der einheimischen Jäger und Sammler eher von kleinem Wuchs waren. Die schräg stehenden blauen Augen leuchteten stechend aus dem gebräunten, faltigen Gesicht des Alten heraus.
»Hast du meine innere Stimme hören können?« Leonid schaute seinem Schamanenmeister forschend ins Gesicht.
»Du kannst froh sein, dass dein Hund nicht auf den Kopf gefallen ist«, erwiderte der Alte schmunzelnd. »Er hat mich zu dir geführt. Wenn es nach deinen telepathischen Fähigkeiten ginge, würdest du noch nächste Woche in diesem Loch sitzen. Du musst lernen, deine Energie besser zu bündeln. Wie bist du überhaupt in diese missliche Lage geraten?«
»Ich kann nichts dafür, Onkelchen. Ich habe diesen Eingang heute Morgen entdeckt - oder sagen wir lieber, meine neue Freundin hat ihn entdeckt.« Leonid dachte nicht daran, auf die abwertende Bemerkung seines Lehrmeisters einzugehen. Er schwärmte stattdessen von Viktoria und erklärte, dass sie keine Schuld an seiner misslichen Lage traf und dass er ihr vollkommen vertraute. »Was ist das für ein Bunker?«, fügte er hinzu. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass du darüber nichts weißt.«
Taichin ging nicht auf seine Frage ein. »Wir sollten sofort verschwinden«, bemerkte er mit regloser Miene. »Diese Frau wird bestimmt zurückkommen, um dich zu befreien, oder denkst du nicht? Möglicherweise ist sie dabei nicht allein.«
»Sollte ich ihr nicht ein Zeichen hinterlassen, dass man mich längst gerettet hat? Oder vielleicht wäre es besser, das Loch offen zu lassen, damit sie weiß, dass es mir gelungen ist, mich selbst zu befreien.«
»Keine gute Idee«, befand Taichin. »Wir sollten dieses Loch wieder schließen, damit niemand bemerkt, dass wir uns daran zu schaffen gemacht haben. Sie wird schon sehen, wenn du nicht mehr dort unten bist.«
Wortlos nahm Leonid die am Boden liegende Schaufel in die Hand, nachdem sein Onkel mit bemerkenswertem Geschick den Deckel verschlossen hatte.
Während eine Ladung Erde nach der anderen den Eingang begrub, setzte Leonid von neuem an. Er versuchte seinem Onkel zu erklären, was er dort unten vorgefunden hatte.
»Es ist besser, wir lassen die Geister ruhen«, flüsterte der Alte, nachdem sie den Weg zurück zu Leonids Hütte angetreten hatten.
»Die Geister sind längst erwacht«, erwiderte Leonid und sah seinen Onkel mit einer gewissen Missbilligung an. »Ich will, dass du mir sagst, was hier los war. Der Kerl, der Viktoria nach draußen begleitet hat, arbeitet für die russische Regierung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der FSB hier auftaucht. Viktoria hat mir erzählt, dass man vor wenigen Tagen eine rätselhafte Aluminiumstange am Grund des Sees gefunden hat. Dazu fand man zwei mumifizierte Leichen, die offenbar einen Hinweis auf das Polytechnische Institut von Sankt Petersburg im Jahre 1902 geben.«
Taichin, der leicht gebeugt neben ihm hergegangen war, blieb stehen und sah ihn mit zusammengekniffenen Lippen an.
»Es ist also so weit«, flüsterte der Alte heiser. »Die Dämonen kommen tatsächlich zurück, um ihren Blutzoll zu fordern.«
Leonid warf dem Alten einen fragenden Blick zu.
»Lass uns zu meiner Hütte gehen, Junge, dann sollst du wissen, was du wissen musst.«
21.
Juli 1907, Sibirien - Tödliche Entscheidung
Weinberg schnarchte, und Pjotr, der kaum den Anstrengungen des Tages gewachsen war, schlief tief und fest. Nur der Turkmene war wie so oft noch wach.
»Ich war draußen, Aslan. Ich schwöre es dir beim Leben meiner Mutter. Ich habe meinen Körper verlassen und bin zusammen mit dem alten Wassiljoff über die Berge geflogen.« Leonard hatte leise gesprochen.