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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
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Er musste Lotty fragen. Bei dem Gedanken zuckte er zusammen.

«Ich habe natürlich mit der Polizei gesprochen«, fuhr die helle Altstimme hinter ihm unbeirrt fort und ignorierte einfach die ausgesuchte Unhöflichkeit, mit der er sich einen Cognac einschenkte, die Schuhe auszog, in seine Pantoffeln schlüpfte und über den Flur zur Haustür schlurfte, um die Post zu holen.

«Ich verstehe, warum sie Lotty festgenommen haben – Caudwell ist mit einer ganzen Menge Beruhigungsmittel betäubt und erdrosselt worden, während er noch dahindämmerte. Außerdem war sie Sonntagnacht noch mal bei seinem Wohngebäude. Sie will nicht sagen warum, aber einer von den Mietern hat sie als die Frau identifiziert, die ihm so etwa gegen zehn am Lieferanteneingang begegnete, als er mit dem Hund spazieren ging. Sie will nicht sagen, ob sie mit Caudwell gesprochen hat, ob er sie hereingelassen hat und ob er da noch am Leben war.« Max versuchte, ihre klare Stimme zu ignorieren. Als ihm das nicht gelang, versuchte er eine Zeitschrift zu lesen, die mit der Post gekommen war.

«Und die Kinder — das sind vielleicht Typen, was? Wie aus einer Freakshow. Mit mir wollen sie nicht reden, aber Murray Ryerson vom Star haben sie ein langes Interview gegeben.

Nachdem Caudwells Gäste weg waren, sind sie an der Chestnut Street Station ins Kino, haben danach eine Pizza gegessen und sind dann noch in eine Disko an der Division Street gegangen. So gegen zwei Uhr morgens sind sie nach Hause gekommen — der Pförtner hat es bestätigt — und haben im Arbeitszimmer ihres Vaters Licht gesehen. Sie waren allerdings nicht besonders scharf darauf, noch mit ihm zu reden, weil er immer

überreagierte — ihr Ausdruck —, wenn sie einen sitzen hatten. Also sind sie nicht mehr hinein, um ihm gute Nacht zu sagen. Sie haben ihn erst gegen Mittag gefunden, nachdem sie aufgestanden und ins Arbeitszimmer gegangen waren.« Während V.I. dies sagte, war sie Max vom Flur zur Tür seines Arbeitszimmers gefolgt. Er blieb unschlüssig stehen, weil er nicht wollte, dass sie mit ihrer hartnäckigen Presslufthammerstimme in seinen Privatbereich eindrang.

Also ging er schließlich über den Flur in sein selten genutztes Wohnzimmer hinüber. Er setzte sich steif auf einen der Brokatsessel und sah sie abweisend an, als sie auf der Kante des zweiten Sessels Platz nahm.

«Der Schwachpunkt in der Geschichte der Polizei ist die Skulptur«, fuhr V.I. fort.

Skeptisch beäugte sie den Perserteppich, machte den Reißverschluss an ihren Stiefeln auf und stellte sie auf die Klinker vor dem Kamin.

«Alle, die auf der Party waren, sind sich darüber einig, dass Lotty völlig außer sich war. Inzwischen hat sich die Geschichte so weit herumgesprochen, dass sogar Leute, die gar nicht in der Wohnung waren, als sie sich die Skulptur ansah, schwören, sie hätten gehört, wie sie drohte, ihn umzubringen. Aber wenn das der Fall ist, was ist dann aus der Skulptur geworden?« Max’ leichtes Achselzucken sollte sein völliges Desinteresse an dem Thema bekunden.

V.I. ließ nicht locker.»Nun glauben manche Leute, sie könnte sie einem Freund oder Verwandten gegeben haben, der sie für sie aufbewahrt, bis sie vor Gericht freigesprochen wird. Und diese Leute denken, dass entweder ihr Onkel Stefan hier in Chicago, ihr Bruder Hugo in Montreal oder du dafür in Frage kommen. Also haben die Mounties Hugos Wohnung durchsucht und halten ein Auge auf seine Post. Und die Polizei in Chicago macht hier bei Stefan dasselbe. Und vermutlich war hier auch schon jemand mit einem Haussuchungsbefehl, oder?« Max sagte nichts, spürte aber, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Die Polizei im Haus, die seine Sachen durchwühlte? Würden sie ihn denn nicht zuerst um Erlaubnis bitten müssen? Oder nicht? Victoria wüsste es, doch er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, sie zu fragen. Sie wartete einige Minuten, aber als er immer noch nichts sagte, redete sie weiter. Er sah, dass es ihr zusehends schwerer fiel, kam ihr jedoch nicht entgegen.

«Aber ich bin anderer Meinung als diese Leute. Weil ich weiß, dass Lotty unschuldig ist. Und deswegen bin ich hier. Nicht wie ein Aasgeier, wie du denkst, der sich an deinem Unglück weidet. Sondern um dich dazu zu kriegen, dass du mir hilfst. Lotty will nicht mit mir reden, und wenn es ihr so mies geht, will ich sie auch nicht dazu zwingen. Aber du, Max, du wirst doch nicht einfach hier rumsitzen und zusehen, wie sie wegen etwas verknackt wird, was sie nicht getan hat.« Max sah sie nicht an. Er merkte überrascht, dass er den Cognacschwenker in der Hand hielt, und stellte ihn behutsam auf dem Tisch neben sich ab.

«Max!«Ihre Stimme klang höchst verwundert.»Das ist doch nicht zu fassen. Du glaubst also, dass sie Caudwell umgebracht hat.« Max errötete ein wenig, aber endlich war es ihr geglückt, ihm eine Antwort zu entlocken.»Und du bist der Allwissende, der auch weiß, dass sie es nicht getan hat?« «Jedenfalls weiß ich mehr als du«, herrschte V.I. ihn an.

«Ich kenne Lotty zwar noch nicht so lange wie du, aber ich weiß, wann sie die Wahrheit sagt.« «Also bist du doch der Allwissende. «Max verneigte sich voll Ironie.»Du siehst über die bloßen Tatsachen hinaus bis in die tiefste Seele von Mann und Frau.« Er rechnete mit einem weiteren Gefühlsausbruch der jungen Frau, doch sie sah ihn nur unverwandt an und schwieg. Ihr Blick war so verständnisvoll, dass Max sich für seinen Sarkasmus schämte und mit dem herausplatzte, was ihm auf der Seele lag.

«Was soll ich denn sonst glauben? Sie hat mir nichts gesagt, aber es besteht kein Zweifel daran, dass sie Sonntagnacht noch einmal in seine Wohnung zurückgekehrt ist.« Jetzt war es an V.I., sarkastisch zu werden.»Mit einem kleinen Fläschchen Beruhigungsmittel, das sie ihm irgendwie eingeflößt hat? Und dann hat sie ihn obendrein noch erdrosselt? Komm schon, Max, du kennst Lotty doch. Die Ehrlichkeit folgt ihr wie ein Schatten. Wenn sie Caudwell tatsächlich umgebracht hätte, hätte sie etwa gesagt: ›Jawohl, ich habe dem Widerling den Schädel eingeschlagen.‹ Stattdessen sagt sie überhaupt nichts.« Plötzlich weiteten sich die Augen der Detektivin ungläubig.

«Aber natürlich. Sie denkt, du hast Caudwell umgebracht. Du tust das einzig Mögliche, um sie zu decken — du schweigst. Und sie tut dasselbe. Was für ein bewundernswertes Paar mittelalterlicher Ritter ihr doch abgebt!« «Nein!«, erwiderte Max heftig.»Das ist nicht möglich.

Wie könnte sie so etwas glauben? Sie hat sich so unmöglich aufgeführt, dass es mir peinlich war, neben ihr zu stehen. Ich wollte sie nicht mehr sehen und nicht mehr mit ihr sprechen. Deswegen fühle ich mich auch so elend.

Wenn ich nur nicht so stur gewesen wäre, wenn ich sie doch nur am Sonntagabend noch angerufen hätte. Wie kann sie glauben, dass ich ihr zuliebe jemanden umbringen würde, wo ich doch so wütend auf sie war?« «Warum sonst sagt sie zu keinem was?«, wollte Warshawski wissen.

«Vielleicht aus Scham«, erwiderte Max.»Du hast sie am Sonntag nicht erlebt. Ich schon. Deshalb glaube ich, dass sie ihn umgebracht hat, und nicht, weil irgendwer sie ins Gebäude gelassen hat.« Seine braunen Augen verengten sich bei dem Gedanken.

«Ich habe Lotty schon oft voll Zorn gesehen, öfter, als mir lieb ist, glaub mir. Aber noch nie, nie habe ich sie in einer so hemmungslosen Wut erlebt. Man konnte einfach nicht mit ihr reden. Unmöglich.« Die Detektivin erwiderte nichts darauf. Stattdessen sagte sie:»Erzähl mir von der Skulptur. Ich habe schon einige etwas verworrene Aussagen von Leuten gehört, die auf der Party waren, aber ich habe bis jetzt noch mit keinem gesprochen, der mit im Arbeitszimmer war, als Caudwell sie euch gezeigt hat. Was meinst du — hat sie früher wirklich ihrer Großmutter gehört? Und wenn ja, wie ist Caudwell dann daran gekommen?« Max nickte bekümmert.»Ach ja, sie hat wirklich einmal ihrer Familie gehört. Davon bin ich überzeugt. Sie konnte schließlich nicht im Voraus von den Details Bescheid wissen, von der Macke am Fuß und dem kaiserlichen Siegel auf der Unterseite. Und zu der Frage, wie Caudwell dazu gekommen ist — damit habe ich mich gestern selbst ein bisschen beschäftigt. Sein Vater war nach dem Krieg mit der Besatzungsarmee in Deutschland, als Chirurg unter Patton. Leute in solchen Positionen hatten nach dem Krieg unzählige Möglichkeiten, an Kunstwerke zu gelangen.« V.I. schüttelte fragend den Kopf.

«Du hast sicher davon gehört, Victoria. Oder vielleicht auch nicht. Du weißt, dass sich die Nazis jede Menge Kunstwerke unter den Nagel gerissen haben, die Juden im ganzen besetzten Europa gehörten. Und nicht nur Juden – ganz Osteuropa haben sie im großen Stil geplündert.

Vorsichtig geschätzt, haben sie etwa sechzehn Millionen Stücke gestohlen — Skulpturen, Gemälde, Altarbilder, Gobelins, seltene Bücher. Die Liste sprengt jede Vorstellungskraft.« Die Detektivin schluckte.»Sechzehn Millionen! Du machst Witze.« «Das ist kein Witz, Victoria. Ich wünschte, es wäre so, aber es ist keiner. Die amerikanische Besatzungsmacht hat in den besetzten Gebieten so viele Kunstwerke beschlagnahmt, wie sie bekommen konnte. Theoretisch sollten sie die rechtmäßigen Besitzer ausfindig machen und sie ihnen möglichst zurückgeben. In der Praxis fand man aber nur sehr wenige Stücke wieder, und viele landeten auf dem Schwarzmarkt.

Man brauchte lediglich zu behaupten, ein Kunstwerk sei weniger als fünftausend Dollar wert, und schon durfte man es kaufen. Für einen Offizier, der unter Patton diente, gab es unzählige Gelegenheiten zu fabelhaften Erwerbungen.

Caudwell sagte, er habe die Echtheit der Skulptur überprüfen lassen, aber natürlich machte er sich nie die Mühe, ihre Herkunft zu erforschen. Wie sollte er auch?«, schloss Max bitter.»Lottys Familie hatte eine Schenkungsurkunde vom Kaiser, aber die ist sicher längst verschwunden, zusammen mit dem anderen Vermögen.« «Und du glaubst wirklich, dass Lotty einen Mann umgebracht hätte, nur um wieder an diese Skulptur zu kommen? Schließlich konnte sie nicht damit rechnen, sie behalten zu können. Jedenfalls nicht, wenn sie jemanden dafür umgebracht hätte.« «Du bist so rational, Victoria. Manchmal bist du so logisch, dass du nicht verstehst, warum Menschen das tun, was sie tun. Es ging nicht einfach nur um irgendeine Skulptur. Sicher, als Kunstwerk ist sie unbezahlbar, aber du kennst doch Lotty, du weißt, dass sie sich aus solchen Besitztümern nichts macht. Nein, die Skulptur bedeutete für sie ihre Familie, ihre Vergangenheit, ihre Geschichte, alles, was der Krieg für immer zerstört hat. Du darfst nicht glauben, dass diese Dinge sie nicht belasten, bloß weil sie nie darüber spricht.« V.I. errötete bei diesem Vorwurf.»Du solltest froh sein, dass ich logisch denke. Das bringt mich nämlich zu der Überzeugung, dass Lotty unschuldig ist. Und ob du’s glaubst oder nicht — ich werde es beweisen.« Max zog auf typisch europäische Art die Schultern hoch.

«Wir alle unterstützen Lotty, so gut wir eben können. Ich habe mich um die Kaution gekümmert und werde ihr einen guten Anwalt besorgen. Und ich glaube kaum, dass sie dich braucht, um ihre innersten Geheimnisse zu offenbaren.« V.I.s graue Augen verdunkelten sich plötzlich in einem Anflug von Zorn.»Du täuschst dich gewaltig über Lotty.

Ich glaube gern, dass man den Schmerz des Krieges nie verwindet, aber Lotty lebt in der Gegenwart, und sie arbeitet in der Hoffnung auf die Zukunft. Die Vergangenheit verfolgt sie nicht so und frisst sie nicht so auf wie vielleicht dich.« Max erwiderte nichts. Er kniff seinen breiten Mund zu einer dünnen Linie zusammen. Die Detektivin legte ihm zerknirscht die Hand auf den Arm.

«Entschuldige, Max. Das war unter der Gürtellinie.« Er zwang sich zu einem gequälten Lächeln.

«Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich diese uralten Dinge so liebe. Ich wünschte, ich könnte dir das mit Lotty glauben. Frag mich, was du wissen willst. Wenn du mir versprichst, mich in Ruhe zu lassen, sobald ich dir geantwortet habe, und mich nicht mehr zu belästigen, beantworte ich dir deine Fragen.«

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