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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Wie kam es, daß Ihr beobachten konntet, wie die beiden Jungen sich mit Steinen bewarfen?«

»Ich saß vor meinem Haus, um mich in der Sonne zu wärmen. Ich habe alles gesehen.«

»Was habt Ihr gesehen?«

»Ich habe gesehen, wie Jose Pitas Sohn, dieser Bursche da, den Stein warf, der den armen Guillermo, den guten Jungen, traf.«

»Habt Ihr gesehen, wo er ihn traf?«

»Ja. Er traf ihn am Kopf«, sagte er und deutete zwischen den Augen auf seine Stirn. »Ich habe es deutlich gesehen. Er wurde so grausam getroffen, daß ich Blut und Eiter aus der Wunde kommen sah.«

»Vielen Dank, Senor.«

Senor Porreno wandte sich jetzt an Jona. »Senor Callico, Ihr habt den Jungen nach dem Vorfall behandelt?«

»Ja, Senor.«

»Und was habt Ihr festgestellt?«

»Er konnte von dem Stein nicht voll getroffen worden sein«, erwiderte Jona mit einigem Unbehagen. »Er hatte ihn eher im Bereich der rechten Schläfe gestreift, knapp über und vor dem rechten Ohr.«

»Nicht hier?« Der Kronanwalt zeigte auf die Mitte von Jonas Stirn.

»Nein, Senor. Hier«, sagte Jona und zeigte auf seine Schläfe.

»Konntet Ihr an der Wunde sonst noch etwas feststellen?«

»Es war eine geringfügige Wunde. Eher ein Kratzer. Ich wusch ihm das getrocknete Blut vom Gesicht und von dem Kratzer.

Solche Schürfwunden und Kratzer heilen für gewöhnlich sehr gut, wenn man sie mit Wein auswäscht, deshalb habe ich ein Tuch mit Wein getränkt und die Wunde ausgewischt, sie ansonsten aber in Ruhe gelassen. Zu der Zeit«, fuhr Jona fort, »drängte sich mir der Gedanke auf, daß Guillermo großes Glück gehabt hatte, denn wenn der Stein ihn ein Stückchen weiter links getroffen hätte, wäre seine Verletzung viel ernster gewesen.«

»Ist es keine ernste Verletzung, wenn Blut und Eiter aus der Wunde treten?«

Jona seufzte insgeheim, doch die Wahrheit konnte er nicht umgehen.

»Es gab keinen Eiter.« Er bemerkte Senor Zuritas wütende Blicke. »Eiter ist nicht etwas, das sich immer unter der Haut des Menschen befindet und hervortritt, sobald die Haut verletzt wird. Eiter tritt oft nach einer Verletzung auf, wenn wegen eines Risses in der Haut eine offene Wunde unter den Einfluß fauliger Dämpfe in der Luft kommt, etwa des Gestanks von Kot oder verfaulendem Fleisch. Als ich die Wunde das erste Mal untersuchte, war kein Eiter zu sehen, und es gab auch keine Absonderungen irgendwelcher Art, als ich Guillermo drei Wochen später noch einmal sah. Zu der Zeit hatte sich bereits ein Schorf auf dem Kratzer gebildet. Die Wunde fühlte sich kühl an und sah nicht entzündet aus. Ich betrachtete ihn als fast geheilt.«

»Aber zwei Wochen später war er tot«, bemerkte der Kronanwalt.

»Ja. Aber nicht wegen der leichten Verletzung am Kopf.«

»Woran starb er dann, Senor?«

»An einem abgehackten Husten und Schleim in der Lunge, was schließlich zu seinem tödlichen Fieber führte.«

»Und was verursachte diese Krankheit?«

»Das weiß ich nicht, Senor. Es wäre mir lieber, wenn ich es wüßte. Ein Arzt sieht eine solche Krankheit mit entmutigender Regelmäßigkeit, und einige der Betroffenen sterben.«

»Seid Ihr sicher, daß der von Oliverio Pita geworfene Stein nicht die Ursache für den Tod von Guillermo de Roda war?«

»Dessen bin ich mir sicher.«

»Seid Ihr bereit, Euren Eid darauf zu leisten, Senor Medicus?«

»Das bin ich.«

Als die stadteigene Bibel gebracht wurde, legte Jona seine Hand darauf und schwor, daß seine Aussage der Wahrheit entspreche.

Der Kronanwalt nickte und befahl dem Angeklagten aufzustehen. Der Richter warnte den Jungen, daß er schnelle und schwere Strafe zu erwarten habe, falls eine seiner Taten ihn wieder vor die Schranken dieses Gerichts bringen sollte. Dann klopfte er ein letztes Mal mit seinem schweren Ring auf den Tisch und erklärte Oli-verio Pita für frei.

»Senor«, sagte Jose Pita. Er hatte noch immer seinen weinenden Sohn im Arm. »Wir sind für alle Zeit in Eurer Schuld.«

»Ich habe nur die Wahrheit bezeugt«, sagte Jona.

Dann flüchtete er, und während er aus der Stadt hinausritt, versuchte er die kalte Abneigung zu vergessen, die er in Ramiro de Rodas Augen gesehen hatte. Er wußte, die Familie Roda und ihre Freunde würden bis ins Grab glauben, daß der junge Guillermo von einem geworfenen Stein getötet worden war, aber Jona hatte die Wahrheit bezeugt und war froh, daß er es hinter sich hatte.

Vom anderen Ende der Straße kam eine Gestalt auf ihn zu. Je näher sie einander kamen, um so deutlicher erkannte Jona den Mann.

Ein Geistlicher in schwarzer Kutte.

Ein Mönch. Groß.

O Gott, dachte Jona, denn jetzt sah er den unverkennbaren Buckel, den der Mann trug.

Sonst war niemand in der Nähe, nichts, was die Aufmerksamkeit hätte ablenken können, als Reiter und Fußgänger sich einan-der näherten. Sollte er an Fray Lorenzo de Bonestruca einfach vorbeireiten, als würde er ihn nicht kennen? Nein, entschied er, zu groß war die Gefahr, daß Bonestruca sich an ihn erinnerte. Denn Bonestruca wußte, daß jemand, der ihm einmal begegnet war, ihn wegen seines Aussehens so leicht nicht wieder vergessen würde.

»Ich wünsche Euch einen guten Tag«, sagte Jona, als sie sich begegneten, und Bonestruca nickte knapp.

Doch bevor Jonas Pferd ein halbes Dutzend Schritte gegangen war, hörte er die Stimme.

»Senor!«

Er wendete den grauen Araber und kehrte zu dem Mönch zurück.

»Ich meine Euch zu kennen, Senor.«

»Ja, Fray Bonestruca. Wir haben uns vor Jahren in Toledo kennengelernt.«

Bonestruca hob die Hand. »Ja, in Toledo. Aber... Euer Name...«

»Ramon Callico. Ich war nach Toledo gekommen, um dem Grafen von Tembleque eine Rüstung zu liefern.«

»Mein Gott, ja, der Lehrling des Waffenschmieds aus Gibraltar! Ich habe Graf Vascas schöne Rüstung bewundert, auf die er zu Recht stolz ist. Seid Ihr mit einem ähnlichen Auftrag hier in Saragossa?«

»Nein, ich wohne hier. Mein Meister und Onkel, der Waffenschmied Manuel Fierro, starb, und ich kam nach Saragossa, um bei seinem Bruder Nuno, einem Arzt, in die Lehre zu gehen.«

Bonestruca nickte interessiert. »Ich muß sagen, Ihr seid mit Onkeln wohl ausgestattet.«

»Da stimme ich Euch zu. Leider hat Nuno auch das Zeitliche gesegnet, und jetzt bin ich der Medicus dieses Ortes.«

»Der Medicus... Nun, dann werden wir uns gelegentlich sehen, denn ich habe mich hier niedergelassen.« »Ich bin mir sicher, daß Saragossa Euch gefallen wird, es ist eine Stadt guter Menschen.«

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