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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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An dieser Stelle schien der Sergeant zu bemerken, dass ihn alle Anwesenden im Schankraum mit großem Interesse anstarrten. Er blickte um sich, schnappte sich seinen Hut und stampfte zur Tür, wobei er mich im Vorübergehen zur Seite schob, so dass ich einen Schritt zurückstolperte.

Jamie ergriff meinen Arm, um mich zu stützen, und schlüpfte dann ebenfalls unter dem Türsturz hindurch. Ich folgte ihm und bekam gerade noch mit, wie er dem Sergeanten hinterherrief: »Murchison! Ich muss mit Euch reden!«

»Reden, was?«, sagte er. »Und was könntet Ihr mir wohl zu sagen haben, Mister Fraser?«

»Etwas Berufliches, Sergeant«, sagte Jamie kühl. Er deutete mit einem Nicken auf den Wagen, den wir unter einem Baum zurückgelassen hatten. »Wir haben Euch eine Leiche mitgebracht.«

Zum zweiten Mal verlor das Gesicht des Sergeanten jeden Ausdruck. Er blickte auf den Wagen, wo Fliegen und Mücken sich in kleinen Wolken gesammelt hatten und träge über der offenen Ladefläche kreisten.

»So.« Er war Berufssoldat, sein Benehmen blieb zwar unvermindert feindselig, doch das Blut wich aus seinem Gesicht, und seine geballten Fäuste entspannten sich.

»Eine Leiche? Wessen Leiche?«

»Ich habe keine Ahnung, Sir. Ich hatte die Hoffnung, dass Ihr es uns vielleicht sagen könntet. Wollt Ihr nachsehen?« Er wies kopfnickend auf den Wagen, und nach einem Augenblick des Zögerns nickte der Sergeant ebenfalls und schritt zum Wagen.

Ich eilte Jamie hinterher und kam gerade rechtzeitig, um das Gesicht des Sergeanten zu sehen, als er den Rand des improvisierten Leichentuches zurückzog. Er hatte nicht die geringste Erfahrung darin, wie man seine Gefühle verbarg – vielleicht war das in seinem Beruf nicht nötig. Schrecken flackerte über sein Gesicht wie ein Sommergewitter.

Jamie konnte das Gesicht des Sergeanten genauso gut sehen wie ich.

»Ihr kennt sie also?«, sagte er.

»Ich – sie – das heißt … ja, ich kenne sie.« Der Mund des Sergeanten klappte abrupt zu, als hätte er Angst davor, noch mehr Worte entweichen zu lassen. Er starrte weiter auf das Gesicht des toten Mädchens, während sein eigenes sich verschloss und jedes Gefühl darin gefror.

Ein paar Männer waren uns aus dem Wirtshaus gefolgt. Sie hielten zwar diskret Abstand, doch zwei oder drei von ihnen reckten neugierig die Hälse. Es würde nicht lange dauern, bis der ganze Distrikt wusste, was sich bei der Sägemühle zugetragen hatte. Ich hoffte, dass Duncan und Ian weitergekommen waren.

»Was ist mit ihr geschehen?«, fragte der Sergeant und sah auf das erstarrte, weiße Gesicht herab. Sein eigenes Gesicht war fast genauso bleich.

Jamie beobachtete ihn genau, ohne es zu verhehlen.

»Ihr kennt sie also?«, sagte er noch einmal.

»Sie ist – sie war – eine Wäscherin. Lissa – Lissa Garver heißt sie.« Der Sergeant sprach mechanisch und blickte immer noch auf den Wagen herab, als könnte er sich nicht von dem Anblick losreißen. Sein Gesicht war ausdruckslos, doch seine Lippen waren weiß, und er hatte die Hände an seinen Seiten zu Fäusten geballt. »Was ist passiert?«

»Hat sie Verwandte in der Stadt? Einen Ehemann vielleicht?«

Es war eine naheliegende Frage, doch Murchisons Kopf schoss hoch, als hätte Jamie ihn gestochen.

»Das geht Euch nichts an, oder?«, sagte er. Er starrte Jamie aus weit aufgerissenen Augen an und entblößte die Zähne zu einem Ausdruck, der Höflichkeit hätte sein können, aber keine war. »Sagt mir, was ihr zugestoßen ist.«

Jamie zuckte mit keiner Wimper, als sein Blick den des Sergeanten traf.

»Sie wollte ein Kind abtreiben, und es ist schiefgegangen«, sagte er leise. »Wenn sie einen Mann hat, muss man es ihm sagen. Wenn nicht – wenn sie keine Verwandten hat –, werde ich dafür sorgen, dass sie anständig beerdigt wird.«

Murchison wandte den Kopf, um noch einmal in den Wagen zu blicken.

»Sie hat jemanden«, sagte er kurz. »Ihr braucht Euch nicht zu bemühen.« Er wandte sich ab und rieb sich mit der Hand so heftig über das Gesicht, als wollte er jegliches Gefühl wegwischen. »Geht in meine Schreibstube«, sagte er mit halberstickter Stimme. »Ihr müsst eine Aussage machen – beim Schreiber. Geht!«

Die Schreibstube war leer; zweifellos saß jetzt der Schreiber beim Mittagessen. Ich setzte mich zum Warten nieder, doch Jamie durchstreifte ruhelos den Raum, und sein Blick huschte von den Regimentsbannern an der Wand zu dem Schubladenschrank in der Ecke hinter dem Schreibtisch.

»Verdammtes Pech«, sagte er halb zu sich selbst. »Ausgerechnet Murchison.«

»Du kennst den Sergeanten also gut?«

Er sah mich mit ironisch verzogenen Lippen an.

»Ziemlich gut. Er war bei der Garnison im Gefängnis von Ardsmuir.«

»Ich verstehe.« Dann waren sie also nicht unbedingt die besten Freunde. Es war stickig in der kleinen Stube; ich betupfte ein Schweißrinnsal, das mir zwischen den Brüsten hinunterlief. »Was glaubst du, was er hier verloren hat?«

»Das weiß ich; er hatte das Kommando über die Gefangenen, als sie deportiert wurden. Vermutlich hatte die Krone keinen Grund, ihn nach England zurückzuholen, wo man doch hier Soldaten brauchte – es war nämlich während des Kriegs mit den Franzosen, aye?«

»Und was war das mit seinem Bruder?«

Er schnaubte, ein kurzes, humorloses Geräusch.

»Sie waren zu zweit – Zwillinge. Klein Billy und Klein Bobby haben wir sie genannt. Ähnelten sich wie ein Ei dem anderen, und zwar nicht nur äußerlich.«

Er hielt inne, um seine Gedanken zu ordnen. Er sprach nicht oft über seine Zeit in Ardsmuir, und ich sah, wie sich sein Gesicht verdüsterte.

»Du kennst vielleicht die Sorte Mensch, die allein ganz anständig ist, sich aber zu mehreren aufführt wie ein Rudel Wölfe?«

»Du tust den Wölfen unrecht«, sagte ich lächelnd. »Denk an Rollo. Aber ich weiß, was du meinst.«

»Dann eben Schweine. Bestien jedenfalls, wenn sie zusammen auftreten. In der Armee gibt es viele solche Männer, deshalb funktionieren Armeen ja: In der Masse tun Menschen fürchterliche Dinge, die ihnen allein nicht im Traum einfallen würden.«

»Und die Murchisons waren nie allein?«, fragte ich langsam.

Er nickte sachte.

»Aye, so ist es. Sie waren immer zu zweit. Und wovor der eine Skrupel hatte, davor hatte der andere keine. Und wenn es einmal Ärger gab – tja, natürlich konnte niemand sagen, wer der Schuldige war, nicht wahr?«

Er strich immer noch ruhelos wie ein eingesperrter Panther umher. Er blieb am Fenster stehen und blickte hinaus.

»Ich – die Gefangenen – wir konnten uns zwar über die Misshandlungen beschweren, doch die Offiziere konnten nicht beide für etwas bestrafen, woran nur der eine Schuld hatte, und man wusste nur selten, vor welchem Murchison man gerade auf dem Boden lag, einen Stiefel zwischen den Rippen, oder welcher einen gefesselt an einem Haken baumeln ließ, bis man sich zur Belustigung der Garnison in die Hosen machte.«

Sein Blick war auf irgendetwas draußen gerichtet, seine Miene unverstellt. Er hatte von Bestien gesprochen – ich konnte sehen, dass die Erinnerungen eine geweckt hatten. Das Licht fing sich in seinen Augen, saphirblau und reglos.

»Sind sie beide hier?«, fragte ich – nicht nur, weil ich es wissen wollte, sondern auch, um den beunruhigend starren Blick zu vertreiben.

Es funktionierte; er wandte sich abrupt vom Fenster ab. »Nein«, sagte er kurz. »Das hier ist Billy. Klein Bobby ist in Ardsmuir gestorben.« Seine beiden steifen Finger zuckten.

Ich hatte mich kurz gefragt, warum er heute Morgen statt einer Reithose den Kilt trug, wo doch der purpurne Tartan buchstäblich zu einem roten Tuch werden konnte, wenn er ihn einem englischen Soldaten so provokativ vorführte. Jetzt wusste ich es.

Man hatte ihm den Kilt schon einmal genommen und ihm damit auch seinen Stolz und seine Männlichkeit nehmen wollen. Der Versuch war fehlgeschlagen, und er beabsichtigte, diese Tatsache zu unterstreichen, ob das nun vernünftig war oder nicht. Vernunft hatte wenig mit jenem sturen Stolz zu tun, der Jahre ständiger Beleidigung überstehen konnte – und obwohl er beides hatte, konnte ich sehen, dass gegenwärtig der Stolz die Oberhand gewann.

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