Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Immerhin reduzierte die schwere Arbeit unser Gespräch auf ein Minimum, und ich konnte in Ruhe nachdenken. Nicht, dass meine Gedanken besonders beruhigend gewesen wären.
Eine Frau, die ein Kind abtreiben wollte, würde es in ihrem eigenen Zimmer, in ihrem eigenen Bett tun, wenn sie es allein machte. Es konnte für die Fremde nur einen Grund geben, sich an einen abgelegenen Ort wie diesen zu begeben: sich dort mit der Person zu treffen, die die Arbeit für sie erledigen würde, einer Person, die nicht zu ihr kommen konnte.
Wir mussten nach einer Sklavin im Umfeld der Sägemühle Ausschau halten, hatte ich ihm gesagt, einer Frau, die vielleicht einen Ruf als Hebamme hatte und über die die anderen Frauen redeten, die sie flüsternd weiterempfehlen würden.
Die Tatsache, dass ich wohl recht gehabt hatte, verschaffte mir keine Genugtuung. Die Engelmacherin war geflohen, aus Angst, dass die Frau uns gesagt haben könnte, wer die Tat begangen hatte. Wäre sie geblieben und hätte geschwiegen, hätte Farquard Campbell sich auf meine Aussage verlassen, dass die Frau es selbst gewesen war – konnte er doch kaum das Gegenteil beweisen. Doch wenn jemand anders herausfand, dass die Sklavin Pollyanne entflohen war – und man würde es selbstverständlich herausfinden! –, und sie gefangen und verhört wurde, dann würde die ganze Sache sofort herauskommen. Und was dann?
Ich erschauerte trotz der Hitze. Fand das Gesetz des Blutvergießens in diesem Fall Anwendung? Das sollte es wohl, dachte ich, während ich grimmig noch einen Eimer Wasser über die weißen Glieder schüttete – falls Quantität irgendeine Rolle dabei spielte.
Der Teufel sollte die Frau holen, dachte ich, indem ich das nutzlose Mitleid unter meinem Ärger verbarg. Das Einzige, was ich jetzt noch für sie tun konnte, war, hinter ihr aufzuräumen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und vielleicht zu versuchen, ihre Mitspielerin in dieser Tragödie zu retten, die arglose Frau, die ohne böse Absicht einen Mord begangen hatte, wo sie doch nur hatte helfen wollen, und die jetzt vielleicht mit ihrem eigenen Leben für diesen Fehler bezahlen musste.
Ich sah, dass Jamie die Weinflasche geholt hatte; er trank im Wechsel mit Farquard Campbell, und beide unterhielten sich angeregt, wobei sie gelegentlich auf die Sägemühle, den Fluss oder in Richtung Stadt deuteten.
»Habt Ihr was, womit ich sie kämmen kann, Ma’am?«
Phaedres Frage lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf meine eigentliche Aufgabe. Sie hockte neben der Leiche und befühlte kritisch deren wirres Haar.
»Würde sie nur ungern so ins Grab legen, das arme Kind«, sagte sie und schüttelte den Kopf.
Phaedre kam mir kaum älter vor als die Tote – und es spielte sowieso kaum eine Rolle, ob die Leiche wohlfrisiert beerdigt wurde. Dennoch suchte ich in meiner Tasche und zog einen kleinen Elfenbeinkamm heraus, mit dem sich Phaedre leise summend ans Werk machte.
Mr. Campbell brach auf. Ich hörte das Zaumzeug seines Gespanns knarren, und die Pferde stampften erwartungsvoll, als der Kutscher aufsaß. Mr. Campbell erblickte mich und verbeugte sich tief, den Hut in der Hand. Ich deutete meinerseits einen Knicks an und sah erleichtert zu, wie er davonfuhr.
Phaedre hatte ebenfalls in ihrer Arbeit innegehalten und sah der abfahrenden Kutsche nach.
Sie murmelte etwas und spuckte in den Staub. Sie tat es ohne erkennbare Bösartigkeit – es war eine Geste, die das Böse fernhalten sollte und die ich schon öfter beobachtet hatte. Sie blickte zu mir auf.
»Mister Jamie sollte Pollyanne besser vor Sonnenuntergang finden. Im Kiefernwald sind wilde Tiere, und Mister Ulysses sagt, die Frau hat zweihundert Pfund gekostet, als Miss Jocasta sie gekauft hat. Sie kennt den Wald nicht, die Pollyanne; sie ist erst vor einem Jahr aus Afrika gekommen.«
Ohne weiteren Kommentar beugte sie sich wieder über ihre Arbeit, und ihre Finger wanderten dunkel und wieselflink über das feine Seidenhaar der Toten.
Ich machte mich ebenfalls ans Werk und stellte mit einigem Schrecken fest, dass das Netz der Umstände, das Jamie umgab, mich ebenfalls erfasst hatte. Ich blieb nicht unbeteiligt, wie ich gedacht hatte – das wäre nicht einmal dann möglich gewesen, wenn ich es gewollt hätte.
Phaedre hatte mir nicht deshalb geholfen, Pollyanne zu finden, weil sie mir vertraute oder mich mochte, sondern weil ich die Frau des Herrn war. Pollyanne musste gefunden und versteckt werden. Und Jamie, so dachte sie, würde Pollyanne selbstverständlich finden und verstecken, sie war schließlich sein Eigentum – oder Jocastas, aber das lief in Phaedres Augen sicher auf dasselbe hinaus.
Schließlich lag die Fremde sauber auf dem zerschlissenen Laken, das ich als Leichentuch mitgebracht hatte. Phaedre hatte ihr das Haar gekämmt und geflochten, und nun ergriff ich das große Steingutgefäß mit den Kräutern. Ich hatte sie aus Gewohnheit wie auch aus gutem Grund mitgebracht, und jetzt war ich froh darum – nicht so sehr, weil ich sie gegen den Verwesungsprozess brauchte, sondern weil sie den einzigen – und notwendigen – Hauch einer Zeremonie beisteuerten.
Es war schwer, diesen stinkenden Klumpen mit der kleinen Hand in Verbindung zu bringen, die sich an die meine geklammert hatte, mit dem furchtsamen Flüstern, das »sagt …« in die erdrückende Dunkelheit gehaucht hatte. Und dennoch war die Erinnerung an sie, an ihr letztes Lebensblut, das sich heiß über meine Hand ergoss, in meinen Gedanken lebendiger als dieser Anblick ihrer leeren Hülle, die nackt in den Händen von Fremden lag.
Der nächste Priester wohnte in Halifax, daher würde sie ohne Zeremonie beerdigt werden – doch was hätten ihr die Riten genützt? Beerdigungsrituale dienen den Hinterbliebenen zum Trost. Es war unwahrscheinlich, dass sie jemanden hinterlassen hatte, der um sie trauern würde, dachte ich, denn hätte ihr jemand nahegestanden – Familie, Ehemann, selbst ein Liebhaber –, dann wäre sie jetzt wahrscheinlich nicht tot.
Ich hatte sie nicht gekannt, sie würde mir nicht fehlen – doch ich trauerte um sie, um sie und ihr Kind. Und so kniete ich mich mehr um meinet- als um ihretwillen neben sie und verstreute meine Kräuter: duftend und bitter, Gartenraute und Ysopblüten, Rosmarin, Thymian und Lavendel. Ein Strauß der Lebenden für die Tote – ein kleines Zeichen der Erinnerung.
Phaedre sah kniend zu und schwieg. Dann streckte sie die Hand aus und legte dem toten Mädchen das Leichentuch sanft über das Gesicht. Jamie war ebenfalls gekommen, um zuzusehen. Wortlos bückte er sich, hob sie auf und trug sie zum Wagen.
Er sagte nichts, bis ich eingestiegen war und mich neben ihn gesetzt hatte. Er ließ die Zügel auf die Pferderücken klatschen und schnalzte mit der Zunge.
»Dann wollen wir mal den Sergeanten suchen«, sagte er.
Natürlich mussten wir uns zuerst um ein paar andere Dinge kümmern. Wir kehrten nach River Run zurück, um Phaedre zurückzubringen. Jamie verschwand, um Duncan zu suchen und seine schmutzige Kleidung zu wechseln, während ich nach meinem Patienten sah und Jocasta mit den Ereignissen des Morgens vertraut machte.
Ich hätte mir bei beiden die Mühe sparen können: Farquard Campbell saß im Frühstückszimmer und schlürfte Tee mit Jocasta, John Myers lag der Länge nach auf der grünen Chaiselongue ausgestreckt, ein Cameronplaid um seine Lenden geschlungen, und kaute fröhlich ein Brötchen. Der ungewohnten Sauberkeit seiner nackten Beine und Füße nach zu urteilen, die aus der Tartandecke ragten, hatte sich jemand in der Nacht zuvor den Zustand seiner vorübergehenden Bewusstlosigkeit zunutze gemacht und ihm ein Bad verabreicht.
»Meine Liebe.« Beim Klang meiner Schritte wandte Jocasta den Kopf und lächelte, obwohl ich Sorgenfalten zwischen ihren Augenbrauen sah. »Setz dich, Kind, und nimm etwas zu dir; du hast sicher letzte Nacht nicht geschlafen – und wie es scheint, hattest du einen furchtbaren Morgen.«
Normalerweise hätte ich es entweder amüsant oder beleidigend gefunden, wenn mich jemand »Kind« nannte; unter den gegenwärtigen Umständen war es seltsam beruhigend. Ich sank dankbar in einen Armsessel, ließ mir von Ulysses eine Tasse Tee einschenken und fragte mich derweil, was genau Farquard Jocasta erzählt hatte – und wie viel er wusste.