Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Als jemand, der es gewohnt war, die Eindrücke und Empfindungen anderer zu beeinflussen, dachte er sich zudem, dass der Anblick des militärischen Gepränges, das mit Anbruch des Tageslichts um das Gefängnis herum entfaltet werden würde, dem Mut des Gefangenen den Todesstoß versetzen und den Bedauernswerten zu einem lückenlosen Geständnis bewegen musste.
Bedenkt man die Verfassung des unglücklichen Verschwörers, als dieser Murat durch den Arzt ausrichten ließ, er habe ihm Enthüllungen zu machen, wird man verstehen, dass dieser Zustand sich zwangsläufig verschlechtert hatte, als keine Antwort erfolgt war, der Gouverneur von Paris nicht von sich hatte hören lassen.
In seiner völligen Verzweiflung war der Bedauernswerte zu einem Geschöpf geworden, das kraftlos, zu jeder Regung unfähig, wie ein Kind den Tod erwartete, seinen Todesängsten und -qualen ausgeliefert. Die Augen auf das Fenster gerichtet, aus dem man auf die Straße sah, erwartete er zitternd die Strahlen des ersten Tageslichts.
Gegen fünf Uhr morgens zuckte er zusammen, als er Räderrollen vernahm und ein Wagen vor dem Gefängnistor anhielt. Kein Geräusch entging ihm, weder das Öffnen und schwerfällige Schließen des Tores noch die Schritte im Flur; es waren die Schritte von mehreren Personen; sie machten vor der Tür halt, und der Schlüssel drehte sich klirrend im Schloss. Die Tür wurde geöffnet. Ein Rest von Hoffnung ließ ihn den Blick auf den Eintretenden richten; er hoffte, Murat in seinem prunkvollen Aufzug zu erblicken, voller Federn und Goldstickerei unter seinem Umhang; stattdessen erblickte er einen schwarz gekleideten Mann, der ihm trotz seiner sanften und ehrlichen Miene von finsteren Dingen zu künden schien.
In Kandelabern an der Wand wurden Kerzen entzündet. Réal sah sich um, denn er merkte, dass er sich nicht in einer Kerkerzelle befand. In der Tat hatte man den Gefangenen in die Kanzlei des Gerichtsschreibers gebracht, weil man um sein Leben zu fürchten begonnen hatte.
Réal sah ein Bett, auf das der Verurteilte sich hatte sinken lassen, ohne etwas abzulegen; dann richtete er den Blick auf das Gesicht des Unglücklichen, der ihm die Hände entgegenstreckte.
Réal machte ein Zeichen. Man ließ ihn allein mit demjenigen, den er befragen wollte.
»Ich bin«, sagte er, »Oberrichter Réal. Sie haben die Absicht bekundet, Enthüllungen zu machen, und ich bin gekommen, um sie entgegenzunehmen.«
Der Mann, zu dem er sprach, wurde von einem so heftigen Nervenzittern heimgesucht, dass er vergebens zu antworten versuchte; seine Zähne klapperten, und auf seiner Miene zeigten sich erschreckende Konvulsionen.
»Beruhigen Sie sich«, sagte der Staatsrat zu ihm; obwohl er es gewohnt war, mit Menschen zu tun zu haben, denen der Tod bevorstand, hatte er noch nie jemanden erlebt, der sich so schrecklich davor fürchtete. »Denken Sie, Sie können mir jetzt antworten?«
»Ich will es versuchen«, erwiderte der Unglückliche, »aber wozu? Wird es in zwei Stunden etwa nicht aus und vorbei mit mir sein?«
»Es liegt nicht in meiner Macht, Ihnen etwas zu versprechen«, sagte Réal, »doch falls sich das, was Sie mir zu sagen haben, als so außergewöhnlich wichtig erweisen sollte, wie Sie behaupten...«
»Ach! Beurteilen Sie es selbst!«, rief der Gefangene. »Warten Sie, was wollen Sie wissen? Was wollen Sie von mir erfahren? Leiten Sie mich, ich bin völlig kopflos.«
»Beruhigen Sie sich und antworten Sie auf meine Fragen. Wie heißen Sie?«
»Querelle.«
»Was waren Sie?«
»Arzt.«
»Wo lebten Sie?«
»In Biville.«
»Nun gut; nun ist es an Ihnen, mir zu erzählen, was Sie mir zu sagen haben.«
»Im Namen Gottes, vor dem ich mich zu verantworten haben werde, schwöre ich, Ihnen die Wahrheit zu sagen, aber dennoch werden Sie mir nicht glauben.«
»Ich weiß, was Sie sagen wollen«, sagte Réal, »Sie sind unschuldig, nicht wahr?«
»Ja, das schwöre ich Ihnen.«
Réal machte eine Handbewegung.
»Unschuldig an dem, was man mir zu Last legt«, fuhr der Gefangene fort, »und ich hätte meine Unschuld beweisen können.«
»Warum haben Sie es nicht getan?«
»Weil ich dann ein Alibi hätte nennen müssen, das mich von der einen Tat losgesprochen und mich einer anderen überführt hätte.«
»Sie haben also doch konspiriert?«
»Ja, aber nicht mit Picot und Lebourgeois. Ich hatte nichts mit der Verschwörung um die Höllenmaschine zu tun, das schwöre ich Ihnen. Zu jener Zeit war ich mit Georges Cadoudal in England.«
»Und seit wann sind Sie in Frankreich?«
»Seit zwei Monaten.«
»Sie haben Georges also vor zwei Monaten verlassen.«
»Ich habe ihn nicht verlassen.«
»Wie! Sie wollen ihn nicht verlassen haben? Aber wenn Sie in Paris sind und er in England ist, dann müssen Sie ihn ja wohl verlassen haben!«
»Georges ist mitnichten in England.«
»Wo ist er dann?«
»In Paris.«
Réal sprang von seinem Stuhl auf. »In Paris?«, rief er. »Unmöglich!«
»Aber so ist es; wir sind zusammen hergekommen, und ich habe noch am Tag vor meiner Verhaftung mit ihm gesprochen.«
Georges befand sich also seit zwei Monaten in Paris! Die Enthüllungen des Gefangenen waren noch weitaus bedeutsamer, als man für möglich gehalten hätte.
»Und wie sind Sie nach Frankreich zurückgekommen?«, fragte Réal.
»Über die Klippe von Biville. Es war an einem Sonntag, eine kleine englische Slup hat uns dort abgesetzt; wir wären um ein Haar ertrunken, weil der Seegang so heftig war.«
»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Réal, »das ist alles weitaus wichtiger, als ich dachte, mein Lieber; versprechen kann ich nichts, aber dennoch... Fahren Sie fort. Zu wie vielen waren Sie?«
»Bei der ersten Landung waren wir neun.«
»Wie viele weitere Landungen sind erfolgt?«
»Drei.«
»Und wer hat Sie an Land empfangen?«
»Der Sohn eines Mannes, der das Gewerbe des Uhrmachers ausübt; er hat uns zu einem Bauernhof geführt, dessen Namen ich nicht weiß. Dort sind wir für drei Tage geblieben, und dann haben wir uns von Hof zu Hof bis nach Paris geschlichen. Und in Paris haben uns Freunde von Georges in Empfang genommen.«
»Wissen Sie deren Namen?«, fragte Réal.
»Ich kenne nur zwei von ihnen: den ehemaligen Adjutanten Sol de Grisolles und einen gewissen Charles d’Hozier.«
»Hatten Sie die beiden früher schon einmal gesehen?«
»Ja, in London, ein Jahr zuvor.«
»Und was ist dann geschehen?«
»Die beiden Herren haben Georges in ein Kabriolett steigen lassen, wir anderen haben die Stadt zu Fuß an verschiedenen Schlagbäumen betreten. In zwei Monaten habe ich Georges nur dreimal an verschiedenen Orten gesehen, und jedes Mal hat er mich rufen lassen.«
»Und wo haben Sie ihn zum letzten Mal getroffen?«
»Bei einem Weinhändler, dessen Laden an der Ecke der Rue du Bac und der Rue de Varenne liegt. Ich hatte keine dreißig Schritte auf der Straße getan, als ich verhaftet wurde.«
»Haben Sie danach von ihm gehört?«
»Ja, er hat mir durch Fauconnier, den Kerkermeister des Temple, hundert Francs übergeben lassen.«
»Glauben Sie, dass er sich noch immer in Paris aufhält?«
»Ich bin mir sicher. Er wartete auf weitere Landungen; ohnehin sollte nichts geschehen, bevor sich nicht ein Prinz aus dem Hause Frankreich in Paris befand.«
»Ein Prinz aus dem Hause Frankreich!«, rief Réal. »Haben Sie je den Namen dieses Prinzen zu hören bekommen?«
»Nein, Monsieur.«
»Gut«, sagte Réal und erhob sich.
»Monsieur«, rief der Gefangene und ergriff Réals Hand, »ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß, obwohl ich in den Augen meiner Kameraden nun ein Verräter, ein Feigling, ein Nichtswürdiger bin.«