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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Wie die Druiden, dachte sie traurig. Sie waren Opfer eines irregeleiteten Verlangens nach Wissen, eines unverständigen Vertrauens in die eigenen Kräfte, eines einfältigen Glaubens, daß sie etwas beherrschen könnten, was seiner reinen Natur nach wirklich unzuverlässig war.

Wie hatten sie es so weit kommen lassen können, die Angehörigen eines Volkes mit so langer Erfahrung im Umgang mit der Magie, eines Feenvolks, das aus der Verwüstung der alten Welt durch Erfahrungen in die neue Welt gebracht worden war, aus denen sie hätten lernen müssen? Sie hatten doch sicherlich irgendeine vage Ahnung von den Gefahren gehabt, denen sie begegnen würden, wenn sie anfingen, die Natur nach ihrem eigenen Bild umzuformen, das einer krankhaften Phantasie entsprungen war. Sicherlich hatten sie erkannt, daß etwas falsch war. Und doch hatte der Lauf der Zeit die Elfen genauso menschlich wie die anderen Rassen werden lassen, sie von Feenwesen in Sterbliche verwandelt und ihre Wahrnehmungen und ihr Wissen verändert. Warum sollten sie nicht wie jeder andere auch Fehler machen können – wie jeder andere sie auch tatsächlich schon gemacht hatte, von den Druiden bis hin zu den Menschen?

Die Elfen. Sie war ja auch eine von ihnen, und, noch schlimmer, sie war eine Elessedil. Wie sehr sie es sich auch anders wünschen mochte, sie würde an der Schuld daran zugrunde gehen, was deren falsche Einschätzungen hervorgebracht hatten, und an den Gewissensbissen, was ihre Torheit gekostet hatte. Ein Land, ein Volk, unzählige Leben, die Gesundheit und der Frieden einer Welt – sie hatten die Ereignisse in Bewegung gesetzt, die das alles zerstören würden. Ihr Volk. Sie konnte vielleicht dagegenhalten, daß sie selbst eine Fahrende war und daß sie nichts mit den Elfen gemein hatte, außer ihrer Blutlinie und ihrem Aussehen, aber das Argument schien hohl und schwach. Verantwortung begann und endete nicht mit persönlichen Bedürfnissen – soviel hatte Garth sie gelehrt. Sie war ein Teil von allem um sie herum, und nicht nur das Überleben, sondern auch ihr Platz im Leben hing unmittelbar davon ab, ob sie diese Wahrheit akzeptierte. Sie konnte nicht vor allem Unangenehmen in der Welt zurückweichen. Sie würde aber auch ihren Schmerz nie vergessen können. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der die Elfen die ersten unter den Heilern gewesen waren und in der es ihre Aufgabe gewesen war, das Land als Einheit zu bewahren und auch anderen die Weisheit, dies zu tun, nahezubringen. Was war mit diesem Auftrag geschehen? fragte sie sich. Wieso waren die Elfen so fehlgeleitet worden?

Sie aß, ohne zu schmecken, was sie aß, und sie sprach wenig und war in ihre Gedanken eingesponnen. Eowen saß ihr mit gesenkten Blicken gegenüber. Garth und die anderen Männer gingen an ihnen vorbei, ohne sie zu sehen, da sie sich auf den Weg vor ihnen konzentrieren. Stresa war bereits fort, erkundete die Gegend, um sich des Weges zu versichern. Faun lag wie ein Fellball auf ihrem Schoß.

Was soll ich tun? fragte sie sich selbst verzweifelt. Welche Wahl habe ich?

Sie setzten den Aufstieg auf den Blackledge fort, und noch immer konnte sie sich nicht auf eine Antwort festlegen. Der Tag war dunkel und neblig wie alle anderen zuvor, die Sonne wurde vom Vog ferngehalten, und die Luft war erfüllt von Hitze und Asche und dem schwachen Geruch des Schwefels. Geräusche erhoben sich hinter ihnen aus den Sümpfen von Eden’s Murk, eine wahllose Ansammlung von Schreien und Rufen, Lautfetzen, die weit entfernt aus dem Nebel stiegen. Unter ihnen jagten Wesen nach Nahrung und kämpften darum, einen weiteren Tag zu überleben. Über ihnen war lediglich Schweigen, als gäbe es vor ihnen nur noch Wolken. Der Pfad war steil und gewunden, und er führte sie häufig im Kreis. Es war ein Gewirr von Simsen, Gefallen und Engpässen wie ein Irrgarten. Manchmal gingen schnell und wild Schauer über sie hinweg, wobei der Regen die Erde und den Fels rutschig werden ließ, bis er dann wieder von der Hitze verdrängt wurde.

Die Zeit verging, und Wrens Gedanken schweiften ab. Sie entdeckte, daß sie den Verlust von Erfahrungen fürchtete, an die sie zuvor keinen Gedanken verschwendet hatte. Sie war noch jung, kaum eine Frau, und die Möglichkeit, daß sie vielleicht niemals einen Mann oder Kinder haben könnte und vielleicht immer allein sein würde, traf sie schwer. Sie sah sich Gesichtern und Stimmen und kleinen Szenen aus einem imaginären Leben gegenüber, wo es diese Dinge gab, und ohne Grund und Sinn trauerte sie, als hätte sie sie verloren. Es war die Entdeckung, wer und was sie war, die diese Gefühle auslöste, sagte sie sich schließlich. Es war die Verpflichtung, die ihr auferlegt worden war, die Verantwortung, die sie trug, die sie mit diesem Gefühl der Einsamkeit und des Alleinseins umgab. Für sie gab es nichts, als von Morrowindl zu fliehen, das Schicksal des Elfenvolkes zu beschließen und mit den Schrecken, von denen sie jetzt wußte, zu Rande zu kommen. Nichts in ihrem Leben schien mehr einfach, und die normale Hoffnung auf eine Zukunft mit einem Ehemann und Kindern war so weit entfernt wie die Heimat, die sie zurückgelassen hatte.

Sie zwang sich jedoch, die Möglichkeit zu überdenken – vielleicht wurde dieser Gedanke auch durch das Bedürfnis hervorgerufen, irgendeinen Sinn in dem allem zu finden, was über sie gekommen war –, daß ihr von Allanons Schatten, von Ellenroh und genauso durch die Vorsehung vielleicht auch aufgetragen war, für ihr Volk sowohl Mutter als auch Frau zu sein, es als ihre Familie anzunehmen, es zu behüten, zu leiten und zu schützen und sein Leben zu überwachen, solange ihr eigenes währte. Ihr Geist wurde leicht, und ihr Empfinden den Dingen gegenüber immer klarer, denn sie hatte jetzt drei Tage lang kaum geschlafen, und ihre physische und psychische Kraft war erschöpft. Sie war nicht sie selbst, konnte sie argumentieren, und doch hatte sie sich in Wahrheit vielleicht gefunden. Es war Sinn in allem, und auch hierin mußte Sinn sein. Sie war ihrem Volk zurückgegeben worden, ihr war die Verantwortung darüber übertragen worden, ob es leben oder sterben sollte, und sie war zu seiner Königin gemacht worden. Sie hatte die Magie der Elfensteine entdeckt und Kontrolle über ihre Macht erlangt. Ihr war etwas erzählt worden, was niemand sonst wußte – die Wahrheit über die Herkunft der Schattenwesen. Warum? Sie zuckte im Geiste die Achseln. Warum nicht, wenn es keinen Unterschied machte? Nicht so sehr, was die Schattenwesen betraf, obwohl sie die Probleme und Lösungen nicht losgelöst betrachten konnte, wie schon Allanon angedeutet hatte, als er den Kindern von Shannara ihre Aufgaben übertragen hatte. Nicht so sehr, was die Zukunft der Rassen betraf, denn das war ein zu vielschichtiges Unterfangen für einen Menschen und mußte daher durch die Anstrengungen vieler und die Launen des Glücks entschieden werden. Aber wenn sie an die Elfen dachte, ihre Zukunft als Volk, an das Zurechtrücken von soviel Falschem und das Korrigieren so vieler Fehler – darin konnte sie vielleicht den Sinn ihres Lebens finden.

Es war ein ernüchternder Gedanke, und sie erwog diese Möglichkeit, während sie den Blackledge hinaufstieg. Sie war in sich selbst versunken, während sie auch darüber nachdachte, was ein Unterfangen solcher Bedeutung für Anforderungen an sie stellen würde. Sie war stark genug, das fühlte sie. Es gab nur wenig, was sie nicht vollbringen konnte, wenn sie sich erst einmal dafür entschieden hatte. Sie war entschlossen und hatte einen Sinn für Recht und Unrecht, der ihr auch bisher gute Dienste geleistet hatte. Sie war sich der Tatsache bewußt, daß sie eine Schuld einzulösen hatte – ihrer Mutter gegenüber, die alles geopfert hatte, damit ihr Kind eine Chance hätte, sicher aufzuwachsen, ihrer Großmutter gegenüber, die ihr die Zukunft einer Stadt und ihrer Menschen überantwortet hatte, und denen gegenüber, die bereits ihr Leben gegeben hatten, um ihres zu retten, und auch denen gegenüber, die bereit waren, dies noch zu tun, und die an sie glaubten.

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