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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Es war Eowen. Wren hob den Kopf, als sie sie erkannte, und beobachtete, wie die andere vorwärts kroch und sich vor ihr niederließ. Eowen war in ihren Kapuzenumhang gehüllt, ihr rotes Haar hing wirr herab, ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen weit geöffnet, und sie schaute, als habe sie gerade etwas Erschreckendes gesehen. Ihre Lippen zitterten, als sie zu sprechen begann, und dann fing sie an zu weinen. Wren streckte die Hand nach ihr aus und zog sie zu sich heran. Sie war überrascht über die Verwundbarkeit der anderen und darüber, wie deren Kräfte nachließen, was bis zum Tode der Königin noch nie sichtbar geworden war.

Eowen versteifte sich, wischte sich über die Augen und atmete tief die Nachtluft ein. Sie bemühte sich, ihre Fassung wiederzuerlangen. »Ich kann anscheinend nicht aufhören«, flüsterte sie. »Jedes Mal, wenn ich an sie denke, jedes Mal, wenn ich mich erinnere, beginne ich mich erneut zu grämen.«

»Sie hat dich sehr geliebt«, besänftigte Wren sie. Sie versuchte, Eowen etwas Trost zu spenden, und erinnerte sich dabei an ihre eigene Liebe.

Die Seherin nickte, senkte kurz die Augen und schaute dann wieder auf. »Ich bin gekommen, um dir die Wahrheit über die Elfen zu erzählen, Wren.«

Wren blieb still, sagte nichts, sondern wartete nur ab. Sie spürte, wie sich in ihr ein kalter, bodenloser Abgrund öffnete.

Eowen schaute zurück in die neblige Nacht, in das Nichts, das sie umgab, und seufzte. »Ich hatte vor langer Zeit einmal eine Vision, in der ich mich mit Ellenroh sah. Sie war lebendig und kraftvoll und strahlte vor einem blassen Hintergrund, der wie die Dämmerung im Winter wirkte. Ich war ihr Schatten, mit ihr verknüpft und an sie gebunden. Was auch immer sie tat, ich tat es auch – ich bewegte mich wie sie, sprach, wenn sie sprach, spürte ihr Glück und ihre Qual. Wir waren zu einer Einheit verschmolzen. Aber dann begann sie zu verblassen und zu verschwinden. Ihre Farbe begann zu verwischen, und ihre Umrisse begannen zu zerfließen. Sie verschwand – doch ich blieb. Ich war noch immer ein Schatten, der jetzt allein war und nach einem Körper suchte, an den ich mich würde binden können. Dann tauchtest du auf – ich kannte dich da noch nicht, aber ich wußte, wer du warst, Alleynes Tochter, Ellenrohs Enkelin. Du sahst mich an, und ich näherte mich dir. Während ich das tat, wurde die Luft um mich herum düster und drohend. Ein Nebel fiel über meine Augen, und ich konnte nur Rot sehen, einen leuchtenden, scharlachroten Dunst. Ich fror bis auf die Knochen, und es war kein Leben mehr in mir.«

Sie schüttelte langsam den Kopf. »Dann war die Vision vorbei, aber ich nahm ihre Bedeutung mit hinüber. Die Königin würde sterben, und wenn das geschah, würde auch ich sterben. Du würdest da sein, um es zu bezeugen – vielleicht auch, um daran teilzuhaben.«

»Eowen.« Wren sprach den Namen der Seherin sanft und erschreckt aus.

Die Seherin wandte sich schnell um, und ihre grünen Augen umwölkten sich: »Ich habe keine Angst, Wren. Die Gabe einer Seherin ist sowohl ein Geschenk als auch ein Fluch, aber immer die Richtschnur ihres Lebens. Ich habe gelernt, weder zu fürchten noch zu verleugnen, was sich mir zeigt, sondern es nur zu akzeptieren. Ich akzeptiere jetzt, daß meine Zeit in dieser Welt fast vorbei ist, aber ich will nicht sterben, ohne dir die Wahrheit gesagt zu haben, die du so verzweifelt wissen willst.«

Sie zog den Umhang fester um sich. »Die Königin konnte es nicht tun, weißt du. Sie konnte sich nicht dazu überwinden. Sie wollte sprechen. Sie hätte es vielleicht noch rechtzeitig getan. Aber es war das Entsetzen ihres Lebens, daß die Magie der Elfen soviel Unheil angerichtet und so sehr verletzt hat. Ich war Ellenroh mein ganzes Leben lang treu ergeben, aber ich bin jetzt durch ihren Tod dieser Treue entbunden – zumindest was das betrifft. Du mußt es wissen, Wren. Du mußt es wissen, und dann mußt du es beurteilen, wie du willst, denn du bist tatsächlich die Tochter deiner Mutter und dazu bestimmt, die Königin der Elfen zu sein. Das Elessedilblut spricht deutlich aus dir, und während du noch daran zweifelst, daß es so sein könnte, möchte ich dir versichern, daß es so ist. Ich habe es in meinen Visionen gesehen. Du bist die Hoffnung aller Elfen, jetzt und in Zukunft. Du bist gekommen, um sie zu retten, wenn es ihr Schicksal ist, gerettet zu werden. Und nachdem ich gesehen habe, daß du den Ruhkstab und den Loden angenommen hast, und weil ich weiß, daß die Elfensteine dich beschützen werden, sehe ich, daß dir nun nur noch alles erzählt werden muß, was vor dir verborgen wurde – das Geheimnis der Wiedergeburt der Elfenmagie und die Gründe für die Verseuchung von Morrowindl.«

Wren schüttelte schnell den Kopf. »Eowen, ich habe mich noch nicht wirklich entschieden...«, begann sie.

»Entscheidungen werden meist für uns getroffen, Wren Elessedil«, unterbrach Eowen sie. »Ich weiß das besser als du. Ich weiß das besser, als die Königin es je wußte, glaube ich. Sie war ein guter Mensch, Wren. Sie tat ihr Bestes, und du darfst ihr wegen dem, was ich dir jetzt erzählen werde, keinerlei Vorwürfe machen. Du mußt über das nachdenken, was ich sage. Wenn du das tust, wirst du erkennen, daß Ellenroh von Anfang an gefangen war und daß all ihre Entscheidungen, die sie scheinbar aus eigenem Willen getroffen hat, tatsächlich für sie getroffen wurden. Wenn sie die Wahrheit vor dir geheimhielt, dann war das so, weil sie dich so sehr liebte. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie dich verlieren könnte. Du warst alles, was ihr geblieben war.«

Das blasse Gesicht leuchtete im Dunst wie das eines Geistes. Ihre Stimme hatte sich wieder zu einem Flüstern gesenkt.

»Ja, Eowen«, erwiderte Wren weich. »Sie war ja auch alles, was mir geblieben war.«

Die schlanken Hände der Seherin streckten sich aus, um Wren zu berühren. Ihre Haut war so kalt wie Eis. Wren fröstelte gegen ihren Willen. »Dann höre gut zu, was ich sage, Tochter von Alleyne, wiedergefundenes Elfenkind. Höre sehr gut zu!«

Smaragdgrüne Augen glitzerten wie gefrorene Blätter bei Sonnenaufgang. »Als die Elfen das erste Mal nach Morrowindl kamen, war die Insel rein und unverdorben. Es war ein Paradies jenseits von allem, was sie sich je vorgestellt hatten, ganz sauber und neu und sicher. Die Elfen dachten daran, was sie zurückgelassen hatten – eine Welt, die bereits zu verderben begann, die überall kränkelte, wo die Schattenwesen ans Tageslicht geklettert waren und sich nährten, die niedergedrückt wurde durch das Gewicht der Föderation und bedroht war durch den Vormarsch der Heere, die nur Gehorsam kannten und niemals Fragen stellten. Es war eine alte Geschichte, Wren, und die Elfen hatten sie bereits endlose Generationen lang erduldet. Sie wollten davon nichts mehr wissen, sie wollten, daß es vorbei wäre.

Und so begannen sie zu beraten, wie sie ihre neu entdeckte Welt behüten und sich schützen könnten. Die Föderation würde eines Tages vielleicht beschließen, sich sogar über die Grenzen der Vier Länder hinaus auszudehnen. Die Schattenwesen würden dies sicherlich tun. Sie erkannten, daß nur die Magie sie beschützen konnte. Aber die Magie, auf die sie jetzt bauten, kam nicht aus dem Druidenwissen oder den Lehren der neuen Welt, sondern aus der wiederentdeckten Macht ihrer Anfänge. Magie wie diese war unermeßlich und ungezähmt und für diese Generation noch im Anfangsstadium. Aber sie vergaßen die Lektionen der Druiden, des Herrn der Zauberer und seiner Schädelträger, und all jener, die ihr schon zuvor zum Opfer gefallen waren. Sie wollten nicht weichen, so etwas müssen sie sich gesagt haben. Sie wollten klüger sein, vorsichtiger und geschickter, wenn sie sie anwandten.«

Eowen atmete noch einmal tief durch, und ihre Hände entließen Wrens, um das Gewirr von Haaren zurückzuschieben. »Einige hatten... Erfahrungen im Umgang mit der Magie. Sie schufen lebende Wesen, Wren – neue Arten, die ihren Bedürfnissen dienen konnten. Sie hatten eine Möglichkeit gefunden, die Substanz der Wesen aus der Natur herauszuziehen, und konnten sie unter Zuhilfenahme der Magie nähren, so daß sie, als sie wuchs, eine Abart des Wesens wurde, nach dessen Bild sie geformt worden war. Sie konnten von Hunden Hunde machen und von Katzen Katzen, nur daß sie größer, stärker, schneller und klüger waren. Aber das war erst der Anfang. Sie fanden schnell heraus, daß sie Lebensformen miteinander verbinden und so Tiere erschaffen konnten, die die wünschenswertesten Züge zweier Rassen aufwiesen. So entstanden die Stachelkatzen und Dutzende anderer Spezies in den ersten Experimenten mit dem neuen Gebrauch der Magie, Tiere, die denken und sprechen konnten wie Menschen, Tiere, die sich Nahrung suchen, jagen und gegen Feinde Wache stehen konnten, während die Elfen in Sicherheit blieben.

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